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Theaterlandschaft Bulgarien

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Wie Stanislawski ins Koma fiel und wieder erwachte

von Violeta Detcheva

"Der Stein ist bewohnt. In den geräumigen Nasen- und Ohrlöchern, Haut- und Uniformfalten des zertrümmerten Standbilds haust die ärmere Bevölkerung der Metropole." (Heiner Müller) Auch im bulgarischen Theater, wie in den übrigen östlichen Ländern, die den Stein bewohnen, traten radikale Veränderungen ein – in seiner institutionellen Struktur, in der Bühnensprache, in der bevorzugten Dramaturgie und in seiner Beziehung zum Publikum. Die Neue Lage machte ihrerseits eine große Wandlung in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts durch. Wenn bis 1998 das Schlüsselwort Wandlung war, so ist es seit den letzten 10 Jahren Stabilität. Das Theater der 90er Jahre nutzte die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesammelten performativen Erfahrungen und reagierte sowohl auf das Erbe des Sozialismus, als auch auf die Turbulenzen der Periode des Postkommunismus. Es tauchten neue Strömungen auf.

Eine der interessantesten war die Bildung des Theaters Sfumato. Der Name leitet sich von einem Begriff Leonardos ab, der eine Technik beschreibt, Luft zu malen. Es wurde im Jahre 1988 als Reaktion auf den unaufhaltsamen späten Sozialismus gegründet. Die Regisseure Ivan Dobchev (*1947) und Margarita Mladenova (*1947) konzipierten es als eine Werkstatt, als einen Raum für Experimente. So machten sie den Anfang eines langfristigen Forschungsprogramms, welches auf einem neuen Ethos basiert. Die beiden Regisseure haben oft vom "Erreichen des ganzheitlichen Menschen" gesprochen. Anders gesagt, erscheint dieses neue Theater wie eine Reaktion auf das tiefe ethische Defizit.

Verlust eines transzendenten Horizonts
Der methaphysische Blickwinkel auf die Welt ist entscheidend für das, was theatralisch gesucht wird. Im Geiste von Brooks, Grotowskis und A. Wassiliews Theater ist die Probe das Wichtige: "die Suche und nicht das Resultat". In ihren Forschungsprogrammen "Tschechow", "Radichkow", "Jowkow", "Mythen" u.a. formt sich die Ästhetik eines poetisch-asketischen Theaters. Durch die Schlüsselautoren der europäischen Moderne und auch der bulgarischen Autoren – wie Jordan Jowkow, Jordan Radichkow, Konstantin Iliev und Bojan Papazow drücken ihre Aufführungen eine innere Welt des modernen Menschens, seiner tiefen geistigen Brüche, seiner Ungläubigkeit und seines verlorenen transzendenten Horizonts aus.


Einer der Autoren von Sfumato ist Konstantin Iliev (*1937). Ende der 80er Jahre hatte er bereits zehn Dramen und einen Roman geschrieben. Für diese Werke ist eine Historisierung des Handlungsaufbaus nach Brecht typisch sowie die Hinführung der Personen in eine Situation, die ihre ethischen Entscheidungen auf die Probe stellt. So ist es in "Lame-Leg or Lupine Holy Mother" (1994), in dem sich Momente der bulgarischen Geschichte überlagern, oder in "Francesca" (2002), wo es um eine alte Frau geht, die nach emotionalem Stress "sieht", was in der Vergangenheit geschehen ist und was in der Zukunft bevorsteht. Die Dramen Konstantin Ilievs zeigen fragmentierte Subjekte und den Zerfall der linearen Geschichte im Drama.

Den gleichen Prozess beobachten wir bei einem anderen bulgarischen Dramatiker, Bojan Papazow (1943), dessen Stücke sich der Collagentechnik bedienen. "Beschwörung von Flöhen" (1999) ist eine komplizierte Verflechtung von sechs Monologen, die die Schicksale eines bulgarischen Geschlechts zusammenführen. Und "Demon Sale" (2003) baut auf 16 montagehaften Szenen in einer Simultanhandlung auf, in der sich verschiedene Subkulturen treffen.

