Montag, 25. September 2017
 

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Theaterlandschaft Kroatien

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Nie ohne ein Dach über dem Kopf

von Gordana Vnuk

Das heutige Theatersystem in Kroatien geht bis auf die Anfänge des 19. Jahrhunderts zurück, als es sich während der k.u.k. Monarchie unter starkem deutschen (in Split und in den anderen Städten der adriatischen Küste unter italienischem) Einfluss entwickelte. Nicht nur, dass die ersten Theateraufführungen in Zagreb von deutschen Wanderbühnen gespielt wurden, auch das Haus mit festem Ensemble, das bis heute die Grundlage der gesamten kroatischen Theaterlandschaft bildet, wurde nach deutschem Vorbild eingeführt.

Zwar gab es in Zagreb seit Ende des 18. Jahrhunderts eine permanente Bühne, doch sie musste über lange Zeit mit deutschen Schauspielern und Texten bespielt werden, da die wohl wichtigste Voraussetzung zur Entstehung eines kroatischen Theaters nicht gegeben war: Es gab keine einheimischen Schauspieler. Noch in den 1840er Jahren hat sich auf eine immerhin viermal veröffentlichte Anzeige, die nach zur Schauspielkunst begabten Leuten suchte, keine einzige Person gemeldet. Andererseits gab es in Serbien, in Novi Sad, eine gute Theatertruppe, das sogenannte "Fliegende Dilettantentheater" ("Leteće diletantsko pozorište"), das ans Zagreber Theater eingeladen wurde, um dort in der Landessprache zu spielen. Diese Schauspielergesellschaft ist 1840 das erste professionelle Ensemble des Hauses geworden: Man kann also durchaus sagen, dass die Serben das kroatische Schauspiel gegründet haben – eine Tatsache, an die sich die Kroaten nicht gerne erinnern.

Mit vielen Aufs und Abs haben allmählich kroatische Texte und Schauspieler die Bühne erobert, bis schließlich Ende des 19. Jahrhunderts in Zagreb ein repräsentatives, gelbfarbiges Theatergebäude eingeweiht wurde, entworfen von den Wiener Architekten Helmer und Fellner, die mehr als 50 Theater von Hamburg bis Sofia gebaut haben – es ist dies bis heute das Zentrum der nationalen Theateridentität: das dreispartige Kroatische Nationaltheater.

Der Schauspieler als Beamter
Warum dieser kleine historische Exkurs? Diese Geschichte ist wichtig: Denn die Kroaten hatten kein Theater, bevor man ihm nicht eine Institution baute – das kroatische Theater kann sich nicht denken ohne ein Dach über dem Kopf, ohne bürgerlichen Komfort und Status. Branko Gavella (1885-1962), Regisseur, Theoretiker und Kroatiens wichtigste Theaterpersönlichkeit, schrieb einmal: "Unsere Schauspieler sind staatliche Beamten geworden, ehe sie wussten, was es bedeutet, ein Schauspieler zu sein." Eine nicht-institutionelle, eine bohèmische Epoche des kroatischen Theaters existiert (im Gegensatz zum serbischen Theater) nicht. Und von dieser so unerfreulich verlaufenen Institutionalisierung kommen viele Probleme, denen wir bis heute begegnen.

In Kroatien mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern gibt es heute vier dreispartige Nationaltheater, deren Angestellte eine große finanzielle Belastung darstellen, weshalb kaum etwas für andere Theatermodelle übrig bleibt. Dazu kommen noch zahlreiche Stadttheater mit jeweils festem Ensemble und einem riesigen administrativen Apparat: Das war zur Zeit des Kommunismus so – und es hat sich daran nach der Unabhängigkeit Kroatiens nichts geändert. Obwohl ein neues Theatergesetz befristete Verträge erlaubt, traut sich in der Praxis niemand, von ihnen Gebrauch zu machen. Schauspieler sind Angestellte auf Lebenszeit, unabhängig davon, ob sie spielen oder nicht.