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Interview mit Holger Schultze und Jürgen Popig

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Erst beim Zusammenrücken bemerkt man die Unterschiede

Berlin, April 2009. Intendant Holger Schultze und sein Leitender Dramaturg Jürgen Popig kommen zum Gespräch extra für einen Nachmittag nach Berlin, in die Kreuzberger "Textetage", wo die nachtkritik.de-Redakteurin Simone Kaempf ihr Büro hat. Schultze, der das Osnabrücker Theater seit 2005 leitet und zuvor Oberspielleiter in Augsburg und Bremerhaven war, ist gebürtiger Berliner. Ein freundlicher T-Shirt-Träger (schwarz natürlich, wie auch die Hose), der die Sätze zum Ende hin gerne leiser und immer schneller spricht. Weil er im Kopf dann vielleicht schon weiter ist. Oder den Impuls wichtiger findet als die minutiöse Ausführung. Ohnehin wirkt er wie einer, der loslassen und teilen kann. Mit Jürgen Popig etwa, der nicht weniger entspannt wirkt als sein Intendant und eigentlich lieber Fragen stellt, als Antworten zu stanzen. Wie Schultze ist er Jahrgang 1961, aber Schwabe, und war zwölf Jahre am Schauspiel Stuttgart, bevor er 2005 nach Osnabrück kam. Kekse auf dem Tisch, dem Kaffe wird Wasser vorgezogen bei der Hitze an diesem Vornachmittag des 1. Mai in Berlin. Mikro an. (peko)

nachtkritik.de: Im September werden Sie Ihre Spielzeit mit einem Spektakel zum Thema deutschsprachige Erstaufführungen beginnen. Was macht die europäische Dramatik für Osnabrück so dringlich?

Holger Schultze: Mit den Spieltriebe-Festivals wollen wir programmatisch ein Bewusstsein für die Probleme des zeitgenössischen Theaters schaffen. Und das waren vor vier Jahren die Uraufführungen, die damals noch recht spärlich waren, vor zwei Jahren die Zweitaufführungen, und jetzt haben wir festgestellt, dass sich das deutschsprachige Theater und die Feuilletons eigentlich kaum mit ausländischer Theaterliteratur beschäftigen.

Jürgen Popig: In Deutschland gibt es inzwischen viele gute Autoren, die aus den Schreibwerkstätten kommen und von den Theatern schnell entdeckt und oft auch gebunden werden. Auch wir haben mit Rebekka Kricheldorf und Dirk Laucke ja quasi zwei Hausautoren. Die Folge ist natürlich, dass die Theater weniger Kapazität haben, sich noch im Ausland nach neuen Stücken umzusehen. Das kann man auch der Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins entnehmen: Der Anteil der Ur- und deutschsprachigen Erstaufführungen hat zwar wie in jedem Jahr insgesamt zugenommen, aber der Anteil der Erstaufführungen ist im Verhältnis zurückgegangen.

nachtkritik.de: Das Florieren im eigenen Lande hat also zu Scheuklappen in Richtung Europa geführt?

Jürgen Popig: Nicht allgemein. Es gibt ja regelmäßig Festivals, auf denen man Produktionen aus ganz Europa sehen kann, die Biennale in Wiesbaden oder Theater der Welt, und die Kulturstiftung des Bundes fördert mit ihrem Wanderlust-Fonds explizit den Austausch unter europäischen Bühnen. Daran nehmen wir mit dem Drama Theater im bulgarischen Russe übrigens auch teil. Aber zu einem echten Austausch mit anderen Ländern gehört unserer Ansicht nach mehr, als sich gegenseitig zu besuchen und Gastspiele zu zeigen. Dazu gehört auch, dass man sich die gezeigten Stücke dann auch genauer ansieht, sie übersetzt und überlegt, ob sie für den deutschen Markt interessant sein könnten. Und diese Auseinandersetzung mit der Literatur eines anderen Landes ist deutlich zurückgegangen.


nachtkritik.de: Steht das deutsche Theater mit der Tendenz zur Selbstgenügsamkeit allein da?

