Dienstag, 23. Januar 2018
 

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Theaterlandschaft Serbien

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Mit dem Untergang des sozialistischen Antirealismus, der geradezu zur offiziellen Ästhetik der Kulturmetropole Belgrads geworden war, verlor die avantgardistische Dramatik die Aura des Ketzerischen. Zur gleichen Zeit traten im sozialistischen Jugoslawien vermehrt politische und gesellschaftliche Probleme zu Tage, und es kam zeitweise zu ernsten Demonstrationen von Studenten und kritischen Intellektuellen.

Engagierte Dramatik unter Tito
Die immer wachen serbischen Dramatiker reagierten sofort. So profilierte sich eine neue Generation mittleren Alters, und "einige neue Jungs" traten mit sehr kritischen Stücken auf, die man zum Teil als staatsfeindlich und antisozialistisch erklärte. Einige wurden (und zwar auf Titos persönliches Geheiß) verboten, wie z.B. das Stück "Als die Kürbisse blühten" nach dem gleichnamigen Roman von Dragoslav Mihailović. Darin wird das Schicksal eines Menschen geschildert, der sich 1948 für Stalin und nicht für Tito entschied und wie der Autor selbst im Lager Goli Otok, einer Art Gulag, landete. Die These des Autors: "Tito bekämpfte die Stalinisten mit Hilfe stalinistischer Methoden".

Die interessanteste und markanteste Figur unter den Dramatikern jener Zeit war Aleksandar Popović (1929 – 1996). Dieser Autor, den man wegen seines umfangreichen Werks einen zeitgenössischen Lope de Vega nennen könnte, zeichnete sich dadurch aus, dass er seine Stücke in avantgardistischer Manier, mit ungewöhnlichem fragmentarischem Aufbau und im Slang der Vororte schrieb – weswegen er kaum zu übersetzen ist –, und zur gleichen Zeit der Initiator und der Träger der neuen engagierten serbischen Dramatik war.

Poesie und Gesellschaft
Auf diesen einzigartigen Autor folgt eine ganze Reihe von engagierten Dramatikern, die allerdings der realistischen Strömung angehörten. An erster Stelle Dušan Kovačević (1948), dessen zahlreiche und sehr beliebte Komödien mit verbalem Humor in der Tradition von Branislav Nušić (1894 – 1938) stehen. Weiter sind junge Dramatikerinnen zu nennen, alle Absolventinnen der Belgrader Fakultät der Schauspielkunst, und zwar in den 70er Jahren Deana Leskovar und Milica Novković und ab den 80er Jahren Biljana Srbljanović, deren Stücke nach der Vorstellung der "Belgrader Trilogie" auf der Bonner Biennale 1998 etwa hundert Inszenierungen in der ganzen Welt, vor allem in Deutschland erlebten.

Nach Biljana Srbljanović wurde Milena Marković bekannt, weniger mimetisch, mit poetischen Höhenflügen, mit einer innovativen Technik und Tagtraum-Elementen. Auch andere junge Dramatikerinnen werden gern gespielt, die verschiedenen Formstilen angehören, sich jedoch alle mit den Problemen der heutigen Gesellschaft befassen wie Milena Bogavac (eine der seltenen Autorinnen, die bei der Vorbereitung ihrer Stücke mit dem Regisseur zusammenarbeiten), Maja Pelević, Jelena Kajga u.a.

Von ihren männlichen Kollegen ist Ljubomir Simović (1935), großer serbischer Dichter und Akademiemitglied, hervorzuheben. Seine Stücke zeichnen sich durch klaren Inhalt und scharf umrissene Figuren aus, aber genauso durch eine außerordentliche poetische Aura und eine reiche Sprache. Die jungen Dramatiker Nebojša Romčević, Uglješa Šajtinac und Filip Vujošević sind weniger poetisch als Ljubomir Simović, setzen sich jedoch unmittelbarer mit den aktuellen Problemen auseinander.