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Theaterlandschaft Spanien

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So vielfältig wie die thematische ist auch die formale und sprachliche Gestaltung der Theaterstücke. Allerdings zeichnen sich auch hier Tendenzen ab. Es sind Formen eines Nebeneinanders fragmentierter und dekonstruierter Handlungssequenzen mit offenem Ausgang, die das Theater der Jahrhundertwende bestimmen. Nicht die hohe, literarische, sondern eine stilisierte Umgangssprache gibt den Ton an. Die neorealistische Ästhetik bezieht die Erfahrungen der neuen Medien, die gewandelten Wahrnehmungsgewohnheiten und den großstädtischen Lebensstil mit ein und verarbeitet sie. Das zeigt sich in der Tendenz zur Dekonstruktion, im Aufbrechen linearer Raum-Zeit-Strukturen, in der Verwendung filmischer Montagetechniken, in der Vorliebe für das Unbewusste und Irrationale, in der Auflösung kohärenter Persönlichkeitsstrukturen oder im ständigen metatheatralischen Reflektieren.

Autorentheater neuen Typs
Wenn auch Autor und Text ihre einstige Stellung nicht wiedererlangt haben, ist ihre Bedeutung heute dennoch unbestritten. Vor allem aber ist die lange Zeit betonte Dichotomie von Text und Aufführung und entsprechend von Autor und Regisseur weitgehend überwunden. Heute steht auch in Spanien die theatrale Potenz des dramatischen Textes außer Zweifel, und der neue Typ des Dramatikers stammt in der Regel aus dem Theatermilieu selbst und bringt praktische Erfahrungen als Bühnenkünstler oder Produzent mit. Häufig führt der Autor bei der Inszenierung seiner Texte selbst Regie, oder der Text wird überhaupt erst in den Proben entwickelt. Die Herausbildung des neuen Typs des Theatermachers ist ein internationales Phänomen, in Spanien allerdings besonders ausgeprägt.

Trotz des Zusammenrückens von Text und Aufführung lassen sich im spanischen Gegenwartstheater zwei unterschiedliche Tendenzen beobachten. Die Erneuerer des neorealistischen Text- und Autorentheaters der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts - von José Sanchis Sinisterra bis hin zu Juan Mayorga - haben auch das Theater der jüngeren Generation, in dem das Wort das wesentliche theatrale Ausdrucksmittel darstellt, stark geprägt. Daneben steht gleichberechtigt das Bilder-, Körper- und Klangtheater einzelner Gruppen von La Fura dels Baus bis Els Joglars sowie einer kleinen Gruppe von Autoren, unter denen vor allem Rodrigo García und Angélica Liddell hervorstechen. Während das Autoren- und Texttheater bisweilen den Kreis der alternativen Theaterszene verlassen und ein umfangreicheres Publikum erreichen kann, bleibt das experimentelle Theater im Wesentlichen auf die alternative Szene oder auf den Auftritt bei internationales Theaterfestivals beschränkt.

Man spricht kein Spanisch
Um die Rezeption des spanischen Theaters in Deutschland ist es schlecht bestellt. Mit der großen Ausnahme von García Lorca wird kaum ein Autor des 20. Jahrhunderts auf deutschsprachigen Bühnen aufgeführt. Von den lebenden Dramatikern wird allein Sergi Belbel regelmäßig gespielt. Ganz vereinzelt kann man das ein oder andere Stück von José Sanchis Sinisterra, Josep Maria Benet i Jornet, Javier Tomeo oder Jordi Galcerán sehen. Im Gegensatz zum Roman konnte sich das spanische Theater in Deutschland nicht etablieren. Die Kritik hat dies lange Zeit mit der politischen und kulturellen Isolierung Spaniens in Europa in Zusammenhang gebracht. Doch inzwischen hängt dies wohl auch mit der prekären Situation des jungen Text- und Autorentheaters in Spanien selbst zusammen, wo der allgemeine Bedeutungsverlust des Theaters ausgeprägter ist als in anderen Ländern Europas.

Wichtiger noch für die geringe Akzeptanz des spanischen Theaters scheint zu sein, dass die deutsche Bühne in Bezug auf das ausländische Theater in den letzten Jahrzehnten vor allem von einer angelsächsischen Tradition geprägt ist. Diese Situation hat natürlich auch mit der Sprachbarriere zu tun. Man spricht in der deutschen Theaterlandschaft im Allgemeinen kein Spanisch. Dies gilt auch für die Theateragenturen als die zentralen Vermittler zwischen den Autoren und den Theatern und die verantwortlichen Auftraggeber für deutsche Übersetzungen.

Diese Situation ist unbefriedigend, zumal innerhalb einer Europäischen Union, die sich die Überwindung politischer, kultureller und sprachlicher Barrieren auf ihre Fahnen geschrieben hat. Hier bleibt den Kulturvermittlern auf beiden Seiten der Pyrenäen noch viel zu tun. In Deutschland müsste es vor allem die Aufgabe von Theateragenten, Verlegern, Übersetzern, Hispanisten sowie Intendanten und Dramaturgen sein, die Hürden abzubauen und auch dem spanischen Gegenwartstheater mehr Gehör auf deutschen Bühnen zu verschaffen. Gute Autoren und Texte sind zur Genüge vorhanden.

Bei dem vorliegenden Beitrag handelt es sich um ein stark gekürzte Fassung von Wilfried Floecks Darstellung "Das spanische Theater am Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert", in Walther L. Bernecker (Hrsg.), Spanien heute. Politik-Wirtschaft-Kultur, Frankfurt am Main: Vervuert, 2008, S. 434-464.

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Hier geht es zu den Texten über José Manuel Mora.


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