Donnerstag, 16. August 2018
 

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Stückporträt Die Reise ins Innere des Zimmers

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Stückporträt Die Reise ins Innere des Zimmers
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  1. Zur Untermiete im eigenen Leben

  2. von Wolfgang Behrens

  3. Ein eigenartiges Zimmer war es, das da vor fast 50 Jahren zum ersten Mal auf die Bühne des Teatr Dramatyczny in Warschau kam: ein Zimmer, durch das laut Regieanweisung "eine Straße zu führen scheint". Und dieses Zimmer hatte noch  weitere seltsame Eigenschaften – Vergangenheit und Gegenwart fielen darin ineinander, Tote wie Lebende hielten sich darin auf oder gingen vorüber. Ein Mann, der seine Namen wechselte und letztlich namenlos blieb – wohnte darin, oder nein: er lag darin im Bett –, ein Mann, der an sich und an seiner Generation litt, die mit den veränderten Lebensumständen nach dem großen Krieg nicht zurande kam.

  4. Kein sonderlich gemütliches Zimmer also. Aber ein wichtiges: Denn mit diesem Zimmer aus seinem Debütstück "Die Kartothek" gelang es dem Autor Tadeusz Różewicz im Jahre 1960, die polnische Dramatik an die Moderne anzuschließen, die anderswo gerade im Absurden Theater Samuel Becketts ihre Speerspitze gefunden hatte. Absurd und grotesk ging es auch bei Różewicz zu: Nicht das "äußere Theater" interessierte ihn, das sich von Intrige und Handlung bestimmen lässt, sondern das von ihm so genannte "innere Theater", das mit poetisch-verfremdenden Mitteln den Blick in die inneren Zustände des Menschen ermöglicht.

  5. Ist die Straße jetzt drinnen oder das Zimmer draußen?
    Nun, eine knappe Jahrhunderthälfte später, scheint es, als würde Różewicz' Zimmer erneut vermietet. Jerzy Haut heißt der neue Bewohner, ein junger Mann von 32 Jahren, der bislang im Studentenwohnheim sein Obdach hatte. Ein Schritt in die Selbständigkeit sollte die Anmietung einer neuen Wohnung für ihn sein, ein Schritt aus der Geborgenheit in die weite Welt. Doch die Welt tritt Jerzy anders entgegen, als ihm lieb ist. Sie wartet nicht darauf, dass er in sie hinausgeht, sondern kommt zu ihm in seine Wohnung hinein. Das Zimmer weitet sich zur Welt. Oder die Welt verengt sich zum Zimmer, so genau vermag man das nicht zu sagen. Jedenfalls verliert Jerzy zunehmend die Orientierung und weiß nicht mehr zu sagen, ob eine Straße durch sein Zimmer führt oder ob sein Stuhl auf der Straße steht.

  6. Und doch ist das Zimmer in den fünf Jahrzehnten auch ein anderes geworden: Wo in Różewicz' "Kartothek" ein Mensch sein vergangenes Leben in seiner Wohnung an sich vorbeiziehen sah und es nicht recht in die Gegenwart verlängern konnte, wird heute ein junger Mann massiv mit der aus den Fugen geratenen Gegenwart konfrontiert, die er nicht mehr in die Zukunft zu verlängern vermag. Zudem ist durch das virtuose Spiel mit literarischen Zitaten aus dem modernen ein postmodernes Zimmer geworden.

  7. Mythisches aus dem "Sandkasten"
    Der junge polnische Autor, der als 23-Jähriger die Różewicz'sche Zimmermetapher solcherart variierte, heißt Michal Walczak, und er stellte sich damit selbstbewusst in eine große Tradition, die abzureißen drohte (wie Thomas Irmer in seinem Bericht über die Theaterlandschaft Polen ausführt). Heute gilt Walczak als der wichtigste junge Dramatiker Polens, und das 2003 in Radom uraufgeführte Stück "Die Reise ins Innere des Zimmers" hat dabei keine geringe Rolle gespielt (umso eigenartiger berührt es, dass es – nach anderen – erst jetzt zur deutschsprachigen Erstaufführung kommt).

  8. Walczak ist längst so etwas wie ein Spezialist für Vexierspiele, in denen sich Mikro- und Makrokosmos, Innen und Außen, Realität und Symbolwelt verschlingen. Bereits in Walczaks erstem Stück "Sandkasten" (2002) spinnt sich ein Junge auf dem Kinderspielplatz einer Plattenbausiedlung ein ganzes Weltreich aus, in dem auch ein durchaus sehr erwachsen geführter Geschlechterkampf mit einem Mädchen von nebenan seinen Platz hat. Und durch Walczaks sehr reales "Bergwerk" (2004) geistern mythische Gestalten und Personifikationen, die das Geschehen um die stillgelegte Zeche in Wałbrzych (dessen städtisches Theater das Stück in Auftrag gegeben hat) immer wieder ins Allegorische ziehen.