Holger Schultze: Nein, auch aus den Niederlanden hört man ähnliches. Dort gibt es derzeit beispielsweise keinen Übersetzerfonds. Das hat wohl mit einer Umstrukturierung zu tun, aber augenblicklich ist die Aktivität eben ganz zurückgefahren.

nachtkritik.de: Wann sind Ihnen diese Defizite von deutscher Seite aufgefallen?

Holger Schultze: Das war, als wir Anfang letzten Jahres im Rahmen dieses Wanderlust-Projektes erstmals nach Bulgarien fuhren. Da stellten wir, und übrigens auch die mitreisenden Journalisten, fest, dass es reichlich bulgarische Stücke gibt, aber eben nicht in deutscher Übersetzung. In englischer schon. Bestimmte Länder sind in unserer Wahrnehmung offenbar ausgeklammert. Deren Stücke kommen hier gar nicht mehr an.

nachtkritik.de: Woran liegt das?

Jürgen Popig: Die wichtigsten Vermittler sind natürlich die Verlage. Und die haben in manchen Ländern regelrechte Headhunter und in anderen keine. Da findet also eine große Vorselektion statt, und wenn es keine anderen Agenten gibt, die die jeweilige Literatur nach Deutschland vermittelt, dann sieht es schon schlecht aus.

Holger Schultze: Ja, man braucht einen Ansprechpartner im jeweiligen Land, der entweder Deutsch oder Englisch kann und außerdem noch über Theater Bescheid weiß. Wir hatten das Glück, etwa in Ungarn eine Frau zu treffen, die sich auch mit finnischem Theater auskennt und sowohl dort als auch im eigenen Land den Überblick hat. Es gibt also richtige Scouts, die von niemandem bezahlt werden und die Ihnen dann den Blick in dieses Land öffnen. Ansonsten kommen Sie an Stücke, die nicht übersetzt sind, nicht ran.

nachtkritik.de: Würden Sie den Verlagen da einen Vorwurf machen? Müssten die sich um diese Dinge mehr kümmern? Oder sind die Erwartungen an den europäischen Dialog auf dem Theater gesunken, und man schaut weniger herum?

Holger Schultze: Nein, das ist niemandem vorzuwerfen. Theater ist ja auch ein Markt. Und da geht es im Augenblick eben um Uraufführungen im eigenen Land. Schon Zweitaufführungen haben ein Aufmerksamkeitsproblem. Und die Erstaufführung eines ausländischen Stückes von einem Autor, den keiner kennt, umso mehr. Deswegen bündeln wir unser Interesse jetzt gleich zu einem Spektakel und stellen auch die ganze nächste Spielzeit unter dieses Motto. Und zwar beschäftigen wir uns nicht nur mit der Dramatik eines einzigen Landes, wie das zuweilen schon vorkommt – Konstanz macht russische Dramatik, Rostock finnische –, sondern wir wollen eine Vielfalt zeigen.

Jürgen Popig: Wobei übrigens auch die Stücke bekannter ausländischer Dramatiker teilweise gar nicht mehr übersetzt werden. Die von Sam Shephard zum Beispiel. Da sind die Verlage vorsichtig geworden. Sie können es sich nicht mehr leisten, etwas auf Halde liegen zu haben. Erst wenn sie jemanden haben, der es spielen will, lassen sie es übersetzen. Sonst nicht.

nachtkritik.de: Dass wir die anderen so wenig wahrnehmen ist das eine. Aber was tun denn die anderen Länder, um wahrgenommen zu werden? Das Goethe-Institut etwa ist ja sehr eifrig darin, anderen Ländern deutsche Stücke anzudienen.

Jürgen Popig: Die kulturpolitischen Leitlinien anderer Länder würden mich in der Tat interessieren. Warum kenne ich beispielsweise kein zeitgenössisches italienisches Stück? Warum gibt es dort kein Interesse, die anderen Länder mit der eigenen Dramatik zu versorgen? Wir werden sicher eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema machen.

nachtkritik.de: Und dann tauchen plötzlich Stücke auf, die 30 Mal inszeniert werden ...

