Sonntag, 19. August 2018
 

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Theaterlandschaft Spanien

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Anders als die deutschen Stadt- und Staatstheater sind die spanischen Theater in aller Regel keine Produktionsstätten. Das spanische Theatersystem kennt damit auch nicht das typisch deutsche Drei-Sparten-Theater mit fest angestelltem Ensemble und breitem Repertoire. Die privaten wie öffentlichen Bühnen verfügen über eine oder zwei Spielstätten sowie neben der Leitung über Personal für Verwaltung und Technik. Für die wenigen Eigenproduktionen der öffentlichen Bühnen muss jeweils ein Ensemble engagiert werden. Die privaten Theater kennen überhaupt keine Eigenproduktionen, sondern arbeiten mit Produktionsgesellschaften zusammen. Auch die alternativen Theater produzieren meist nicht selbst, sondern stellen ihre Bühnen freien Theatergruppen gegen Einnahmenbeteiligung zur Verfügung.

Autorengenerationen

Trotz des erheblichen Bedeutungsverlustes der Figur des Dramatikers existiert in Spanien ein hoch entwickeltes und komplexes Texttheater. Die erste Autorengeneration des demokratischen Spanien schuf ein Theater, das im Kontext des europäischen und amerikanischen Theaters entstanden ist und Autoren wie Samuel Beckett, Heiner Müller, Harold Pinter, David Mamet und Bernard-Marie Koltès wichtige Anregungen verdankt. Die Autoren der 1980er Jahre wie José Sanchis Sinisterra (*1940), Josep Maria Benet i Jornet (*1940), José Luis Alonso de Santos (*1942), Fermín Cabal (*1948) oder Ignacio Amestoy (*1949) haben das spanische Gegenwartstheater auch durch ihr Angebot an Theaterworkshops geprägt, die die Mehrzahl der folgenden Generation durchlaufen hat. Mit wenigen Ausnahmen werden die Werke dieser Autoren und Autorinnen zumindest im Bereich der alternativen Theaterszene regelmäßig aufgeführt. Nur wenige von ihnen, wie Sergi Belbel und Juan Mayorga, haben die Aufnahme einiger ihrer Stücke in die großen Bühnen geschafft.

Postmoderne Prägungen
Die thematische Vielfalt des spanischen Gegenwartstheaters kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Autoren durch eine ähnliche Sozialisation und gemeinsame kulturelle Erfahrungen geprägt sind. Es weist vor allem Merkmale der Postmoderne auf, wie den Verlust des Vertrauens in politische Utopien, kohärente Sinnstiftungen und in die Fähigkeit der Sprache zu einer objektiven Wirklichkeitswiedergabe. Diese kulturelle Sozialisation hat Folgen für die thematische Ausrichtung der Theaterproduktion. Private Beziehungsprobleme, Isolierung und Kommunikationsprobleme im Großstadtmilieu, die Infragestellung geschlechtsspezifischen Rollenverhaltens oder sexuelle Tabuthemen werden immer wieder von neuem modelliert.

Die oft namen- und gesichtslosen Protagonisten sind meist verletzlich und aggressiv, übersensibel und gewalttätig zugleich. Es sind Figuren ohne moralisches Wertebewusstsein, gebeutelt von postmodernem Relativismus und gesellschaftlichem Egoismus. Neben der Gestaltung privater Alltagsprobleme steht auch die Modellierung gesellschaftlicher Themen wie Gewalt, Drogenmissbrauch oder Fremdenhass im Zentrum des Interesses, wobei sich existenzielle Einsamkeit, die Unfähigkeit zur Kommunikation und soziales Außenseitertum meist gegenseitig bedingen. Die Gewalt ist eines der wichtigsten Themen des spanischen Gegenwartstheaters, und zwar in allen Schattierungen und in allen Bereichen des Lebens.