Montag, 25. September 2017
 

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Theaterlandschaft Spanien

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Übersensibel und gewalttätig zugleich

von Wilfried Floeck

Franco und die Folgen
Unter Franco war das spanische Theater privatwirtschaftlich organisiert. Es wurde als Ort einer mehr oder weniger anspruchsvollen Unterhaltung der bürgerlichen Mittelschichten betrachtet. Zudem war es durch eine rigide Zensur von jeder kritischen Darstellung der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit des Landes abgeschnitten. Nach der Abschaffung der Zensur 1978 begann die Regierung mit dem Aufbau eines öffentlichen Theatersystems: Das Centro Dramático Nacional widmete sich der Aufführung internationaler Klassiker sowie spanischer Klassiker der Moderne. Die Compañía Nacional de Teatro Clásico baute ein Repertoire der spanischen Klassiker des 16. bis 19. Jahrhunderts auf. Und das Centro Nacional de Nuevas Tendencias Escénicas bot (bis zu seiner Integration in das CDN im Jahre 1994) jungen Autoren ein selbstständiges Forum für Experimente. Die Kehrseite des Aufschwungs des öffentlichen Theaterwesens war ein empfindlicher Bedeutungsverlust der privaten Bühnen. Um ihr Überleben zu sichern, setzen diese seither vornehmlich auf Musicals sowie die Verpflichtung von Film- und Fernsehstars.

Auf die Einrichtung der Theaterzentren folgten die Professionalisierung aller Theaterbereiche sowie die Ausweitung des Betriebs auf die Provinz. In den historischen Autonomen Regionen hat sich zum Teil auch ein Theater in katalanischer, galicischer oder baskischer Sprache entwickelt, wobei Katalonien eine herausragende Rolle übernommen hat. Auch die Gründung mehrerer Theaterfestivals hat zur Diversifizierung beigetragen.

Alternative Theater als drittes Standbein
Wie im übrigen Europa kann man auch in Spanien in den letzten zwanzig Jahren von einem Bedeutungsverlust des Regietheaters und einer Wiederaufwertung des Text- und Autorentheaters sprechen, das jedoch erhebliche Probleme hat, einen adäquaten Platz zu finden. Allerdings entwickelte sich innerhalb des skizzierten Systems ein drittes Standbein, das ihm zumindest eine Überlebenschance bot: das alternative Theater. In die Lücke zwischen privatem und öffentlichem Theater stießen eine Reihe kleiner Theatergruppen, die den Anspruch erhoben, das neue, gesellschaftskritische und experimentelle Theater der Gegenwart zu sein. In ihnen fanden die jungen Autoren ein zwar marginales, aber durchaus bedeutsames Forum, und in der Tat spielte und spielt sich das ästhetisch avancierte Theater an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert auf den kleinen Experimentierbühnen vor allem in Madrid und Barcelona ab.