Montag, 18. Juni 2018
 

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Stückporträt Orangenhaut

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Stückporträt Orangenhaut
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Frau jenseits von size zero

von Verena Mayer

Es beginnt mit ein paar Dellen. Am Anfang sieht man sie nur, wenn man die Haut zusammendrückt, doch dann ist sie da, schlaff und schlecht durchblutet: die Orangenhaut. Das Ende der Bikinizone. Jetzt helfen nur mehr Spezialbürsten, Cremes und Fitnessstudio. Rauchen und fettes Essen sind tabu, genau wie Sonnenbäder und Salz. Der einzige Trost: Auch andere Frauen bekommen Zellulitis. Sogar Paris Hilton hat angeblich eine.

Ohne Cellulite, wie die Orangenhaut korrekt heißt, könnten ganze Industrien dichtmachen. Von den Frauenzeitschriften, die in jeder Ausgabe mindestens fünf neue Anti-Cellulite-Tipps parat haben, ganz zu schweigen. Dass weibliches Bindegewebe zur Metapher für einen ganzen Theatertext taugen kann, beweist nun die junge serbische Autorin Maja Pelevic.

Häutung und Stationendrama
Ihr Stück "Orangenhaut" ist unterteilt in 22 Kapitel. Jedes Kapitel ist durch eine Regieanweisung eingeleitet, die dazu gedacht scheint, auf der Bühne ausgesprochen zu werden: "Du bist im Club. Da sind viele Leute. Du spürst nichts. Du glaubst, nichts zu spüren, aber du schwitzt." Dann spricht "du", die weibliche Hauptperson, wobei der Dialog mit der Regieanweiserin (dem Regieanweiser?) aufrecht bleibt – möglicherweise handelt es sich sogar um ein und dieselbe Figur, die sich selbst Befehle erteilt.

Was sich von Szene zu Szene ändert, ist die sprachliche Form, in der SIE sich artikuliert. Mal sind es Dialoge, die SIE mit einem ER führt, mal sind es parodistisch aufgeladene Ratgebertexte und Kundendialoge, die ihr durchs Hirn rauschen, mal sind es belauschte Gespräche in einem Schönheitssalon. Ein Kapitel besteht aus Textfetzen aus dem Cyberspace, die bei einer Recherche über Kopfschmerzen und Katerstimmung auf dem Bildschirm erscheinen, ein anderes hat die Form eines Protokolls, das Stunde für Stunde die zweifelhaften Höhepunkte eines "ganz normalen (un)glücklichen Tages" verzeichnet, ein drittes ist ein innerer Monolog, in dem SIE sich, unter dem Schock des Mutterglücks, alternative Lebenswegkatastrophen ausmalt.

Jagd nach der weiblichen Identität
So konstruiert sich ein weibliches Gesamtsubjekt, das mehr sein möchte als ein so genanntes Einzelschicksal. Voll Tatendrang schlüpft SIE in die Rollen, die die Gesellschaft für Frauen jenseits von Size Zero bereithält. Alle möglichen sozialen Begleiterscheinungen des physischen Phänomens Orangenhaut werden im Laufe des Stücks gewürdigt: SIE zieht als Vamp durch die Clubs und spricht wahllos Männer an. SIE zeigt sich bemüht, sich für einen Ehemann jung und schön zu halten, der sich freilich längst eine Jüngere ohne Orangenhaut gesucht hat. SIE wird schwanger von einem Mann, der nicht ihr Ehemann ist, und entscheidet sich für den scheinbar einzigen Ausweg aus dem Dilemma: die Mutterrolle. So gesehen ist "Orangenhaut" auch ein Stationendrama über den weiblichen Schamhügel: ein an sinnlosen physischen und psychischen Opfern überreicher Leidensweg