Holger Schultze: ... wie von Yasmina Reza zum Beispiel. Das hat natürlich mit Moden zu tun. Reza bedient die ewige Suche nach dem anspruchsvollen Boulevardstück. Und in Bulgarien wiederum werden Stücke von Neil Simon gespielt, die man hier garnicht kennt.


nachtkritik.de: Wie ist Ihre Auswahl zustande gekommen? In welchen Ländern haben Sie geschaut? Wie sind Sie fündig geworden und nach welchen Kriterien?

Jürgen Popig: Nina Gühlstorff, Dorothea Schroeder und die Dramaturgie des Theaters, also meine Kollegen und ich, haben die Länder unter uns aufgeteilt, und da hat sich schnell herausgestellt, dass uns am meisten diejenigen Literaturen interessieren, von denen wir am wenigsten wissen. Und daher sind die klassischen Nachbarländer wie Frankreich und England nicht dabei, während der Balkan stark vertreten ist. Wobei wir auch keinen Balkan-Schwerpunkt wollten und deswegen ganz gezielt in alle Himmelsrichtungen die Fühler ausgestreckt haben. Und dann haben wir eben viele Stücke gelesen und mit Leuten gesprochen, die die Länder kennen oder von dort kommen, etwa mit der Ungarin, die den finnischen Autor Kristian Smeds empfohlen hat.

nachtkritik.de: Warum ist letztlich kein ungarisches Stück dabei?

Holger Schultze: Mit Ungarn haben wir uns wirklich stark beschäftigt, meine Frau ist Ungarin. Aber dort scheint es augenblicklich nichts zu geben, was unserem Bedürfnis nach Relevanz genügt. Denn es musste für uns bei jedem Stück einen Anlass geben, weswegen wir es nach Deutschland holen. Bei "Fragile!" war es das Migrantenthema. "Orangenhaut" haben wir genommen, weil man von einem Stück, das in Serbien ganz wichtig genommen wird, eigentlich erwartet, das ganz große politische Theater zu sein – und weil es das nun gerade gar nicht ist, sondern sich schon wieder ganz stark dem mitteleuropäischen Mainstream angepasst hat. Oder "Shakespeare is dead": Das zeigt, wie sich Menschen im globalisierten Europa bewegen. Wir haben versucht, ganz unterschiedliche Aspekte abzudecken und dabei über hundert Stücke diskutiert und natürlich wesentlich mehr gelesen.

Jürgen Popig: Beim Musiktheater war es anders. Da haben wir die Verlage um Einsendungen gebeten und haben dann geguckt, was wir am interessantesten fanden.

nachtkritik.de: Sie sprechen bei "Orangenhaut" von Maja Pelevic von "Mainstream". Dabei ist es sehr zweifelhaft, ob das Spiel mit den Frauenbildern dort das gleiche ist wie hier. Wird die Aggressivität, mit der das Stück teilweise operiert, in Serbien als progressiv aufgefasst? Hier wirkt sie eher plump. Oder übersieht man die Ironie? Und wenn man meint, Ironie festzustellen – projiziert man sie dann vielleicht?

Holger Schultze: Wenn Sie solche Fragen stellen, ist das Klassenziel schon erreicht. Sie sollen sich als deutsche Frau ja nicht in diesem serbischen Stück spiegeln. Sondern Sie sollen feststellen, dass es Bekanntes und Unbekanntes darin gibt. Denn das Spannende ist ja, dass man erst, indem man zusammenrückt, bemerkt, worin die kulturellen Unterschiede wirklich bestehen. Das erfahren wir mit unserem bulgarischen Partnertheater sehr konkret. Beim Frauenbild. Bei der Frage, was ein Intendant ist. Oder welche Bedeutung einzelne Bilder haben. Obwohl im Zusammenhang mit dem Thema Globalisierung immer so getan wird, als ob alles überall gleich ist, ist es das gar nicht. Und das beginnt nicht erst im Balkan. Schon im Austausch mit unserer neuen Tanzchefin, die aus den Niederlanden kommt, Nanine Linning, merke ich, dass das Theaterverständnis dort teilweise ein völlig anderes ist als hier.

nachtkritik.de: Die Auseinandersetzung mit europäischen Stücken also einerseits als Prozess des Kennenlernens und andererseits als Auslotung der Differenzen?

