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Stückporträt Mission:London

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Stückporträt Mission:London
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Derart abstrus, phantastisch und zynisch beschreibt Popov die westeuropäische Gesellschaft – in der Polizisten mit High-Tech tote Enten jagen – und die osteuropäische, die mit dem Abort prahlt, zwielichtige Geschäfte macht, und zwar irgendwie sympathisch wirkt, aber auch heikel, linkisch, misslich, peinlich, renitent, schwierig, unangenehm, unbeholfen, … Alles Übersetzungen für das englische Wort "awkward". "Awkward silence" ist eine der häufigeren Regieanweisungen in der englischen Dramatisierung "Mission, London", sie füllt die Leerstelle, wenn derb-privates auf höflich-diplomatisches Sprechen trifft, nach dem leidlich schlichten Prinzip: "There's some idiot here." – "I'm the new ambassador."

Spiel der Möglichkeiten
Zu Beginn der Roman-Version sitzt Kosta Banicarov an einem milden Frühlingsmorgen in einem forsythienprächtigen Londoner Innenhof, starrt in den Himmel und zählt Flugzeuge, deren Geräusche ihn an die Brandung des Meeres erinnern. "Die dünnen Vorhänge flatterten hin und her wie die Schleier einer betrunkenen Schauspielerin."

Zu episch, zu prosaisch ist dieser Einstieg für die Bühne, wenn man Theater mit naturalistischem Drama verwechselt. Und leider tun das noch immer einige Romandramatisierer, so auch Alek Popov und Delyana Maneva. In ihrem englischen Stück trimmen sie alles auf direkte Figurenrede. Dazwischen kurze Einschübe im Stil von Regieanweisungen, die Orte und Handlungen festlegen. Charakterisierungen, Gedankengänge und Umgebungsbeschreibungen haben keinen Platz. So wird der Romananfang durch einen Dialog ersetzt, Kosta und seine Frau giften sich an und geben dabei gleich ein paar Infos über ihre Situation und Aufgaben.

Fruchtbare Mischung aus Prosa, Dialogen, Beschreibungen
Popovs Roman ist in großen Teilen in dialogischer Form verfasst, seine Originalität aber steckt in den erzählerischen Passagen, die das Gesagte mit Gedanken flankieren, es ergänzen, erklären oder konterkarieren. Die abwechselnd humorvollen, zynischen oder poetischen Umgebungs- und Bewusstseinsdarstellungen retten den Roman vor belanglosem Klamauk, bilden einen wohltuenden Kontrapunkt zu den absurden Handlungen und Dialogen. Erst die Mischung macht’s.

Jürgen Popigs deutsche Theatertextung übernimmt zwar Dialoge aus Manevas englischer Dramatisierung, orientiert sich insgesamt aber stärker an Form und Sprache des Romans, nimmt ganze Erzählpassagen als epische Blöcke wieder hinein. Dadurch wird Popig dem Roman und dessen Sprache gerecht und nudelt ihn nicht durch ein antiquiertes Verständnis von Theater gleich Drama gleich Figurenrede. Zugleich freilich schiebt er den Schwarzen Peter an die Regie, die nun – hoffentlich kreativer als mit einer Stimme vom Band – mit diesen Erzähl-Blöcken umzugehen hat.

Wo ist Lady Di?
Insgesamt scheint Popig um eine bekömmliche, stadttheatergeeignete Fassung bemüht. Während es im Roman zwischendurch schwer wird, den Überblick zu behalten bei all den Figuren und bulgarischen und englischen Vor- und Zu- und Spitznamen, streicht Popig die Handlung auf immerhin noch 17 Figuren zusammen (Mehrfachbesetzungen möglich). Im Vergleich zu Manevas Dramatisierung kürzt er vor allem beim Botschaftspersonal und deren internen Querelen, nimmt dafür den Diana-Strang wieder rein, der (why that?) in der englischen Fassung fehlt.

Bevor es richtig losgeht, noch vor Forsythienanfang und Ehezank, stellt Popig seiner "Mission: Bulgarien" ein Vorspiel am Konferenztisch voran, zwei Textseiten mit Stimmen zur politischen und gesellschaftlichen Situation Bulgariens seit der Wende. Eine kulturpädagogische Einführung, die deutschen Zuschauer im Blick. Besteht darin dann die Vermittlung zwischen den Kulturen, der Austausch, den Spieltriebe 3 anstrebt?

Stand der bulgarischen Dramatik
Das Festival will kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten erfahrbar machen, indem es europäische Gegenwartsdramatik präsentiert. Im Falle von "Mission: London" verhält sich das anders. Ausgerechnet aus dem Land, mit dem das Theater Osnabrück einen langfristigen Austausch pflegt, in Form einer Partnerschaft mit dem Theater in Russe mit gegenseitigen Gastspielen, ausgerechnet von hier wird ein acht Jahre alter Roman ausgewählt, der ohnehin schon auf deutsch vorliegt. Sagt das mehr über die Osnabrücker Auswahlkriterien aus oder über die Situation der Gegenwartsdramatik in Rumänien, auf die dort doch angeblich so viel Wert gelegt wird? 60 Prozent der gespielten Autoren sollen zeitgenössisch sein.

Da spürt man wieder, wie wenig man weiß über die Theaterkulturen in Europa, und ist den Osnabrücker Brückenbauern dankbar. Wie die Romane bzw. Stücke anfangen, wird dabei zweitrangig – solange sie hierzulande überhaupt einmal gezeigt werden. Das ist doch per se schon ein guter Anfang.


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Mehr zu Alex Popov finden Sie auf dieser Übersicht

 

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