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Theaterlandschaft Kroatien

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Nie ohne ein Dach über dem Kopf

von Gordana Vnuk

Das heutige Theatersystem in Kroatien geht bis auf die Anfänge des 19. Jahrhunderts zurück, als es sich während der k.u.k. Monarchie unter starkem deutschen (in Split und in den anderen Städten der adriatischen Küste unter italienischem) Einfluss entwickelte. Nicht nur, dass die ersten Theateraufführungen in Zagreb von deutschen Wanderbühnen gespielt wurden, auch das Haus mit festem Ensemble, das bis heute die Grundlage der gesamten kroatischen Theaterlandschaft bildet, wurde nach deutschem Vorbild eingeführt.

Zwar gab es in Zagreb seit Ende des 18. Jahrhunderts eine permanente Bühne, doch sie musste über lange Zeit mit deutschen Schauspielern und Texten bespielt werden, da die wohl wichtigste Voraussetzung zur Entstehung eines kroatischen Theaters nicht gegeben war: Es gab keine einheimischen Schauspieler. Noch in den 1840er Jahren hat sich auf eine immerhin viermal veröffentlichte Anzeige, die nach zur Schauspielkunst begabten Leuten suchte, keine einzige Person gemeldet. Andererseits gab es in Serbien, in Novi Sad, eine gute Theatertruppe, das sogenannte "Fliegende Dilettantentheater" ("Leteće diletantsko pozorište"), das ans Zagreber Theater eingeladen wurde, um dort in der Landessprache zu spielen. Diese Schauspielergesellschaft ist 1840 das erste professionelle Ensemble des Hauses geworden: Man kann also durchaus sagen, dass die Serben das kroatische Schauspiel gegründet haben – eine Tatsache, an die sich die Kroaten nicht gerne erinnern.

Mit vielen Aufs und Abs haben allmählich kroatische Texte und Schauspieler die Bühne erobert, bis schließlich Ende des 19. Jahrhunderts in Zagreb ein repräsentatives, gelbfarbiges Theatergebäude eingeweiht wurde, entworfen von den Wiener Architekten Helmer und Fellner, die mehr als 50 Theater von Hamburg bis Sofia gebaut haben – es ist dies bis heute das Zentrum der nationalen Theateridentität: das dreispartige Kroatische Nationaltheater.

Der Schauspieler als Beamter
Warum dieser kleine historische Exkurs? Diese Geschichte ist wichtig: Denn die Kroaten hatten kein Theater, bevor man ihm nicht eine Institution baute – das kroatische Theater kann sich nicht denken ohne ein Dach über dem Kopf, ohne bürgerlichen Komfort und Status. Branko Gavella (1885-1962), Regisseur, Theoretiker und Kroatiens wichtigste Theaterpersönlichkeit, schrieb einmal: "Unsere Schauspieler sind staatliche Beamten geworden, ehe sie wussten, was es bedeutet, ein Schauspieler zu sein." Eine nicht-institutionelle, eine bohèmische Epoche des kroatischen Theaters existiert (im Gegensatz zum serbischen Theater) nicht. Und von dieser so unerfreulich verlaufenen Institutionalisierung kommen viele Probleme, denen wir bis heute begegnen.

In Kroatien mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern gibt es heute vier dreispartige Nationaltheater, deren Angestellte eine große finanzielle Belastung darstellen, weshalb kaum etwas für andere Theatermodelle übrig bleibt. Dazu kommen noch zahlreiche Stadttheater mit jeweils festem Ensemble und einem riesigen administrativen Apparat: Das war zur Zeit des Kommunismus so – und es hat sich daran nach der Unabhängigkeit Kroatiens nichts geändert. Obwohl ein neues Theatergesetz befristete Verträge erlaubt, traut sich in der Praxis niemand, von ihnen Gebrauch zu machen. Schauspieler sind Angestellte auf Lebenszeit, unabhängig davon, ob sie spielen oder nicht.

