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Theaterlandschaft Serbien

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Wie Godot nach Serbien kam

von Jovan Ćirilov

Das Theater ist ein Hätschelkind der Serben. Feste serbische Theater entstanden in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts als Teil des Kampfes um die nationale Selbständigkeit. So wurde 1861 ein Nationaltheater auf dem Boden von Österreich-Ungarn in der damals wie heute mehrheitlich von Serben bewohnten Stadt Novi Sad gegründet, das zweite in Belgrad 1868 nach der Beendigung der jahrhundertlangen türkischen Herrschaft.

Das Programm stand von Anfang an auf solider Grundlage. Man sah im Theater einen Musentempel, in dem dramatische Werke von szenischem und literarischem Wert gezeigt werden sollten. Da die Nationaltheater jedoch noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts die alleinigen Theaterinstitutionen blieben, spielte man dort auch volkstümliche Dramen, Volksschwänke mit Gesangeinlagen, leichte Komödien etwa von Kotzebue und Scribe im 19. Jahrhundert und Pariser Boulevardstücke zwischen den Weltkriegen, allerdings auch Pirandello und Čapek.

Modernisten gegen Realisten
Nach dem Zweiten Weltkrieg während der kommunistischen Herrschaft unter Tito kamen mehrere Theater hinzu, darunter das repräsentative Jugoslawische Schauspieltheater JDP, das etwa dem französischen TNP gleichzusetzen ist, oder das Belgrader Schauspieltheater, das dem Belgrader Publikum Arthur Miller, Tennessee Williams und Salacrou nahe brachte.

Starke Veränderungen erfuhr das Repertoire in den stürmischen Jahren des Bruchs Titos mit Stalin und der Absage der Belgrader Künstler an das Dogma des Sozialistischen Realismus. Dazu kam es weder automatisch, noch wurde es von oben verordnet, es war vielmehr dem Einfluss der Belgrader Surrealisten zu verdanken, deren linke Vertreter schon vor dem Krieg als Antidogmatiker galten, sowie der maßgeblichen Unterstützung des großen kroatischen Schriftstellers, des "jugoslawischen Karl Kraus": Miroslav Krleža (1893 – 1982).

Im Konflikt zwischen den so genannten "Modernisten" und den "Realisten" obsiegten die Modernisten. Daraus ging das Theater "Atelje 212" mit seinem avantgardistischen Repertoire hervor. Der Kampf wurde um die Frage geführt, ob in einem sozialistischen Land Becketts pessimistisches Stück "Warten auf Godot" gespielt werden dürfte. Dieses vordergründig abstrakte Stück über die Absurdität der menschlichen Existenz war, wie Jan Kott vermerkte, 1954 für Polen ein politisches Stück. Dasselbe galt für Jugoslawien.

(Anti-)sozislistischer (Anti-)Realismus
Als nach mehrfachem Aufschub "Godot" dann doch noch nach Belgrad kam und mit ihm das "Atelje 212" eröffnet wurde, wurde damit der Weg frei für andere als "dekadent" und "zersetzend" verpönte Werke der internationalen Avantgarde wie die Stücke von Ionesco, Sartre (Huis Clos), Adamov, Mrožek, Billedoux, Saunders, Albee u.a.

Vor einigen Jahren prägte ich bezüglich der Entwicklung der Kunst im sozialistischen Jugoslawien eine Formel, die wie ein Wortspiel anmutet: Zunächst herrschte der sozialistische Realismus, danach der sozialistische Antirealismus und am Ende der antisozialistische Realismus.


Mit dem Untergang des sozialistischen Antirealismus, der geradezu zur offiziellen Ästhetik der Kulturmetropole Belgrads geworden war, verlor die avantgardistische Dramatik die Aura des Ketzerischen. Zur gleichen Zeit traten im sozialistischen Jugoslawien vermehrt politische und gesellschaftliche Probleme zu Tage, und es kam zeitweise zu ernsten Demonstrationen von Studenten und kritischen Intellektuellen.

Engagierte Dramatik unter Tito
Die immer wachen serbischen Dramatiker reagierten sofort. So profilierte sich eine neue Generation mittleren Alters, und "einige neue Jungs" traten mit sehr kritischen Stücken auf, die man zum Teil als staatsfeindlich und antisozialistisch erklärte. Einige wurden (und zwar auf Titos persönliches Geheiß) verboten, wie z.B. das Stück "Als die Kürbisse blühten" nach dem gleichnamigen Roman von Dragoslav Mihailović. Darin wird das Schicksal eines Menschen geschildert, der sich 1948 für Stalin und nicht für Tito entschied und wie der Autor selbst im Lager Goli Otok, einer Art Gulag, landete. Die These des Autors: "Tito bekämpfte die Stalinisten mit Hilfe stalinistischer Methoden".

Die interessanteste und markanteste Figur unter den Dramatikern jener Zeit war Aleksandar Popović (1929 – 1996). Dieser Autor, den man wegen seines umfangreichen Werks einen zeitgenössischen Lope de Vega nennen könnte, zeichnete sich dadurch aus, dass er seine Stücke in avantgardistischer Manier, mit ungewöhnlichem fragmentarischem Aufbau und im Slang der Vororte schrieb – weswegen er kaum zu übersetzen ist –, und zur gleichen Zeit der Initiator und der Träger der neuen engagierten serbischen Dramatik war.

