Dienstag, 24. April 2018
 

Podcast Spielstätten

letzte kommentare

dank

| Drucken |

Stückporträt Fahrradfahren für Malawi

Beitragsseiten
Stückporträt Fahrradfahren für Malawi
Seite 2
Alle Seiten

Die Not lädt sich zum Essen ein

von Simone Kaempf

So viele Einrichtungs-Sendungen gibt es wohl nirgends wie im niederländischen Fernsehen. Und wenn es um Baukultur geht, stammen die kühnsten Entwürfe aus dem kleinen Land, das mit seinem Platz haushalten muss: Häuser quetschen sich in die Höhe, Landschaften stapeln sich in Stockwerken, und wenn man einen eigenen Garten will, hängt man ihn vor die Etagenwohnung. Die Vision ökologischer Unabhängigkeit, maximaler Verdichtung und modernen Designs ist eine Phantasie des urban high rise niederländischer Architekten: ein futuristisches Spiel, aber auch ein Denkgebäude, das Probleme lösen will. Die Häuser werden besser, aber nachhaltige Architektur zieht nicht zwangsläufig nachhaltigeres Leben mit sich.

Sehr gezielt wählt der Dramatiker Nathan Vecht für seine Figuren den höchsten Platz eines Hauses aus. Sein Stück "Fahrradfahren für Malawi" spielt nicht etwa in einem Wohnzimmer, in dem die Figuren symbolhaft auf dem Sofa kleben bleiben und in Stillstand geraten. Auch nicht in der Kulisse eines Hotelzimmers, das derzeit in vielen niederländischen Inszenierungen auftaucht, die einen kritischen Blick auf die globalisierte Welt werfen. Sondern auf einer Dachterrasse im Stadtzentrum, mit Holzzäunen und -fliesen: "makellos wie aus dem Prospekt", schlägt Nathan Vecht vor. Mit einer wuchernden Trauerweide, die in einer Szene bewundert wird, und mit noch viel mehr Grün, denn, sagt Trude, alles, was ihr Mann mit seinen Flugreisen in die Schadstoffbilanz einbringe, "pflanze ich wieder zurück. Wenn wir irgendwann diese Welt verlassen, hinterlassen wir sie genau so, wie wir sie vorgefunden haben."

Die Dritte Welt ist nebenan
Trude hat ihr schlechtes Gewissen zum Beruf gemacht und arbeitet für mehrere Afrika-Hilfsorganisationen. So klimaneutral wie ihre Dachterrasse gelingt ihr das Berufs- und Privatleben allerdings nicht. Diese Erkenntnis offenbart Vecht in zwei Schritten. Anfangs sitzt das Paar allein zusammen, wartet auf Freunde und will noch schnell mit dem Selbstauslöser ein Foto machen. Die Sonne steht optimal, "alles ist optimal", sagt Trude. Die Kamera allerdings funktioniert nicht, und man beginnt zu ahnen, dass auch ihre beiden Besitzer nicht immer so können, wie sie es optimalerweise wollen.

Nathan Vecht macht die Probe aufs Exempel und schickt dem Paar die hilfsbedürftige Nachbarin ins Haus. Olga ist skurril, fordernd und lädt sich selbst zum Essen ein. Nicht gerade eine Sympathieträgerin, und vor allem rückt sie auf der Dachterrasse viel näher heran als die notleidenden Kinder in der Dritten Welt, für deren Wohl sich Trude engagiert. Sie, die ständig Gutes tun will, ist nun damit konfrontiert, dass jemand das Gute auch nehmen will.

Ungebetene Gäste
Vor anderthalb Jahren hat der deutsche Dramatiker David Gieselmann zusammen mit Klaus Schumacher vom Jungen Schauspielhaus Hamburg ein Stück mit einem ähnlichen Plot geschrieben. In "Louis und Louisa" steht plötzlich das südamerikanische Patenkind vor der Tür, nistet sich bei der Familie ein und nervt. Diesen neuen Sohn, der nun "Papa" und "Mama" sagt, hartherzig wegzuschicken, geht natürlich nicht. "Fahrradfahren für Malawi" führt die Figuren auf ähnliche Weise in die Zwickmühle: Was tun mit dem ungebetenen Gast?