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Theaterlandschaft Finnland

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Freizeitbeschäftigung fürs ganze Volk

von Jukka-Pekka Pajunen

Finnland, in der nördlichen Ecke Europas, ist ein Tummelplatz für Theaterfanatiker. Ein beachtlicher Teil der 5,3 Millionen Einwohner nennt Theater als Freizeitbeschäftigung. Jährlich werden gut 4 Millionen Eintrittskarten für Theater-, Tanz- und Opernvorstellungen verkauft. Einen Eindruck von der Dichte der Theatervorstellungen vermittelt die Tatsache, dass allein in der Gegend um Helsinki in einer Woche während einer ausgelasteten Theatersaison ungefähr 60 Vorstellungen zur Auswahl stehen.

Das Theaternetz erstreckt sich über das ganze Land und ermöglicht allen Einwohnern dieses spärlich besiedelten Landes, professionelles Theater in ihrer Heimatprovinz zu sehen. Theater gehört neben Bibliotheken, Orchestern und Museen zu den Kulturdienstleistungen, die von den Kommunen angeboten werden. Die größte Konzentration an Theatern findet man in den Städten im Süden: Helsinki hat 15 Theater, von denen die größten mindestens zwei Bühnen haben, in Tampere gibt es sechs und in Turku fünf. Die Stadttheater wie auch das Nationaltheater verfügen über fest angestelltes Personal, dessen künstlerischer Kern aus dem Ensemble, festen Regisseuren, Bühnen- und Kostümbildnern sowie Dramaturgen besteht. Auch freie Gruppen sind bestrebt, ein kleines Ensemble zu engagieren, das sie mit Gastschauspielern vervollständigen. Das Ensemble ermöglicht ein Repertoiresystem, während ein großer Teil der freien Szene en suite spielt.

Gesetzlich verankerte Subventionspflicht
Schon seit Jahrzehnten folgt die Finanzierung des Theaternetzwerks dem gleichen Modell: die Kommunen kommen für ungefähr 40 Prozent der Kosten auf, der Staat deckt 30 Prozent, und die Theater bringen mit Karteneinnahmen die restlichen 30 Prozent ein. Diese Aufteilung betrifft 45 Schauspieltheater, sechs davon produzieren für die schwedischsprachige Minderheit Finnlands. Ihre staatlichen Subventionen sind gesetzlich verankert, eine Eigenheit Finnlands, das seit 1993 über ein Gesetz zur Förderung der Theater und Orchester verfügt. Die Subventionierung des Nationaltheaters wird separat geregelt. Von regelmäßigen staatlichen Subventionen ausgeschlossen sind die 51 professionellen Gruppen der freien Szene, die über 50 Prozent ihres Etats einspielen müssen und deren sonstigen Gelder vom Staat, den Kommunen und anderen Geldgebern kommen. Rein kommerzielle Theater, die gänzlich ohne öffentliche Gelder auskommen, gibt es in Finnland nur wenige. Sie produzieren fast ausschließlich Musiktheater und leichte Komödien.

 


Zusätzlich zum breiten Theaternetzwerk finden in Finnland zahlreiche Festivals statt. Das größte ist das Tampere Theatre Festival, das aktuelle ausländische Inszenierungen zeigt sowie eine Auswahl der besten finnischen Produktionen der jeweiligen Spielzeit. Das Tampere Festival, zusammen mit dem von den Helsinki Festspielen organisierte Stage Festival und dem traditionsreicheren Baltic Circle Festival in Helsinki sind Treffpunkte für Zuschauer, die neue Strömungen des zeitgenössischen Theaters mitverfolgen wollen. Die sogenannten Gesetzlosen, die freien Gruppen, welche nicht ins Gesetz zur Förderung der Theater aufgenommen wurden, treten bei ihrem eigenen Festival in Pori auf. Für Amateurgruppen gibt es mehrere Festivals, von denen die in Mikkeli und Seinäjoki die größten sind.

Die Spielpläne der finnischen Theater reichen von Hit Musicals und Komödien über Klassiker bis zu neueren einheimischen wie ausländischen Stücken. In der Spielzeit 2006/2007 waren 203 finnische Stücke auf den Spielplänen, 38 Prozent davon Uraufführungen, von den 154 ausländischen Stücken waren 26 Prozent finnischsprachige Erstaufführungen. Der größte Teil der ausländischen Stücke kommt aus England und Amerika. Der Anteil an zeitgenössischen finnischen Stücken ist in den letzten 15 Jahren spürbar gewachsen.

Junge Sprache, die einen wichtigen Platz einnimmt
Der Anstoß für das Wachstum der finnischen Dramatik kommt von der Dramaturgenausbildung an der Theaterhochschule, die vor allem das Schreiben in den Vordergrund hebt. Jedes Jahr schließen talentierte Autoren diesen Studiengang ab (beispielsweise Maria Peura, Marjo, Niemi, Anna Krogerus, Tuomas Timonen, Heini Junkkaala, Okko Leo, Otso Huopaniemi, Maria Kilpi). Viele von ihnen haben nicht nur für ihre Dramatik, sondern auch für ihre Prosa Anerkennung, gute Rezensionen und Preise erhalten. Die Vielseitigkeit der finnischen Dramatiker zeigt sich auch darin, dass fast die Hälfte der Uraufführungen von den Autoren selbst inszeniert wird.

