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Interview mit Holger Schultze und Jürgen Popig

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nachtkritik.de: Wie ist Ihre Auswahl zustande gekommen? In welchen Ländern haben Sie geschaut? Wie sind Sie fündig geworden und nach welchen Kriterien?

Jürgen Popig: Nina Gühlstorff, Dorothea Schroeder und die Dramaturgie des Theaters, also meine Kollegen und ich, haben die Länder unter uns aufgeteilt, und da hat sich schnell herausgestellt, dass uns am meisten diejenigen Literaturen interessieren, von denen wir am wenigsten wissen. Und daher sind die klassischen Nachbarländer wie Frankreich und England nicht dabei, während der Balkan stark vertreten ist. Wobei wir auch keinen Balkan-Schwerpunkt wollten und deswegen ganz gezielt in alle Himmelsrichtungen die Fühler ausgestreckt haben. Und dann haben wir eben viele Stücke gelesen und mit Leuten gesprochen, die die Länder kennen oder von dort kommen, etwa mit der Ungarin, die den finnischen Autor Kristian Smeds empfohlen hat.

nachtkritik.de: Warum ist letztlich kein ungarisches Stück dabei?

Holger Schultze: Mit Ungarn haben wir uns wirklich stark beschäftigt, meine Frau ist Ungarin. Aber dort scheint es augenblicklich nichts zu geben, was unserem Bedürfnis nach Relevanz genügt. Denn es musste für uns bei jedem Stück einen Anlass geben, weswegen wir es nach Deutschland holen. Bei "Fragile!" war es das Migrantenthema. "Orangenhaut" haben wir genommen, weil man von einem Stück, das in Serbien ganz wichtig genommen wird, eigentlich erwartet, das ganz große politische Theater zu sein – und weil es das nun gerade gar nicht ist, sondern sich schon wieder ganz stark dem mitteleuropäischen Mainstream angepasst hat. Oder "Shakespeare is dead": Das zeigt, wie sich Menschen im globalisierten Europa bewegen. Wir haben versucht, ganz unterschiedliche Aspekte abzudecken und dabei über hundert Stücke diskutiert und natürlich wesentlich mehr gelesen.

Jürgen Popig: Beim Musiktheater war es anders. Da haben wir die Verlage um Einsendungen gebeten und haben dann geguckt, was wir am interessantesten fanden.

nachtkritik.de: Sie sprechen bei "Orangenhaut" von Maja Pelevic von "Mainstream". Dabei ist es sehr zweifelhaft, ob das Spiel mit den Frauenbildern dort das gleiche ist wie hier. Wird die Aggressivität, mit der das Stück teilweise operiert, in Serbien als progressiv aufgefasst? Hier wirkt sie eher plump. Oder übersieht man die Ironie? Und wenn man meint, Ironie festzustellen – projiziert man sie dann vielleicht?

Holger Schultze: Wenn Sie solche Fragen stellen, ist das Klassenziel schon erreicht. Sie sollen sich als deutsche Frau ja nicht in diesem serbischen Stück spiegeln. Sondern Sie sollen feststellen, dass es Bekanntes und Unbekanntes darin gibt. Denn das Spannende ist ja, dass man erst, indem man zusammenrückt, bemerkt, worin die kulturellen Unterschiede wirklich bestehen. Das erfahren wir mit unserem bulgarischen Partnertheater sehr konkret. Beim Frauenbild. Bei der Frage, was ein Intendant ist. Oder welche Bedeutung einzelne Bilder haben. Obwohl im Zusammenhang mit dem Thema Globalisierung immer so getan wird, als ob alles überall gleich ist, ist es das gar nicht. Und das beginnt nicht erst im Balkan. Schon im Austausch mit unserer neuen Tanzchefin, die aus den Niederlanden kommt, Nanine Linning, merke ich, dass das Theaterverständnis dort teilweise ein völlig anderes ist als hier.

nachtkritik.de: Die Auseinandersetzung mit europäischen Stücken also einerseits als Prozess des Kennenlernens und andererseits als Auslotung der Differenzen?

Holger Schultze: Ja, und natürlich, um eine reichere Theaterliteratur zu bekommen. Und dann gibt es auch noch einen ganz anderen Aspekt. Wir sprechen in Deutschland immer von den Migranten und dass die das Publikum der Zukunft sein könnten. Und mit der Präsentation von aktuellen Stücken aus deren Herkunftsländern kann man die natürlich ans Theater heranführen. Als wir das erste Gastpiel aus Bulgarien zeigten, waren im Zuschauerrum plötzlich gefühlte (ich habe das nicht nachgezählt) zweihundert Bulgaren. Und man merkte, dass die unser Theater vorher noch nie betreten hatten. Wir haben sie angesprochen und stellten fest, dass sie teilweise sogar aus Münster angereist waren, weil sie mitbekamen, dass hier etwas gezeigt wurde.

nachtkritik.de: Ein Stück, das Sie in deutscher Erstaufführung ankündigen, "Fragile!" von Tena Stivicic, wurde bereits im Oktober 2007 vom Theater TKO in Köln gezeigt. Ab wann gilt ein Stück als erstaufgeführt?

Holger Schultze: Dann, wenn es in autorisierter Übersetzung gezeigt wird. Wenn Sie im Internet suchen und auf die Kölner Inszenierung stoßen, wird Ihnen auffallen, dass da kein Übersetzer genannt wird. Weil, so stellt es zumindest der Kaiser Verlag dar, eine Schauspielerin des Kölner Ensembles den in englischer Sprache verfassten Text einfach auf eigene Faust übersetzt hat. In einer Fassung, die jetzt weder für den Verlag noch für die Autorin als existent angesehen wird.

nachtkritik.de: Wie wird das Stückeübersetzen denn honoriert? Ist das lukrativ?

Holger Schultze: Nein, überhaupt nicht. Das ist ja eine Katastrophe in Deutschland!

Jürgen Popig: Es gibt keinen verbindlichen Rahmen. Es gibt einige wenige Übersetzer, die sehr hohe Summen fordern und auch etwa verlangen, dass ihr Name immer mitgenannt und genauso groß gedruckt wird wie der des Autors. Aber die meisten bekommen sehr wenig Geld, im Durchschnitt 1.000 Euro. Für unser Festival haben wir zwei Stücke extra übersetzen lassen, das niederländische und das serbische, "Fahrradfahren für Malawi" und "Orangenhaut", und da haben wir eine Ahnung bekommen, wie stark in diesem Bereich das Gefälle ist.

nachtkritik.de: Einige Produktionen, die beim Festival gezeigt werden, gehen ja ins Repertoire. Besteht bei den anderen nicht die Gefahr, dass Sie die Stoffe mit der Kurzzeitpräsentation, die aber trotzdem als deutsche Erstaufführung gilt, für den deutschen Markt verbrennen?

Holger Schultze: Schon bei den vorigen Festivals haben wir es am Ende geschafft, alle Produktionen ins Repertoire zu holen, und das versuchen wir jetzt natürlich wieder. Aber es gibt natürlich auch für uns eine Grenze. Wir haben zwanzig, mit Gästen vielleicht zweiundzwanzig Schauspieler und müssen ja auch das sonstige Repertoire aufrechterhalten. Und ein Stoff ist sicher noch nicht "verbrannt", bloß weil wir eine Inszenierung daraus machen.

Interview: Wolfgang Behrens, Simone Kaempf, Petra Kohse

Mehr Informationen zu den MacherInnen des Festivals finden Sie hier.

Den Fall:Fragile!, die doppelte Erstaufführung des Stückes Fragile! also, hat sich Petra Kohse genauer angesehen.

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