Mittwoch, 13. Dezember 2017
 

Podcast Spielstätten

letzte kommentare

dank

| Drucken |

Theaterlandschaft Kroatien

Beitragsseiten
Theaterlandschaft Kroatien
Seite 2
Seite 3
Alle Seiten

In den Aufführungen des Regieduos Bobo Jelčić und Nataša Rajković, eine der herausragendsten Erscheinungen im neueren kroatischen Theater, entstehen die Texte im Probenprozess. Jelčićs und Rajkovićs intime Inszenierungen und einfache Geschichten, die den Raum zwischen Schauspiel und alltäglicher Realität erkunden, sind – man kann es so sagen – der größte Theaterexport Kroatiens: Die beiden inszenierten am Schauspiel Hannover oder am Zürcher Neumarkt-Theater, ihre kroatischen Produktionen gastierten auf zahlreichen Festivals, von Theater der Welt über das Kunsten Festival des Arts in Brüssel bis zum Théâtre des Ameriques in Montreal. Eine ähnliche Position nimmt der Regisseur Branko Brezovec ein, der zwar nur wenig in Kroatien inszeniert, dessen einzigartige, auf verstärkter Theatralität basierende Regiehandschrift aber europaweit bekannt ist. Am meisten interessiert er sich für Neuinterpretationen klassischer Texte: seine Spezialität ist es, in einer Aufführung mehrere Texte zusammenzumontieren, die sich dann gegenseitig erläutern und kommentieren.

Nataša Rajković leitet – und das ist wichtig zu erwähnen – ein kleines Theater im Studentenzentrum in Zagreb, das sich in der institutionalisierten Landschaft wohltuend abhebt: Teatar & TD ist heute in der Stadt die einzige Plattform für junge Regisseure, Autoren oder Projekte der freien Szene. Obwohl die freie Szene besonders in Sachen Performance und Tanz immer lebendiger zu werden scheint, hat die Zagreber Kulturpolitik bis jetzt noch keine Spielstätte für die zahlreichen Gruppen und unabhängigen Initiativen ermöglicht, was zu einer Quelle ständiger Frustration und fortgesetzten Streits mit der Kulturbehörde geworden ist.

Springen und Irren
Diese freie Szene ist in großen Teilen von dem Internationalen Theaterfestival Eurokaz beeinflusst, das seit 1987 wichtige internationale Künstler nach Zagreb geholt hat und über eine lange Zeit hinweg der einzige Ort für zeitgenössisches Theater war: bereits die frühen Arbeiten von Rosas, Jan Fabre, Soc. Raffaello Sanzio, Needcompany, G.B. Corsetti, La Fura dels Baus, Saburo Teshigawara, Forced Entertainment, Hotel Pro Forma und andere wurden in Zagreb gezeigt und wirkten damals wie ein Schock auf das kroatische Theaterestablishment. Mit einer Verspätung von 10 bis 15 Jahren ist die Ästhetik des neuen Theaters, die in den 80er Jahren in Europa zum Durchbruch kam, dann auch in das Bewusstsein der kroatischen Szene eingedrungen – allerdings nicht in das der institutionellen Theater. Die freie Szene heute ist geradezu von einem Überfluss an Ikonoklasmus geprägt – ein fast wieder modisches Phänomen, das sich auch gut exportieren lässt. Leider aber können Festivals wie Eurokaz das Theater eines Landes nicht alleine auf der Welttheaterkarte unterbringen, wenn sie nicht von einer relevanten heimischen Produktion begleitet werden, die die lokalen Grenzen zu überschreiten in der Lage ist.

Noch einmal sei Branko Gavella zitiert: "Ich glaube, es ist die ungleichmäßige Entwicklung, die die kleinen Literaturen auszeichnet, nicht ihre quantitative Rückständigkeit." Also nicht die Quantität ist ausschlaggebend (von allem haben wir genug), sondern das diskontinuierliche Springen und Irren entlang der künstlerischen Entwicklungslinie. Es gab nicht viele, aber es gab Dramatiker und Regisseure, die vor dem eigenen Radikalismus, der mit den europäischen Entwicklungen korrespondierte, erschraken und ins Gewöhnliche zurückwichen. Um Sloterdijk zu paraphrasieren: Wir nahmen am Modernisierungs-, aber nicht am Liberalisierungsprozess teil.

Innovatives Theater in Kroatien hat eben keine Kontinuität, die mit den wichtigen europäischen Entwicklungen korrespondieren würde; es kennt nur die "ungleichmäßigen" Sprünge einiger einsamer Figuren, Outsiders, die in ihrem Heimatland selten genug und wenig unterstützt wurden, obwohl gerade sie eine Möglichkeit wären, uns an das Theater der Welt anzuschließen. Und so hinkt das kroatische Theater in seiner Entwicklung permanent einem zeitgemäßen Theaterbegriff hinterher.


zurück zum Anfang des Artikels

Hier geht es zu den Texten über Tena Štivičić.


Kommentare (0)Add Comment

Kommentar schreiben
smaller | bigger

busy