Dienstag, 23. Oktober 2018
 

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Theaterlandschaft Bulgarien

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Einer der Autoren von Sfumato ist Konstantin Iliev (*1937). Ende der 80er Jahre hatte er bereits zehn Dramen und einen Roman geschrieben. Für diese Werke ist eine Historisierung des Handlungsaufbaus nach Brecht typisch sowie die Hinführung der Personen in eine Situation, die ihre ethischen Entscheidungen auf die Probe stellt. So ist es in "Lame-Leg or Lupine Holy Mother" (1994), in dem sich Momente der bulgarischen Geschichte überlagern, oder in "Francesca" (2002), wo es um eine alte Frau geht, die nach emotionalem Stress "sieht", was in der Vergangenheit geschehen ist und was in der Zukunft bevorsteht. Die Dramen Konstantin Ilievs zeigen fragmentierte Subjekte und den Zerfall der linearen Geschichte im Drama.

Den gleichen Prozess beobachten wir bei einem anderen bulgarischen Dramatiker, Bojan Papazow (1943), dessen Stücke sich der Collagentechnik bedienen. "Beschwörung von Flöhen" (1999) ist eine komplizierte Verflechtung von sechs Monologen, die die Schicksale eines bulgarischen Geschlechts zusammenführen. Und "Demon Sale" (2003) baut auf 16 montagehaften Szenen in einer Simultanhandlung auf, in der sich verschiedene Subkulturen treffen.

Zerfall der Metaphysik nach 1989
Der Zerfall des methaphysischen Geschichtspunkts kennzeichnet eine neue dominierende Strömung des Theaters nach 1989. Sie besteht aus verschiedenen Stilistiken. Eine neue Generation von Regisseueren – Stefan Moskov (*1960), Javor Gardev (*1972), Lilija Abadjieva (*1966), Galin Stoev (*1969), Alexander Morfov (*1960) – stellt das spielende, rollenhafte Subjekt auf die Bühne, indem sie führende Ideologien des 20. Jahrhunderts dekonstruiert und eigene Erfahrungen aus dem Kommunismus und der postkommunistischen Welt einfließen lässt. Das war das "Zurückkehren aus der Zukunft" (Boris Groys) im Theater.

Zum Beispiel zeigte Moskov, einer der Begründer des ersten privaten Theaters "La Strada", durch theatralische Impovisationen ein postmodernes Subjekt, das in den Modellen der Kinoindustrie und der Popularkulturen lebt. Unter seinen erfolgreichsten Arbeiten sind "Romeo und Julia", "Jam" und "Die Straβe" (später als Fernsehreihe verfilmt und in Montreux ausgezeichnet). Das war das Theater des Pastiches, jedoch auch der Clownerien.

Neue Logik des postmodernen Theater
Die Inszenierungen der Regisseurin Lilija Abadjiewa entsprechen der Logik des postmodernen Theaters und auch des Tänzerischen bzw. visuellen Theaters. Sie dekonstruiert die klassischen Werke mit Hilfe von Hits der Popkultur – meistens Shakespeare und auch Goethe. In Shakespeare-Collagen zeigt auch Morfow Widerstand gegen den pathetischen, schönen und erhabenen Körper des Schauspielers, der von der sozialistischen Bühne verlangt wird.

Der Stil Morfovs parodierte die offiziöse Theatersprache des Kommunismus, dessen Symbol das Nationaltheater "Ivan Vasov" war. Nachdem er 1993 vom neuen Direktor Vasil Stefanov als Regisseur eingeladen wurde, repräsentierten seine Aufführungen die Zeichen einer Veränderung. In den 90er Jahren waren sein Name und der Stefan Moskovs sehr präsent. Moskov führte in Deutschland Regie (Thalia Theater Hamburg). Morfov wurde künstlerischer Leiter des Nationaltheaters.

Postkommunismus und Globalisierung zusammendenken
Eine der interessantesten Richtungen des aktuellen bulgarischen Theaters wurde vom Regisseur Javor Gardev, einem der Gründer der Gruppe "Triumviratus Art Group” zusammen mit dem Bühnenbildner Nikola Toromanov (*1968) und dem Schriftsteller Georgi Tenev (*1969), vorgegeben. Gardev ist ein Vertreter des kritischreflektierenden Theaters, eines stark rhythmisch-visuellen Theaters, das die Realität des Postkommunismus und der Globalisierung kritisch denkt. In seinen Aufführungen benutzt Gardev dominierende Kulturcodes der Gesellschaft, um Wirklichkeit auf die Bühne hervorzuheben, deren Ästhetik die Aufmerksamkeit des Publikums auf aktuelle politische Probleme lenkt.