Zerfall der Metaphysik nach 1989
Der Zerfall des methaphysischen Geschichtspunkts kennzeichnet eine neue dominierende Strömung des Theaters nach 1989. Sie besteht aus verschiedenen Stilistiken. Eine neue Generation von Regisseueren – Stefan Moskov (*1960), Javor Gardev (*1972), Lilija Abadjieva (*1966), Galin Stoev (*1969), Alexander Morfov (*1960) – stellt das spielende, rollenhafte Subjekt auf die Bühne, indem sie führende Ideologien des 20. Jahrhunderts dekonstruiert und eigene Erfahrungen aus dem Kommunismus und der postkommunistischen Welt einfließen lässt. Das war das "Zurückkehren aus der Zukunft" (Boris Groys) im Theater.

Zum Beispiel zeigte Moskov, einer der Begründer des ersten privaten Theaters "La Strada", durch theatralische Impovisationen ein postmodernes Subjekt, das in den Modellen der Kinoindustrie und der Popularkulturen lebt. Unter seinen erfolgreichsten Arbeiten sind "Romeo und Julia", "Jam" und "Die Straβe" (später als Fernsehreihe verfilmt und in Montreux ausgezeichnet). Das war das Theater des Pastiches, jedoch auch der Clownerien.

Neue Logik des postmodernen Theater
Die Inszenierungen der Regisseurin Lilija Abadjiewa entsprechen der Logik des postmodernen Theaters und auch des Tänzerischen bzw. visuellen Theaters. Sie dekonstruiert die klassischen Werke mit Hilfe von Hits der Popkultur – meistens Shakespeare und auch Goethe. In Shakespeare-Collagen zeigt auch Morfow Widerstand gegen den pathetischen, schönen und erhabenen Körper des Schauspielers, der von der sozialistischen Bühne verlangt wird.

Der Stil Morfovs parodierte die offiziöse Theatersprache des Kommunismus, dessen Symbol das Nationaltheater "Ivan Vasov" war. Nachdem er 1993 vom neuen Direktor Vasil Stefanov als Regisseur eingeladen wurde, repräsentierten seine Aufführungen die Zeichen einer Veränderung. In den 90er Jahren waren sein Name und der Stefan Moskovs sehr präsent. Moskov führte in Deutschland Regie (Thalia Theater Hamburg). Morfov wurde künstlerischer Leiter des Nationaltheaters.

Postkommunismus und Globalisierung zusammendenken
Eine der interessantesten Richtungen des aktuellen bulgarischen Theaters wurde vom Regisseur Javor Gardev, einem der Gründer der Gruppe "Triumviratus Art Group” zusammen mit dem Bühnenbildner Nikola Toromanov (*1968) und dem Schriftsteller Georgi Tenev (*1969), vorgegeben. Gardev ist ein Vertreter des kritischreflektierenden Theaters, eines stark rhythmisch-visuellen Theaters, das die Realität des Postkommunismus und der Globalisierung kritisch denkt. In seinen Aufführungen benutzt Gardev dominierende Kulturcodes der Gesellschaft, um Wirklichkeit auf die Bühne hervorzuheben, deren Ästhetik die Aufmerksamkeit des Publikums auf aktuelle politische Probleme lenkt.