Damit man das finnische Theater von heute verstehen kann, muss man sich einen kurzen Überblick über die Entwicklung des Theaters verschaffen. Verglichen mit den europäischen Theater-Großmächten ist das finnische Theater sehr jung. Die ersten Theatervorstellungen in finnischer Sprache schafften es erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Rampenlicht, und die eigentliche Zeitrechnung des finnischen Theaters hat mit Aleksis Kivi angefangen, dessen Stück "Die Heideschuster" (1864) und der zum Teil in dramatischer Form geschriebene Roman "Die sieben Brüder" (1870) als Wegweiser für die Entwicklung des finnischsprachigen Dramas und überhaupt der finnischsprachigen Literatur verstanden werden können. Das im 19. Jahrhundert noch spärliche Publikum verfolgte in den eben erst gegründeten Theatern nicht nur finnische Stücke – die finnische Sprache hatte eben erst ihre endgültige Form als Schriftsprache gefunden –, sondern vor allem deutsche und skandinavische Neuheiten.

Tiefe Verankerung in alltäglichen Erfahrungen und Problemen
Auch wenn man mit dem Theaterhandwerk bei nahezu Null anfangen musste und fast ausschließlich auf Amateurkräfte angewiesen war, so stand doch von Anfang an fest, dass das finnische Theater den Entwicklungen in den Nachbarländern folgen und versuchen würde, mit neuen Strömungen mitzuhalten. Gleichzeitig blieb Theater eine Freizeitbeschäftigung für das gesamte Volk, tief verankert in den alltäglichen Erfahrungen und Problemen. Diese realistische und mit den Zuschauern auf eine gleiche Stufe gesetzte Haltung hat sich im finnischen Theater bis heute erhalten.
Heute wird mehr als je zuvor fürs Theater geschrieben, und einheimische Stücke sind ein sicherer Garant, dass Eintrittskarten ihre Abnehmer finden. Das Theater versucht, möglichst schnell auf gesellschaftliche Veränderungen und Probleme zu reagieren.


Ganz bestimmt werden die Spielpläne schon im Herbst 2009 Stücke vorweisen, welche die sich frisch entwickelnde Krise und die wachsende Arbeitslosigkeit behandeln. Ein gewisser volkstümlicher Charakter bedeutet im finnischen Theater nicht, Schwänke zu spielen, sondern Blickwinkel einzunehmen, die eine Identifizierung durch das Publikum ermöglichen. Probleme oder überhaupt Menschen werden meistens durch Individuen dargestellt, wodurch ein umfassenderes Bild von der Beziehung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft entsteht.

Obwohl die Themen für gewöhnliche Zuschauer zugänglich sind – seien sie Putzfrauen, Klempner, Lehrer oder Juristen – variieren die theatralischen Formen der Stücke doch beträchtlich. Das traditionelle well-made-play macht in den Spielplänen noch die Mehrheit aus, aber auch experimentelle und konzeptuelle Ansätze finden ihren Platz. Vor allem freie Gruppen sind bereit, neue Theatertrends aus der ganzen Welt aufzusaugen und bringen dem finnischen Publikum brandaktuelle Kostproben neuer Strömungen. Weil die Theater ein Teil des Kulturangebots der Kommunen sind, haben sie auch eine fördernde Aufgabe gegenüber der Gemeinschaft. Lokale Thematiken wie Lokalgeschichte, lokale Persönlichkeiten oder sogar die örtliche Natur sind eine unerschöpfliche Quelle für Themen für die Stadttheater.

In den 60er Jahren Bau zu großer Bühnen
Wie anderswo in Europa, ist auch in Finnland die Kommerzialisierung des Theaters spürbar. Allzu oft wird Kreativität von der Ideologie einer wirtschaftlichen Produktivität vorangetrieben. Mit der Ende der 60er-Jahre losgetretenen, politisch gefärbten Sturzwelle des kulturellen Bewusstseins ging in Finnland ein Bauboom neuer Theatergebäude einher, was dazu führte, dass die großen Bühnen der Stadttheater im Verhältnis zu der heutigen segmentierteren Zuschauerbasis und einem expandierten Theaterangebot zu groß gebaut wurden. Dies führte dazu, dass die großen Bühnen kommerzialisiert wurden und es den kleinen Bühnen überlassen ist, sogenannte Kunst zu produzieren.

Die Situation wurde mittlerweile erkannt, und der Kampf hat schon begonnen, die Kunst zurück auf die großen Bühnen zu bringen. Das Nationaltheater ist unter den großen Theatern das einzige, das es geschafft hat, reines Sprechtheater zu zeigen, und das auch die sonst so beliebten angloamerikanischen Komödien nicht in den Spielplan nimmt. Neue Generationen von Theaterschaffenden (etwa Heidi Räsänen, Saana Lavaste, Emilia Pöyhönen) haben mutig die wirtschaftliche Herausforderung angenommen und außerhalb der Stadttheater und etablierten Theater gearbeitet. Neben neuen Gruppen und Spielstätten haben viele der jungen Macher (Miko Jaakkola, Riku Innamaa, Samuli Reunanen) auch in den großen, von der öffentlichen Hand finanzierten Theatern Fuß gefasst, und die optimistischeren unter uns hören schon die letzten Stunden des schlimmsten Kommerzdenkens schlagen.

(Aus dem Finnischen übersetzt von Martina Marti)

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Hier geht es zu den Texten über den finnischen Dramatiker und Regisseur Kristian Smeds.




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