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Theaterlandschaft Spanien

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Übersensibel und gewalttätig zugleich

von Wilfried Floeck

Franco und die Folgen
Unter Franco war das spanische Theater privatwirtschaftlich organisiert. Es wurde als Ort einer mehr oder weniger anspruchsvollen Unterhaltung der bürgerlichen Mittelschichten betrachtet. Zudem war es durch eine rigide Zensur von jeder kritischen Darstellung der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit des Landes abgeschnitten. Nach der Abschaffung der Zensur 1978 begann die Regierung mit dem Aufbau eines öffentlichen Theatersystems: Das Centro Dramático Nacional widmete sich der Aufführung internationaler Klassiker sowie spanischer Klassiker der Moderne. Die Compañía Nacional de Teatro Clásico baute ein Repertoire der spanischen Klassiker des 16. bis 19. Jahrhunderts auf. Und das Centro Nacional de Nuevas Tendencias Escénicas bot (bis zu seiner Integration in das CDN im Jahre 1994) jungen Autoren ein selbstständiges Forum für Experimente. Die Kehrseite des Aufschwungs des öffentlichen Theaterwesens war ein empfindlicher Bedeutungsverlust der privaten Bühnen. Um ihr Überleben zu sichern, setzen diese seither vornehmlich auf Musicals sowie die Verpflichtung von Film- und Fernsehstars.

Auf die Einrichtung der Theaterzentren folgten die Professionalisierung aller Theaterbereiche sowie die Ausweitung des Betriebs auf die Provinz. In den historischen Autonomen Regionen hat sich zum Teil auch ein Theater in katalanischer, galicischer oder baskischer Sprache entwickelt, wobei Katalonien eine herausragende Rolle übernommen hat. Auch die Gründung mehrerer Theaterfestivals hat zur Diversifizierung beigetragen.

Alternative Theater als drittes Standbein
Wie im übrigen Europa kann man auch in Spanien in den letzten zwanzig Jahren von einem Bedeutungsverlust des Regietheaters und einer Wiederaufwertung des Text- und Autorentheaters sprechen, das jedoch erhebliche Probleme hat, einen adäquaten Platz zu finden. Allerdings entwickelte sich innerhalb des skizzierten Systems ein drittes Standbein, das ihm zumindest eine Überlebenschance bot: das alternative Theater. In die Lücke zwischen privatem und öffentlichem Theater stießen eine Reihe kleiner Theatergruppen, die den Anspruch erhoben, das neue, gesellschaftskritische und experimentelle Theater der Gegenwart zu sein. In ihnen fanden die jungen Autoren ein zwar marginales, aber durchaus bedeutsames Forum, und in der Tat spielte und spielt sich das ästhetisch avancierte Theater an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert auf den kleinen Experimentierbühnen vor allem in Madrid und Barcelona ab.


Anders als die deutschen Stadt- und Staatstheater sind die spanischen Theater in aller Regel keine Produktionsstätten. Das spanische Theatersystem kennt damit auch nicht das typisch deutsche Drei-Sparten-Theater mit fest angestelltem Ensemble und breitem Repertoire. Die privaten wie öffentlichen Bühnen verfügen über eine oder zwei Spielstätten sowie neben der Leitung über Personal für Verwaltung und Technik. Für die wenigen Eigenproduktionen der öffentlichen Bühnen muss jeweils ein Ensemble engagiert werden. Die privaten Theater kennen überhaupt keine Eigenproduktionen, sondern arbeiten mit Produktionsgesellschaften zusammen. Auch die alternativen Theater produzieren meist nicht selbst, sondern stellen ihre Bühnen freien Theatergruppen gegen Einnahmenbeteiligung zur Verfügung.