Poesie und Gesellschaft
Auf diesen einzigartigen Autor folgt eine ganze Reihe von engagierten Dramatikern, die allerdings der realistischen Strömung angehörten. An erster Stelle Dušan Kovačević (1948), dessen zahlreiche und sehr beliebte Komödien mit verbalem Humor in der Tradition von Branislav Nušić (1894 – 1938) stehen. Weiter sind junge Dramatikerinnen zu nennen, alle Absolventinnen der Belgrader Fakultät der Schauspielkunst, und zwar in den 70er Jahren Deana Leskovar und Milica Novković und ab den 80er Jahren Biljana Srbljanović, deren Stücke nach der Vorstellung der "Belgrader Trilogie" auf der Bonner Biennale 1998 etwa hundert Inszenierungen in der ganzen Welt, vor allem in Deutschland erlebten.

Nach Biljana Srbljanović wurde Milena Marković bekannt, weniger mimetisch, mit poetischen Höhenflügen, mit einer innovativen Technik und Tagtraum-Elementen. Auch andere junge Dramatikerinnen werden gern gespielt, die verschiedenen Formstilen angehören, sich jedoch alle mit den Problemen der heutigen Gesellschaft befassen wie Milena Bogavac (eine der seltenen Autorinnen, die bei der Vorbereitung ihrer Stücke mit dem Regisseur zusammenarbeiten), Maja Pelević, Jelena Kajga u.a.

Von ihren männlichen Kollegen ist Ljubomir Simović (1935), großer serbischer Dichter und Akademiemitglied, hervorzuheben. Seine Stücke zeichnen sich durch klaren Inhalt und scharf umrissene Figuren aus, aber genauso durch eine außerordentliche poetische Aura und eine reiche Sprache. Die jungen Dramatiker Nebojša Romčević, Uglješa Šajtinac und Filip Vujošević sind weniger poetisch als Ljubomir Simović, setzen sich jedoch unmittelbarer mit den aktuellen Problemen auseinander.


Was die Themen der neuen Stückeschreiber beiderlei Geschlechts angeht, so lässt sich schwer eine Gemeinsamkeit ausmachen, obwohl sie sich alle mit der gegenwärtigen Situation in Serbien befassen. Wie fast alle jungen Dramatiker der Welt widmen sie sich dem Generationenkonflikt, wobei sie spezifisch serbischen Merkmalen Rechnung tragen. In einigen Stücken wird das Schicksal der Serben im Ausland thematisiert, vor allem der jungen serbischen Intellektuellen als einer besonderen Art von Gastarbeitern. Vielleicht ist es interessant zu erwähnen, dass der 47jährige Nebojša Romčević am Beispiel der berühmten "Neuberin", der deutschen Kämpferin für das nichtkommerzielle Theater im 18. Jahrhundert, in seinem Stück "Caroline Neuber" dieses in Serbien noch heute aktuelle Thema verarbeitet hat.

Die serbischen Festivals
Zur serbischen Theaterlandschaft gehören unbedingt die Theaterfestivals, die es, ähnlich wie in Deutschland, in jeder größeren Stadt gibt. Die bekanntesten sind auf internationaler Ebene das Belgrader Internationale Theaterfestival BITEF, auf nationaler das Sterijino Pozorje. Letzteres ist auch im Ausland bekannt geworden als ein Festival, auf dem bis vor kurzem ausschließlich serbische – klassische wie zeitgenössische – Stücke gezeigt wurden. Es ist ein Forum, auf dem sich neue Dramatiker profilieren und neue Interpretationen der serbischen Klassik präsentiert werden, allen voran Werke des satirischen Komödienschreibers und scharfen Kritikers des serbischen Chauvinismus Jovan Sterija Popović (1806 – 1856). Theaterleute aus den Nachfolgerstaaten des ehemaligen Jugoslawiens, nicht so engstirnig wie die hitzköpfigen Politiker, die die kriegerischen Auseinandersetzungen der 90er Jahre auf dem Balkan heraufbeschworen haben, nehmen in der letzten Zeit gern an diesem Festival teil.

Mit BITEF steht Belgrad seit über vier Jahrzehnten im September jedes Jahres in der Reihe der bedeutenden Theaterzentren der Welt. Auf diesem Festival präsentierten sich zum ersten Mal damals noch fast unbekannte Regisseure wie Grotowski, Barba, Ronconi, Schechner, Wilson, Vasilev in Serbien. Dank BITEF wird das deutsche Theater seit Jahrzehnten in Serbien geschätzt und geliebt, denn neben den schon bekannten deutschsprachigen Regisseuren Lietzau, Tabori, Zadek, Besson und Castorf zeigten in Belgrad ihre frühen Inszenierungen Stein, Peymann, Ciulli, Piplits, Flimm, Pina Bausch, Sasha Waltz, Pollesch, Marthaler, Kaegi, Goebbels …

In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass in den Theatern Belgrads und überhaupt Serbiens außer den gestandenen Autoren deutscher Zunge wie Heiner Müller, Kroetz, Fassbinder und Jelinek auch die Vertreter der neuen Generation gespielt werden wie Schimmelpfennig (der bei dem diesjährigen BITEF Mitglied der Jury sein wird), Marius von Mayenberg, Dea Loher, Albert Ostermaier, Ingrid Lausund u.a.

(Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann)


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Hier geht es zu den Texten über die serbische Dramatikerin Maja Pelevic.


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