Donnerstag, 27. Juli 2017
 

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Theaterlandschaft Serbien

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Wie Godot nach Serbien kam

von Jovan Ćirilov

Das Theater ist ein Hätschelkind der Serben. Feste serbische Theater entstanden in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts als Teil des Kampfes um die nationale Selbständigkeit. So wurde 1861 ein Nationaltheater auf dem Boden von Österreich-Ungarn in der damals wie heute mehrheitlich von Serben bewohnten Stadt Novi Sad gegründet, das zweite in Belgrad 1868 nach der Beendigung der jahrhundertlangen türkischen Herrschaft.

Das Programm stand von Anfang an auf solider Grundlage. Man sah im Theater einen Musentempel, in dem dramatische Werke von szenischem und literarischem Wert gezeigt werden sollten. Da die Nationaltheater jedoch noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts die alleinigen Theaterinstitutionen blieben, spielte man dort auch volkstümliche Dramen, Volksschwänke mit Gesangeinlagen, leichte Komödien etwa von Kotzebue und Scribe im 19. Jahrhundert und Pariser Boulevardstücke zwischen den Weltkriegen, allerdings auch Pirandello und Čapek.

Modernisten gegen Realisten
Nach dem Zweiten Weltkrieg während der kommunistischen Herrschaft unter Tito kamen mehrere Theater hinzu, darunter das repräsentative Jugoslawische Schauspieltheater JDP, das etwa dem französischen TNP gleichzusetzen ist, oder das Belgrader Schauspieltheater, das dem Belgrader Publikum Arthur Miller, Tennessee Williams und Salacrou nahe brachte.

Starke Veränderungen erfuhr das Repertoire in den stürmischen Jahren des Bruchs Titos mit Stalin und der Absage der Belgrader Künstler an das Dogma des Sozialistischen Realismus. Dazu kam es weder automatisch, noch wurde es von oben verordnet, es war vielmehr dem Einfluss der Belgrader Surrealisten zu verdanken, deren linke Vertreter schon vor dem Krieg als Antidogmatiker galten, sowie der maßgeblichen Unterstützung des großen kroatischen Schriftstellers, des "jugoslawischen Karl Kraus": Miroslav Krleža (1893 – 1982).

Im Konflikt zwischen den so genannten "Modernisten" und den "Realisten" obsiegten die Modernisten. Daraus ging das Theater "Atelje 212" mit seinem avantgardistischen Repertoire hervor. Der Kampf wurde um die Frage geführt, ob in einem sozialistischen Land Becketts pessimistisches Stück "Warten auf Godot" gespielt werden dürfte. Dieses vordergründig abstrakte Stück über die Absurdität der menschlichen Existenz war, wie Jan Kott vermerkte, 1954 für Polen ein politisches Stück. Dasselbe galt für Jugoslawien.

(Anti-)sozislistischer (Anti-)Realismus
Als nach mehrfachem Aufschub "Godot" dann doch noch nach Belgrad kam und mit ihm das "Atelje 212" eröffnet wurde, wurde damit der Weg frei für andere als "dekadent" und "zersetzend" verpönte Werke der internationalen Avantgarde wie die Stücke von Ionesco, Sartre (Huis Clos), Adamov, Mrožek, Billedoux, Saunders, Albee u.a.

Vor einigen Jahren prägte ich bezüglich der Entwicklung der Kunst im sozialistischen Jugoslawien eine Formel, die wie ein Wortspiel anmutet: Zunächst herrschte der sozialistische Realismus, danach der sozialistische Antirealismus und am Ende der antisozialistische Realismus.