Sonntag, 21. Oktober 2018
 

Podcast Spielstätten

letzte kommentare

dank

| Drucken |

Stückporträt Mission:London

Beitragsseiten
Stückporträt Mission:London
Seite 2
Alle Seiten

Ein Stück mit Botschaft

von Stefan Bläske

Eines verbindet sie alle, Romanautoren, Dramatiker, Kritiker. Die immergleiche, wohlvertraute und lästige Frage: Wie anfangen?! Bei der Beschäftigung mit Alek Popovs "Mission: London" kann man einiges lernen über den Einstieg, über die Etablierung einer Welt. Unter anderem darum, weil bereits verschiedene Londoner Missionen ausgeführt wurden, mit je anderen Intros.

Da ist zum ersten das Original, Popovs 2001 publizierter Bulgaren-Roman, 2006 im Residenz Verlag auf deutsch erschienen (in der Übersetzung von Alexander Sitzmann). Zum zweiten hat Popov mit seiner Partnerin Delyana Maneva verschiedene "Dramatic Pieces" erstellt, etwa ein Hörspiel fürs bulgarische Radio und ein Theaterstück, in englischer Sprache bei Hartmann & Stauffacher vorliegend. Und nun also gibt es auch eine deutsche Dramatisierung, die im Rahmen von Spieltriebe 3 zur Aufführung gelangen wird, erstellt vom Leitenden Dramaturgen am Theater Osnabrück Jürgen Popig.

Gespenst der Rückkehr in den Osten
Alle Versionen umkreisen dieselben zentralen Charaktere und Handlungsstränge, die in der bulgarischen Botschaft in London zusammenlaufen. Eine Enklave von Exilbulgaren, die alles wollen, nur nicht zurück. Popov selbst hat als Kulturattaché in jener bulgarischen Botschaft gearbeitet, bezeichnet seinen Roman aber als reines Phantasieprodukt. Dieses Produkt ist inzwischen zum selbstironischen Botschafter seines Landes geworden, übersetzt ins Deutsche, Französische, Griechische, Italienische, Mazedonische, Polnische, Serbische, Türkische, Ungarische, und, in Auszügen, auch ins Englische – dabei interessieren sich, glaubt man dem Inhalt des Romans, die Engländer doch überhaupt nicht für das, was in der bulgarischen Botschaft passiert, es sei denn Scotland Yard ermittelt.

Und das, obwohl der neue Botschafter alles daran setzt, das Image seines Landes aufzupolieren. Gutgläubig engagiert er die PR Agentur "Famous Relations", damit die Queen bei einem geplanten Wohltätigkeits-Event erscheint. So beglückt und betrügt ein Queen-Double die Gäste und Veranstalter, aber nicht nur das: Im Dienste von "Famous Relations" strippt sich selbst Lady Diana durch Popovs Roman, etwa für einen Kunden, den es glücklich macht, seine Diamanten auf dem nackten königlichen Leib funkeln zu sehen. Schein und Sein, High Society und niedrigste Gaunereien tanzen Pas de deux.

Bildnis zweier Systeme
(Post)-Kommunismus prallt auf Kapitalismus, eine unerwartete Wende folgt der anderen. Katerina/Katja etwa, Design-Studentin und Putzkraft in der Botschaft, wird erst zur Schauspielerin für die dubiose PR-Agentur, dann vom Diana-Double zur Diamanten-Diebin, und schließlich im Namen einer "Revolution" fast um die Ecke und immerhin um die Beute gebracht.

"Mission: London" ist der erste Roman des Kurzgeschichtenerzählers Alek Popov, und im Grunde bleibt er seinem Genre treu – verzahnt die einzelnen "Revolver"-Geschichten aber geschickt. Der Hauptstrang der Handlung steuert unerbittlich auf das repräsentative Kultur-Event zu, das vorhersehbar aus dem Ruder läuft.

Dem Botschaftskoch Kosta kommt das Ereignis gerade recht, denn nun endlich kann er seine Enten artgerecht entsorgen. Vierzig Federtiere wurden im Richmond Park geklaut, die Russenmafia scheint ihre Hände im Spiel zu haben, Kosta lagert die Beute in seiner Tiefkühltruhe, aber Parkwächter und Polizei suchen unerbittlich. Dass die Enten mit Mikrochips und Funksender versehen sind, merkt Kosta gerade noch rechtzeitig, um diese im nächstgelegenen Park zu verfüttern.

Jagd nach dem Chip im Entenmagen
Ein Chip aber landet dann doch im Magen eines Botschaftsgastes und treibt Polizei und Agenten bis zum Flughafen, wo sich der Enten-Chip zum letzten Mal in die Lüfte schwingt, Destination Bulgarien. Dort wird er wohl im Wasserklosett landen, das, so erfahren wir gleich zu Beginn vom stolzen Bürgermeister aus Provadija, von alten Bulgaren erfunden wurde, ganze 600 Jahre vor den Europäern.