Donnerstag, 21. Juni 2018
 

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Interview mit Holger Schultze und Jürgen Popig

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nachtkritik.de: Steht das deutsche Theater mit der Tendenz zur Selbstgenügsamkeit allein da?

Holger Schultze: Nein, auch aus den Niederlanden hört man ähnliches. Dort gibt es derzeit beispielsweise keinen Übersetzerfonds. Das hat wohl mit einer Umstrukturierung zu tun, aber augenblicklich ist die Aktivität eben ganz zurückgefahren.

nachtkritik.de: Wann sind Ihnen diese Defizite von deutscher Seite aufgefallen?

Holger Schultze: Das war, als wir Anfang letzten Jahres im Rahmen dieses Wanderlust-Projektes erstmals nach Bulgarien fuhren. Da stellten wir, und übrigens auch die mitreisenden Journalisten, fest, dass es reichlich bulgarische Stücke gibt, aber eben nicht in deutscher Übersetzung. In englischer schon. Bestimmte Länder sind in unserer Wahrnehmung offenbar ausgeklammert. Deren Stücke kommen hier gar nicht mehr an.

nachtkritik.de: Woran liegt das?

Jürgen Popig: Die wichtigsten Vermittler sind natürlich die Verlage. Und die haben in manchen Ländern regelrechte Headhunter und in anderen keine. Da findet also eine große Vorselektion statt, und wenn es keine anderen Agenten gibt, die die jeweilige Literatur nach Deutschland vermittelt, dann sieht es schon schlecht aus.

Holger Schultze: Ja, man braucht einen Ansprechpartner im jeweiligen Land, der entweder Deutsch oder Englisch kann und außerdem noch über Theater Bescheid weiß. Wir hatten das Glück, etwa in Ungarn eine Frau zu treffen, die sich auch mit finnischem Theater auskennt und sowohl dort als auch im eigenen Land den Überblick hat. Es gibt also richtige Scouts, die von niemandem bezahlt werden und die Ihnen dann den Blick in dieses Land öffnen. Ansonsten kommen Sie an Stücke, die nicht übersetzt sind, nicht ran.

nachtkritik.de: Würden Sie den Verlagen da einen Vorwurf machen? Müssten die sich um diese Dinge mehr kümmern? Oder sind die Erwartungen an den europäischen Dialog auf dem Theater gesunken, und man schaut weniger herum?

Holger Schultze: Nein, das ist niemandem vorzuwerfen. Theater ist ja auch ein Markt. Und da geht es im Augenblick eben um Uraufführungen im eigenen Land. Schon Zweitaufführungen haben ein Aufmerksamkeitsproblem. Und die Erstaufführung eines ausländischen Stückes von einem Autor, den keiner kennt, umso mehr. Deswegen bündeln wir unser Interesse jetzt gleich zu einem Spektakel und stellen auch die ganze nächste Spielzeit unter dieses Motto. Und zwar beschäftigen wir uns nicht nur mit der Dramatik eines einzigen Landes, wie das zuweilen schon vorkommt – Konstanz macht russische Dramatik, Rostock finnische –, sondern wir wollen eine Vielfalt zeigen.

Jürgen Popig: Wobei übrigens auch die Stücke bekannter ausländischer Dramatiker teilweise gar nicht mehr übersetzt werden. Die von Sam Shephard zum Beispiel. Da sind die Verlage vorsichtig geworden. Sie können es sich nicht mehr leisten, etwas auf Halde liegen zu haben. Erst wenn sie jemanden haben, der es spielen will, lassen sie es übersetzen. Sonst nicht.

nachtkritik.de: Dass wir die anderen so wenig wahrnehmen ist das eine. Aber was tun denn die anderen Länder, um wahrgenommen zu werden? Das Goethe-Institut etwa ist ja sehr eifrig darin, anderen Ländern deutsche Stücke anzudienen.

Jürgen Popig: Die kulturpolitischen Leitlinien anderer Länder würden mich in der Tat interessieren. Warum kenne ich beispielsweise kein zeitgenössisches italienisches Stück? Warum gibt es dort kein Interesse, die anderen Länder mit der eigenen Dramatik zu versorgen? Wir werden sicher eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema machen.

nachtkritik.de: Und dann tauchen plötzlich Stücke auf, die 30 Mal inszeniert werden ...

Holger Schultze: ... wie von Yasmina Reza zum Beispiel. Das hat natürlich mit Moden zu tun. Reza bedient die ewige Suche nach dem anspruchsvollen Boulevardstück. Und in Bulgarien wiederum werden Stücke von Neil Simon gespielt, die man hier garnicht kennt.