Autorengenerationen

Trotz des erheblichen Bedeutungsverlustes der Figur des Dramatikers existiert in Spanien ein hoch entwickeltes und komplexes Texttheater. Die erste Autorengeneration des demokratischen Spanien schuf ein Theater, das im Kontext des europäischen und amerikanischen Theaters entstanden ist und Autoren wie Samuel Beckett, Heiner Müller, Harold Pinter, David Mamet und Bernard-Marie Koltès wichtige Anregungen verdankt. Die Autoren der 1980er Jahre wie José Sanchis Sinisterra (*1940), Josep Maria Benet i Jornet (*1940), José Luis Alonso de Santos (*1942), Fermín Cabal (*1948) oder Ignacio Amestoy (*1949) haben das spanische Gegenwartstheater auch durch ihr Angebot an Theaterworkshops geprägt, die die Mehrzahl der folgenden Generation durchlaufen hat. Mit wenigen Ausnahmen werden die Werke dieser Autoren und Autorinnen zumindest im Bereich der alternativen Theaterszene regelmäßig aufgeführt. Nur wenige von ihnen, wie Sergi Belbel und Juan Mayorga, haben die Aufnahme einiger ihrer Stücke in die großen Bühnen geschafft.

Postmoderne Prägungen
Die thematische Vielfalt des spanischen Gegenwartstheaters kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Autoren durch eine ähnliche Sozialisation und gemeinsame kulturelle Erfahrungen geprägt sind. Es weist vor allem Merkmale der Postmoderne auf, wie den Verlust des Vertrauens in politische Utopien, kohärente Sinnstiftungen und in die Fähigkeit der Sprache zu einer objektiven Wirklichkeitswiedergabe. Diese kulturelle Sozialisation hat Folgen für die thematische Ausrichtung der Theaterproduktion. Private Beziehungsprobleme, Isolierung und Kommunikationsprobleme im Großstadtmilieu, die Infragestellung geschlechtsspezifischen Rollenverhaltens oder sexuelle Tabuthemen werden immer wieder von neuem modelliert.

Die oft namen- und gesichtslosen Protagonisten sind meist verletzlich und aggressiv, übersensibel und gewalttätig zugleich. Es sind Figuren ohne moralisches Wertebewusstsein, gebeutelt von postmodernem Relativismus und gesellschaftlichem Egoismus. Neben der Gestaltung privater Alltagsprobleme steht auch die Modellierung gesellschaftlicher Themen wie Gewalt, Drogenmissbrauch oder Fremdenhass im Zentrum des Interesses, wobei sich existenzielle Einsamkeit, die Unfähigkeit zur Kommunikation und soziales Außenseitertum meist gegenseitig bedingen. Die Gewalt ist eines der wichtigsten Themen des spanischen Gegenwartstheaters, und zwar in allen Schattierungen und in allen Bereichen des Lebens.


So vielfältig wie die thematische ist auch die formale und sprachliche Gestaltung der Theaterstücke. Allerdings zeichnen sich auch hier Tendenzen ab. Es sind Formen eines Nebeneinanders fragmentierter und dekonstruierter Handlungssequenzen mit offenem Ausgang, die das Theater der Jahrhundertwende bestimmen. Nicht die hohe, literarische, sondern eine stilisierte Umgangssprache gibt den Ton an. Die neorealistische Ästhetik bezieht die Erfahrungen der neuen Medien, die gewandelten Wahrnehmungsgewohnheiten und den großstädtischen Lebensstil mit ein und verarbeitet sie. Das zeigt sich in der Tendenz zur Dekonstruktion, im Aufbrechen linearer Raum-Zeit-Strukturen, in der Verwendung filmischer Montagetechniken, in der Vorliebe für das Unbewusste und Irrationale, in der Auflösung kohärenter Persönlichkeitsstrukturen oder im ständigen metatheatralischen Reflektieren.

Autorentheater neuen Typs
Wenn auch Autor und Text ihre einstige Stellung nicht wiedererlangt haben, ist ihre Bedeutung heute dennoch unbestritten. Vor allem aber ist die lange Zeit betonte Dichotomie von Text und Aufführung und entsprechend von Autor und Regisseur weitgehend überwunden. Heute steht auch in Spanien die theatrale Potenz des dramatischen Textes außer Zweifel, und der neue Typ des Dramatikers stammt in der Regel aus dem Theatermilieu selbst und bringt praktische Erfahrungen als Bühnenkünstler oder Produzent mit. Häufig führt der Autor bei der Inszenierung seiner Texte selbst Regie, oder der Text wird überhaupt erst in den Proben entwickelt. Die Herausbildung des neuen Typs des Theatermachers ist ein internationales Phänomen, in Spanien allerdings besonders ausgeprägt.