 


Es ist kein Wunder, dass sich ein solches Theatermodell, bei dem die finanzielle Sicherheit weder von künstlerischen noch von wirtschaftlichen Resultaten abhängig ist, mit dem Status quo abfindet und sich in der Mittelmäßigkeit einrichtet. Das Repertoire folgt einer konventionellen, oft populären und kommerziellen Richtung – innovative Inszenierungsmethoden sind nicht in Sicht. Während und kurz nach dem Unabhängigkeitskrieg waren ausländische Regisseure quasi verboten, selbst die Slowenen wurden als unerwünschte Gäste betrachtet. Mittlerweile ist es wieder umgekehrt: Am liebsten laden die Theater ausländische Regisseure mit uninteressanten künstlerischen Biographien ein, oder auch kroatische Regisseure der mittleren Generation, die für Ruhe und Konformismus stehen. Es gibt in Zagreb Regisseure, die an fast allen Theatern der Stadt inszenieren, was zur Folge hat, dass kein Theater ein wirklich eigenes Profil entwickelt; überall, in Theatern wie dem Gavella, dem Kerempuh oder dem ZeKaeM, sieht man Aufführungen, die sich kaum voneinander unterscheiden.

Zwei Welten: Das Etablierte und die junge Szene
Auch wenn das kroatische Theater bessere Zeiten kannte: heute hängt sein Mainstream einem angestaubten Theaterbegriff an und ist nach wie vor von Psychologie, Realismus und Illustration geprägt. Einige wenige schüchterne Abweichungen in Richtung Modernismus sind epigonenhafte, zweitklassige Versionen von irgendwelchen deutschen oder französischen Vorbildern. Und eine Risikobereitschaft, die diesen Stand der Dinge aufbrechen könnte, ist kaum vorhanden: Eine junge, nachwachsende Generation von diplomierten Regiestudenten findet auf den großen Bühnen nur selten Platz. Die Theaterakademie in Zagreb, die selbst sehr lange als Bollwerk der Rückständigkeit und des Konservatismus galt, hat seit einigen Jahren, bedingt durch den Wechsel der Professorengeneration, interessante künstlerische Persönlichkeiten hervorgebracht. Was aber die Intendanten nur wenig interessiert – keiner von ihnen hat es nötig zu erscheinen, um sich etwa eine Diplominszenierung anzusehen. Auch eine kreative Vermischung zwischen freier Szene und Staatstheatern, wie sie in Deutschland üblich geworden ist, gibt es nicht, diese Welten bleiben deutlich voneinander getrennt.

Für junge Autoren ist es nicht leichter. Viele rekrutieren sich aus dem Dramaturgie-Studium der Theaterakademie. Es fehlt jedoch eine Theaterpolitik, die die Präsentation neuer kroatischer Texte regelmäßig fördern würde. Sieht man von ein paar Jurys ab, die ab und zu einige Preisen verleihen, haben die jungen und jüngsten Autoren allen Grund zur Klage: Sie werden an den Theatern nicht gelesen, auch nicht an denen mit fest angestellten Dramaturgen. Auf eine Generation, die Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre mit wenigen Aufführungen die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat – etwa Ivan Vidić, Asja Srnec-Todorović, Mate Matišić oder Filip Šovagović –, folgte Ende der 90er eine neue Generation, die sich mit den Realitäten des gesellschaftlichen Umbruchs in Kroatien beschäftigt. Einige von ihnen wie Ivana Sajko und Tena Štivičić haben sich einen Namen im Ausland gemacht, auf heimischen Bühnen aber sieht man sie fast nie.


In den Aufführungen des Regieduos Bobo Jelčić und Nataša Rajković, eine der herausragendsten Erscheinungen im neueren kroatischen Theater, entstehen die Texte im Probenprozess. Jelčićs und Rajkovićs intime Inszenierungen und einfache Geschichten, die den Raum zwischen Schauspiel und alltäglicher Realität erkunden, sind – man kann es so sagen – der größte Theaterexport Kroatiens: Die beiden inszenierten am Schauspiel Hannover oder am Zürcher Neumarkt-Theater, ihre kroatischen Produktionen gastierten auf zahlreichen Festivals, von Theater der Welt über das Kunsten Festival des Arts in Brüssel bis zum Théâtre des Ameriques in Montreal. Eine ähnliche Position nimmt der Regisseur Branko Brezovec ein, der zwar nur wenig in Kroatien inszeniert, dessen einzigartige, auf verstärkter Theatralität basierende Regiehandschrift aber europaweit bekannt ist. Am meisten interessiert er sich für Neuinterpretationen klassischer Texte: seine Spezialität ist es, in einer Aufführung mehrere Texte zusammenzumontieren, die sich dann gegenseitig erläutern und kommentieren.