Holger Schultze: Ja, und natürlich, um eine reichere Theaterliteratur zu bekommen. Und dann gibt es auch noch einen ganz anderen Aspekt. Wir sprechen in Deutschland immer von den Migranten und dass die das Publikum der Zukunft sein könnten. Und mit der Präsentation von aktuellen Stücken aus deren Herkunftsländern kann man die natürlich ans Theater heranführen. Als wir das erste Gastpiel aus Bulgarien zeigten, waren im Zuschauerrum plötzlich gefühlte (ich habe das nicht nachgezählt) zweihundert Bulgaren. Und man merkte, dass die unser Theater vorher noch nie betreten hatten. Wir haben sie angesprochen und stellten fest, dass sie teilweise sogar aus Münster angereist waren, weil sie mitbekamen, dass hier etwas gezeigt wurde.

nachtkritik.de: Ein Stück, das Sie in deutscher Erstaufführung ankündigen, "Fragile!" von Tena Stivicic, wurde bereits im Oktober 2007 vom Theater TKO in Köln gezeigt. Ab wann gilt ein Stück als erstaufgeführt?

Holger Schultze: Dann, wenn es in autorisierter Übersetzung gezeigt wird. Wenn Sie im Internet suchen und auf die Kölner Inszenierung stoßen, wird Ihnen auffallen, dass da kein Übersetzer genannt wird. Weil, so stellt es zumindest der Kaiser Verlag dar, eine Schauspielerin des Kölner Ensembles den in englischer Sprache verfassten Text einfach auf eigene Faust übersetzt hat. In einer Fassung, die jetzt weder für den Verlag noch für die Autorin als existent angesehen wird.

nachtkritik.de: Wie wird das Stückeübersetzen denn honoriert? Ist das lukrativ?

Holger Schultze: Nein, überhaupt nicht. Das ist ja eine Katastrophe in Deutschland!

Jürgen Popig: Es gibt keinen verbindlichen Rahmen. Es gibt einige wenige Übersetzer, die sehr hohe Summen fordern und auch etwa verlangen, dass ihr Name immer mitgenannt und genauso groß gedruckt wird wie der des Autors. Aber die meisten bekommen sehr wenig Geld, im Durchschnitt 1.000 Euro. Für unser Festival haben wir zwei Stücke extra übersetzen lassen, das niederländische und das serbische, "Fahrradfahren für Malawi" und "Orangenhaut", und da haben wir eine Ahnung bekommen, wie stark in diesem Bereich das Gefälle ist.

nachtkritik.de: Einige Produktionen, die beim Festival gezeigt werden, gehen ja ins Repertoire. Besteht bei den anderen nicht die Gefahr, dass Sie die Stoffe mit der Kurzzeitpräsentation, die aber trotzdem als deutsche Erstaufführung gilt, für den deutschen Markt verbrennen?

Holger Schultze: Schon bei den vorigen Festivals haben wir es am Ende geschafft, alle Produktionen ins Repertoire zu holen, und das versuchen wir jetzt natürlich wieder. Aber es gibt natürlich auch für uns eine Grenze. Wir haben zwanzig, mit Gästen vielleicht zweiundzwanzig Schauspieler und müssen ja auch das sonstige Repertoire aufrechterhalten. Und ein Stoff ist sicher noch nicht "verbrannt", bloß weil wir eine Inszenierung daraus machen.

Interview: Wolfgang Behrens, Simone Kaempf, Petra Kohse

Mehr Informationen zu den MacherInnen des Festivals finden Sie hier.

Den Fall:Fragile!, die doppelte Erstaufführung des Stückes Fragile! also, hat sich Petra Kohse genauer angesehen.

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