In der Perspektive der postmodernen Philosophie schreibt eine Generation von Stückschriftstellern: Georgi Gospodinov (*1968), Georgi Tenev (*1969), Plamen Dojnov (*1969). Sie öffneten eine neue Perspektive auf die bulgarische Dramatik. Das Erbe des Sozialismus war für sie ein Teil des großen Erbes der Moderne, das sie in den übernommenen Modellen des Dramas spielen ließen. Am besten sieht man dies im Stück "D.J." (2003) von Gospodinov, einem der Autoren, die in der bulgarischen Literatur der letzten 20 Jahre eine zentrale Bedeutung haben. Der Autor bezeichnet es sogar nicht als Stück, sondern als "theatralischen scratch". So wie das "scratchen" in Discotheken neue Musik hervorbringt, so sollte auch das theatralische Umspielen von Motiven aus den Mythen um Don Juan ein neues Drama hervorbringen. Das Stück wurde sowohl in Sofia als auch in Graz gespielt. Der andere Autor, Georgi Tenev gab seinen Texten ("Somnium Ulixis", "Atoll", "Grand Prix Europe", "Best European Radio Drama") durch Sprachspiele Gestalt. Das psychologische Theater wurde marginalisiert, und Stanislawski fiel ins Koma.

Reform endete im Streit
Eine Gruppe bulgarischer Dramatiker schrieb weiterhin in der Tradition des psychologischen Dramas; die breite Perspektive aber entfiel. Die Stücke Jurij Datchevs (*1963), Theodora Dimovas (*1960), Jana Dobrevas (*1962) und Petja Russevas (*1968) richten ihren Blick jedoch auf private Geschichten. Keiner von ihnen gab die lineare Fabel auf.

Nach dem Zerfall des Kommunistischen Staates blieb dem Theatersystem eine belanglose Finanzierung, die nur die Funktion des Gebäudes aufrecht erhielt. Die Reform, die Mitte der 90er Jahre begann und die Theaterhäuser von der Staatsfinanzierung und dem Teilverkauf an die Gemeinden befreien sollte, endete mit einem Krach. Die erwähnten neuen Strömungen realisierten sich inmitten sich auflösender staatlichen Theater-Strukturen. Das erste Privatheater "La Strada" geht pleite. Das berühmte Theater "Sfumato" wird, obwohl es sich auch durch seine europäischen Projekte unterhält, vom Staat finanziert. 2006 wurden alle 43 Theaterhäuser hauptsächlich vom Staat finanziert. Das System des Repertoiretheaters wurde beibehalten.

Typisch ist das Fehlen von Neuem
Die Haltung, die sich ab 1998 durchgesetzt hat, ist das Streben nach Vergnügen und Komfort, deshalb nenne ich sie hedonistisch. Obwohl die Regisseure, um die es geht, die führenden Namen sind, ist das Typische für die neue Situation: das Fehlen von Neuem. Insgesamt dominieren die mittlerweile bekannten Stile und die typischen Praktiken der 90er Jahre, zu denen man jedoch unbedingt die Entwicklung des Tanztheaters mit Aufführungen von Galina Borissova, Mila Iskrenova, Tatjana Setchanova, Rosen Michailov, Violeta Vitanova, Stanislav Genadiev u.a. hinzufügen muss.

Im Sprechtheater wurde das Interesse an traditionellen Genres reanimiert. Stanislawski erwachte in einer neu medialisierten Version aus dem Koma. Die aktuellen Vorlieben der bulgarischen Theatralen müssen im Kontext der wesentlichen Kulturveränderungen betrachtet werden. Die Medialisierung der Öffentlichkeit, die Expansion der Unterhaltungskultur als Globalisierungseffekt, Internet, neue Sozialschichten führten in den letzten zehn Jahren zu verschiedenen Verhaltensarten, zu neuen Haltungen gegenüber der Kunst als Ganzen. Die Künste sind im Ganzen marginalisiert.

Die führenden Vorbilder, Verhaltensmodelle und Wertprofile wurden von Medien und Unterhaltungsprogrammen geformt. In die Theatersäle tritt ein neues, hybrides Publikum ein, welches sich in seinen Sozial- und Altersprofilen unterscheidet, jedoch keine ausdrücklichen Vorlieben für eine bestimmte Theaterart pflegt. Ins Theater zu gehen, ist eine Form der Therapie und eine Flucht. Das kritisch denkende Theater ist am unpopulärsten. Und die Zukunft? Mittlerweile dringt eine Generation der neuen globalen Realität und der Weltkrise vor, und wir erwarten ihr Theater.

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