Nataša Rajković leitet – und das ist wichtig zu erwähnen – ein kleines Theater im Studentenzentrum in Zagreb, das sich in der institutionalisierten Landschaft wohltuend abhebt: Teatar & TD ist heute in der Stadt die einzige Plattform für junge Regisseure, Autoren oder Projekte der freien Szene. Obwohl die freie Szene besonders in Sachen Performance und Tanz immer lebendiger zu werden scheint, hat die Zagreber Kulturpolitik bis jetzt noch keine Spielstätte für die zahlreichen Gruppen und unabhängigen Initiativen ermöglicht, was zu einer Quelle ständiger Frustration und fortgesetzten Streits mit der Kulturbehörde geworden ist.

Springen und Irren
Diese freie Szene ist in großen Teilen von dem Internationalen Theaterfestival Eurokaz beeinflusst, das seit 1987 wichtige internationale Künstler nach Zagreb geholt hat und über eine lange Zeit hinweg der einzige Ort für zeitgenössisches Theater war: bereits die frühen Arbeiten von Rosas, Jan Fabre, Soc. Raffaello Sanzio, Needcompany, G.B. Corsetti, La Fura dels Baus, Saburo Teshigawara, Forced Entertainment, Hotel Pro Forma und andere wurden in Zagreb gezeigt und wirkten damals wie ein Schock auf das kroatische Theaterestablishment. Mit einer Verspätung von 10 bis 15 Jahren ist die Ästhetik des neuen Theaters, die in den 80er Jahren in Europa zum Durchbruch kam, dann auch in das Bewusstsein der kroatischen Szene eingedrungen – allerdings nicht in das der institutionellen Theater. Die freie Szene heute ist geradezu von einem Überfluss an Ikonoklasmus geprägt – ein fast wieder modisches Phänomen, das sich auch gut exportieren lässt. Leider aber können Festivals wie Eurokaz das Theater eines Landes nicht alleine auf der Welttheaterkarte unterbringen, wenn sie nicht von einer relevanten heimischen Produktion begleitet werden, die die lokalen Grenzen zu überschreiten in der Lage ist.

Noch einmal sei Branko Gavella zitiert: "Ich glaube, es ist die ungleichmäßige Entwicklung, die die kleinen Literaturen auszeichnet, nicht ihre quantitative Rückständigkeit." Also nicht die Quantität ist ausschlaggebend (von allem haben wir genug), sondern das diskontinuierliche Springen und Irren entlang der künstlerischen Entwicklungslinie. Es gab nicht viele, aber es gab Dramatiker und Regisseure, die vor dem eigenen Radikalismus, der mit den europäischen Entwicklungen korrespondierte, erschraken und ins Gewöhnliche zurückwichen. Um Sloterdijk zu paraphrasieren: Wir nahmen am Modernisierungs-, aber nicht am Liberalisierungsprozess teil.

Innovatives Theater in Kroatien hat eben keine Kontinuität, die mit den wichtigen europäischen Entwicklungen korrespondieren würde; es kennt nur die "ungleichmäßigen" Sprünge einiger einsamer Figuren, Outsiders, die in ihrem Heimatland selten genug und wenig unterstützt wurden, obwohl gerade sie eine Möglichkeit wären, uns an das Theater der Welt anzuschließen. Und so hinkt das kroatische Theater in seiner Entwicklung permanent einem zeitgemäßen Theaterbegriff hinterher.


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Hier geht es zu den Texten über Tena Štivičić.


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