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Theaterlandschaft Bulgarien

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In der Perspektive der postmodernen Philosophie schreibt eine Generation von Stückschriftstellern: Georgi Gospodinov (*1968), Georgi Tenev (*1969), Plamen Dojnov (*1969). Sie öffneten eine neue Perspektive auf die bulgarische Dramatik. Das Erbe des Sozialismus war für sie ein Teil des großen Erbes der Moderne, das sie in den übernommenen Modellen des Dramas spielen ließen. Am besten sieht man dies im Stück "D.J." (2003) von Gospodinov, einem der Autoren, die in der bulgarischen Literatur der letzten 20 Jahre eine zentrale Bedeutung haben. Der Autor bezeichnet es sogar nicht als Stück, sondern als "theatralischen scratch". So wie das "scratchen" in Discotheken neue Musik hervorbringt, so sollte auch das theatralische Umspielen von Motiven aus den Mythen um Don Juan ein neues Drama hervorbringen. Das Stück wurde sowohl in Sofia als auch in Graz gespielt. Der andere Autor, Georgi Tenev gab seinen Texten ("Somnium Ulixis", "Atoll", "Grand Prix Europe", "Best European Radio Drama") durch Sprachspiele Gestalt. Das psychologische Theater wurde marginalisiert, und Stanislawski fiel ins Koma.

Reform endete im Streit
Eine Gruppe bulgarischer Dramatiker schrieb weiterhin in der Tradition des psychologischen Dramas; die breite Perspektive aber entfiel. Die Stücke Jurij Datchevs (*1963), Theodora Dimovas (*1960), Jana Dobrevas (*1962) und Petja Russevas (*1968) richten ihren Blick jedoch auf private Geschichten. Keiner von ihnen gab die lineare Fabel auf.

Nach dem Zerfall des Kommunistischen Staates blieb dem Theatersystem eine belanglose Finanzierung, die nur die Funktion des Gebäudes aufrecht erhielt. Die Reform, die Mitte der 90er Jahre begann und die Theaterhäuser von der Staatsfinanzierung und dem Teilverkauf an die Gemeinden befreien sollte, endete mit einem Krach. Die erwähnten neuen Strömungen realisierten sich inmitten sich auflösender staatlichen Theater-Strukturen. Das erste Privatheater "La Strada" geht pleite. Das berühmte Theater "Sfumato" wird, obwohl es sich auch durch seine europäischen Projekte unterhält, vom Staat finanziert. 2006 wurden alle 43 Theaterhäuser hauptsächlich vom Staat finanziert. Das System des Repertoiretheaters wurde beibehalten.

Typisch ist das Fehlen von Neuem
Die Haltung, die sich ab 1998 durchgesetzt hat, ist das Streben nach Vergnügen und Komfort, deshalb nenne ich sie hedonistisch. Obwohl die Regisseure, um die es geht, die führenden Namen sind, ist das Typische für die neue Situation: das Fehlen von Neuem. Insgesamt dominieren die mittlerweile bekannten Stile und die typischen Praktiken der 90er Jahre, zu denen man jedoch unbedingt die Entwicklung des Tanztheaters mit Aufführungen von Galina Borissova, Mila Iskrenova, Tatjana Setchanova, Rosen Michailov, Violeta Vitanova, Stanislav Genadiev u.a. hinzufügen muss.

Im Sprechtheater wurde das Interesse an traditionellen Genres reanimiert. Stanislawski erwachte in einer neu medialisierten Version aus dem Koma. Die aktuellen Vorlieben der bulgarischen Theatralen müssen im Kontext der wesentlichen Kulturveränderungen betrachtet werden. Die Medialisierung der Öffentlichkeit, die Expansion der Unterhaltungskultur als Globalisierungseffekt, Internet, neue Sozialschichten führten in den letzten zehn Jahren zu verschiedenen Verhaltensarten, zu neuen Haltungen gegenüber der Kunst als Ganzen. Die Künste sind im Ganzen marginalisiert.

Die führenden Vorbilder, Verhaltensmodelle und Wertprofile wurden von Medien und Unterhaltungsprogrammen geformt. In die Theatersäle tritt ein neues, hybrides Publikum ein, welches sich in seinen Sozial- und Altersprofilen unterscheidet, jedoch keine ausdrücklichen Vorlieben für eine bestimmte Theaterart pflegt. Ins Theater zu gehen, ist eine Form der Therapie und eine Flucht. Das kritisch denkende Theater ist am unpopulärsten. Und die Zukunft? Mittlerweile dringt eine Generation der neuen globalen Realität und der Weltkrise vor, und wir erwarten ihr Theater.

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Hier geht es zu den Texten über Alek Popov.



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