Trotz des Zusammenrückens von Text und Aufführung lassen sich im spanischen Gegenwartstheater zwei unterschiedliche Tendenzen beobachten. Die Erneuerer des neorealistischen Text- und Autorentheaters der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts - von José Sanchis Sinisterra bis hin zu Juan Mayorga - haben auch das Theater der jüngeren Generation, in dem das Wort das wesentliche theatrale Ausdrucksmittel darstellt, stark geprägt. Daneben steht gleichberechtigt das Bilder-, Körper- und Klangtheater einzelner Gruppen von La Fura dels Baus bis Els Joglars sowie einer kleinen Gruppe von Autoren, unter denen vor allem Rodrigo García und Angélica Liddell hervorstechen. Während das Autoren- und Texttheater bisweilen den Kreis der alternativen Theaterszene verlassen und ein umfangreicheres Publikum erreichen kann, bleibt das experimentelle Theater im Wesentlichen auf die alternative Szene oder auf den Auftritt bei internationales Theaterfestivals beschränkt.

Man spricht kein Spanisch
Um die Rezeption des spanischen Theaters in Deutschland ist es schlecht bestellt. Mit der großen Ausnahme von García Lorca wird kaum ein Autor des 20. Jahrhunderts auf deutschsprachigen Bühnen aufgeführt. Von den lebenden Dramatikern wird allein Sergi Belbel regelmäßig gespielt. Ganz vereinzelt kann man das ein oder andere Stück von José Sanchis Sinisterra, Josep Maria Benet i Jornet, Javier Tomeo oder Jordi Galcerán sehen. Im Gegensatz zum Roman konnte sich das spanische Theater in Deutschland nicht etablieren. Die Kritik hat dies lange Zeit mit der politischen und kulturellen Isolierung Spaniens in Europa in Zusammenhang gebracht. Doch inzwischen hängt dies wohl auch mit der prekären Situation des jungen Text- und Autorentheaters in Spanien selbst zusammen, wo der allgemeine Bedeutungsverlust des Theaters ausgeprägter ist als in anderen Ländern Europas.

Wichtiger noch für die geringe Akzeptanz des spanischen Theaters scheint zu sein, dass die deutsche Bühne in Bezug auf das ausländische Theater in den letzten Jahrzehnten vor allem von einer angelsächsischen Tradition geprägt ist. Diese Situation hat natürlich auch mit der Sprachbarriere zu tun. Man spricht in der deutschen Theaterlandschaft im Allgemeinen kein Spanisch. Dies gilt auch für die Theateragenturen als die zentralen Vermittler zwischen den Autoren und den Theatern und die verantwortlichen Auftraggeber für deutsche Übersetzungen.

Diese Situation ist unbefriedigend, zumal innerhalb einer Europäischen Union, die sich die Überwindung politischer, kultureller und sprachlicher Barrieren auf ihre Fahnen geschrieben hat. Hier bleibt den Kulturvermittlern auf beiden Seiten der Pyrenäen noch viel zu tun. In Deutschland müsste es vor allem die Aufgabe von Theateragenten, Verlegern, Übersetzern, Hispanisten sowie Intendanten und Dramaturgen sein, die Hürden abzubauen und auch dem spanischen Gegenwartstheater mehr Gehör auf deutschen Bühnen zu verschaffen. Gute Autoren und Texte sind zur Genüge vorhanden.

Bei dem vorliegenden Beitrag handelt es sich um ein stark gekürzte Fassung von Wilfried Floecks Darstellung "Das spanische Theater am Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert", in Walther L. Bernecker (Hrsg.), Spanien heute. Politik-Wirtschaft-Kultur, Frankfurt am Main: Vervuert, 2008, S. 434-464.

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Hier geht es zu den Texten über José Manuel Mora.


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