Freitag, 24. November 2017
 

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Theaterlandschaft Bulgarien

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Wie Stanislawski ins Koma fiel und wieder erwachte

von Violeta Detcheva

"Der Stein ist bewohnt. In den geräumigen Nasen- und Ohrlöchern, Haut- und Uniformfalten des zertrümmerten Standbilds haust die ärmere Bevölkerung der Metropole." (Heiner Müller) Auch im bulgarischen Theater, wie in den übrigen östlichen Ländern, die den Stein bewohnen, traten radikale Veränderungen ein – in seiner institutionellen Struktur, in der Bühnensprache, in der bevorzugten Dramaturgie und in seiner Beziehung zum Publikum. Die Neue Lage machte ihrerseits eine große Wandlung in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts durch. Wenn bis 1998 das Schlüsselwort Wandlung war, so ist es seit den letzten 10 Jahren Stabilität. Das Theater der 90er Jahre nutzte die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesammelten performativen Erfahrungen und reagierte sowohl auf das Erbe des Sozialismus, als auch auf die Turbulenzen der Periode des Postkommunismus. Es tauchten neue Strömungen auf.

Eine der interessantesten war die Bildung des Theaters Sfumato. Der Name leitet sich von einem Begriff Leonardos ab, der eine Technik beschreibt, Luft zu malen. Es wurde im Jahre 1988 als Reaktion auf den unaufhaltsamen späten Sozialismus gegründet. Die Regisseure Ivan Dobchev (*1947) und Margarita Mladenova (*1947) konzipierten es als eine Werkstatt, als einen Raum für Experimente. So machten sie den Anfang eines langfristigen Forschungsprogramms, welches auf einem neuen Ethos basiert. Die beiden Regisseure haben oft vom "Erreichen des ganzheitlichen Menschen" gesprochen. Anders gesagt, erscheint dieses neue Theater wie eine Reaktion auf das tiefe ethische Defizit.

Verlust eines transzendenten Horizonts
Der methaphysische Blickwinkel auf die Welt ist entscheidend für das, was theatralisch gesucht wird. Im Geiste von Brooks, Grotowskis und A. Wassiliews Theater ist die Probe das Wichtige: "die Suche und nicht das Resultat". In ihren Forschungsprogrammen "Tschechow", "Radichkow", "Jowkow", "Mythen" u.a. formt sich die Ästhetik eines poetisch-asketischen Theaters. Durch die Schlüsselautoren der europäischen Moderne und auch der bulgarischen Autoren – wie Jordan Jowkow, Jordan Radichkow, Konstantin Iliev und Bojan Papazow drücken ihre Aufführungen eine innere Welt des modernen Menschens, seiner tiefen geistigen Brüche, seiner Ungläubigkeit und seines verlorenen transzendenten Horizonts aus.