Donnerstag, 27. Juli 2017
 

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Theaterlandschaft Polen

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Ein Jahrzehnt des Aufbruchs

von Thomas Irmer

Im Jahr 2000 war Polen das Themenland der Frankfurter Buchmesse, und in Theaterkreisen erwartete und erhoffte man sich zumindest ein paar Entdeckungen von neuen Dramatikern. Auch in Polen selbst wartete man zehn Jahre nach dem Ende des Kommunismus auf eine zeitgemäße Fortsetzung jener großen Vier, die das poetisch Groteske zu einer Art Markenzeichen der polnischen Dramatik gemacht und dieser so zu internationaler Ausstrahlung verholfen hatten: Stanislaw Witkiewicz, Witold Gombrowicz, Tadeusz Rozewicz und Slawomir Mrozek (von denen die letzten beiden noch unter uns sind).

Die Hoffnungen waren hoch gesteckt, zu hoch, wenn man bedenkt, dass Theaterautoren weder vom Himmel fallen noch in der Retorte gezüchtet werden. Das Theater muss für den Schreibanlass attraktiv und förderlich sein, und das war wohl damals, vor zehn Jahren, einfach nicht gegeben. Im vorherrschenden Selbstverständnis sah sich das polnische Theater nach der Wende vor allem der Traditionsbewahrung verschrieben und weniger an offensiver gesellschaftlicher Reibung interessiert. Für neue Dramatik eine denkbar ungünstige Ausgangslage.

Die neuen Brutalen
Andererseits gab es mit der nicht zuletzt über das deutsche Theater vermittelten Welle der neuen Briten Mark Ravenhill und Sarah Kane einen Anstoß von außen, zu dem sich dann auch die polnische Rezeption der Stücke Marius von Mayenburgs hinzugesellte – die Richtung wurde als "nowy brutalisty" (die neuen Brutalen) etikettiert und rief gerade unter jüngeren Theaterleuten ein beträchtliches Echo hervor. Es entstand eine Art Sog, als dessen Folge die Entwicklung einer neuen polnischen Dramatik noch stärker verlangt wurde, und zwar vor allem von Regisseuren, die danach strebten, die widersprüchlichen Realitäten des Landes auf der Bühne zu behandeln. Doch um tatsächlich Impulse geben zu können, mussten diese Regisseure erst in entsprechende Leitungspositionen aufrücken.

Ein Vorreiter war etwa der künstlerische Leiter des Teatr Polski in Poznan, Pawel Lysak, der ab 2001 mehrere Länderschwerpunkte mit Lesungen und auch einigen Inszenierungen neuer Dramatik in seinem Theater präsentierte. Im Zuge dieser Arbeit beschloss Lysak zudem, einen Stückauftrag an Ingmar Vilquist zu vergeben (Vilquist ist das aus dem Skandinavischen erfundene Pseudonym eines Warschauer Autors, der zu Beginn dieses Jahrzehnts unter anderem mit dem Stück "Helvers Nacht" zu den vielversprechenden Talenten gehörte und in Polen kontrovers diskutierte Themen wie Homosexualität bearbeitete). Diese Entwicklung zum Stückauftrag durch ein Theater erscheint als symptomatisch und sollte die Situation der neuen polnischen Dramatik nachhaltig prägen: Das Theater findet seinen Autor auf direktem Weg – und unter Ausschluss der in Deutschland so wichtigen Verlage – und regt nicht selten auch die Themen an.

Krasser Realismus fern der Metropolen
Ein wichtiges Beispiel für diese symbiotische Beziehung ist etwa Michal Walczaks Stück "Das Bergwerk" (2004), das im schlesischen Walbrze (Waldenburg) herauskam, weil es dort spielt und weil die sozialen Verwerfungen der einstigen Bergarbeiterstadt vom Autor vor Ort recherchiert wurden. Ähnlich verhält es sich auch mit "Made in Poland" von Przemyslaw Wojcieszek, das 2004 in Legnica uraufgeführt wurde und praktisch als Phänomen der "enttäuschten Jungen" zum Generationsbild wurde. Fern der großen Theatermetropolen Warschau und Krakau vollzog sich so die Entwicklung eines krassen Realismus, der im Drama die vielfachen Risse der Übergangsgesellschaft erkundete und so dem Theater die neuen Realitäten erschloss, die dann an vielen anderen Bühnen des Landes begierig aufgegriffen wurden.

Thematisch konnte sich das dramatische Spektrum ausdifferenzieren und verharrte nicht allein im Ennui. Vom Kriegsheimkehrer aus dem Irak über die RAF bis zu vormals kaum berührten Themen wie der Vertriebenenproblematik (Jan Klatas "Transfer") oder der kritischen Hinterfragung der Walesa-Biografie (Pawel Demirski) – was zögernd mit den "nowy brutalisty" angefangen hat, ist heute mit polnischen Themen durchdrungen und so wieder ein Theater der aufregenden, ja sogar auch der politischen und historischen Selbstverständigung geworden.