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Das Deutsche ist mehr als die Summe seiner Worte

von Karen Witthuhn

Berlin, Mai 2009. Wie wird man Übersetzerin von Theaterstücken? – Für die wenigsten scheint dies Berufsziel gewesen zu sein, so auch für mich. Die meisten von uns sind Quereinsteiger, viele kommen aus anderen Theaterbereichen, sind Dramaturgen, selber Autoren oder haben andere Theatererfahrung. Viele übersetzen als zweites, drittes oder viertes Standbein zusätzlich zu anderen Tätigkeiten. Manche haben lange in dem Land gelebt, dessen Sprache sie übersetzen, andere nicht. Manche sind selber Autoren und haben einen eigenen kreativen Umgang mit Sprache. Das führt dazu, dass wir ÜbersetzerInnen unterschiedliche Stärken und Schwächen haben – nicht jeder Übersetzer passt zu jedem Stück und umgekehrt.

Ich selber habe an der University of Bristol den Studiengang "Drama – Theatre, Film & Television" absolviert und bin 1995 nach fünf Jahren in England nach Deutschland zurückgekehrt, um Theater zu machen und davon nach Möglichkeit auch zu leben. Ich war (und bin) Dramaturgin, Regisseurin und Produktionsleiterin an festen Häusern wie auch bei freien Gruppen und habe zwei Jahre lang für das internationale Festival Theaterformen gearbeitet.

Meine erste Frage ist: Wie schnell muss die Übersetzung fertig sein?
Seit dem Jahr 2000 arbeite ich regelmäßig als Übersetzerin vom Englischen ins Deutsche, hauptsächlich von Theaterstücken und -texten, aber ich nehme auch andere Aufträge an. Ich habe damals über einen guten Bekannten Kontakt zum Rowohlt Theater Verlag bekommen, eine Probeübersetzung angefertigt und wurde auf die Übersetzerliste gesetzt. Ein halbes Jahr später bekam ich den ersten Auftrag, seitdem übersetze ich pro Jahr ein bis zwei Stücke für Rowohlt. Im Laufe der Zeit kamen durch Empfehlungen andere Auftraggeber hinzu: der Berliner Stückemarkt, der Kaiser Verlag in Wien, der Verlag Theater der Zeit. Seit ein paar Jahren bereite ich auch Übertitelungen für Festivals vor.

Von Zeit zu Zeit klingelt also mein Handy, und ich werde gefragt, ob ich Zeit und Interesse hätte, eine Übersetzung zu übernehmen. Meine erste Frage ist dann, wie schnell die Übersetzung fertig sein muss. Kommt die Anfrage von einem Verlag, ist die deadline meistens recht großzügig bemessen und man hat circa drei Monate Zeit. Das ist hilfreich, wenn man freiberuflich arbeitet und manchmal noch fünf andere Tätigkeiten jonglieren muss – worüber man ja im Prinzip auch froh ist. Kommt der Anruf zum Beispiel vom Berliner Stückemarkt, hat man deutlich weniger Zeit, weil die Übersetzung auf Punkt fertig sein muss.

Dann bekommt man das Stück gemailt, man liest es und meldet sich zurück, um anzunehmen oder abzulehnen. Nimmt man die Übersetzung an, muss nun das Honorar verhandelt werden. Bei den Verlagen sind die Konditionen unterschiedlich: Man erhält zunächst ein Grundhonorar für die Übersetzung. Bei manchen Verlagen ist es dann so, dass das Stück den Grundbetrag erst wieder einspielen muss, bevor der Verlag Tantiemen auszahlt.

Manchmal dauert es Jahre, bis es Tantiemen gibt
Das kann sich als bisweilen frustrierende Angelegenheit erweisen: Viele neue Stücke werden an einem beliebigen deutschen Theater ur- oder (deutschsprachig) erstaufgeführt – und verschwinden dann in der Versenkung, da die Theater immer auf der Suche nach "Entdeckungen" sind und neue Stücke, die bereits gespielt wurden, meist nicht gerne nachspielen. So kann sich die Zeit, bis der Grundbetrag an Tantiemen wieder eingespielt wird, schon mal auf mehrere Jahre strecken, manchmal erreicht man dieses Ziel auch nie. Für die Übersetzer mag dies bedauerlich sein, aber für die Autoren ist es tragisch. Natürlich gibt es Ausnahmen wie die Stücke von Simon Stephens oder anderen "Stars" des Theaterbetriebes.

Mit anderen Auftraggebern handelt man meiner Erfahrung nach ein einmaliges Honorar aus. Man sollte unbedingt darauf achten, die Rechte an der Übersetzung zu behalten, für den Fall, dass sie nachgespielt oder von einem Verlag angenommen wird. Übersetzer sollte man jedoch nicht werden, um reich zu werden. Das dürfte in den meisten Fällen schwierig sein. Ich übersetze gerne, es macht mir Spaß, meine beiden Sprachen zu verbinden, von der einen in die andere zu denken, assoziativ von der einen in die andere zu springen, mir zu überlegen, wie man einen Ausdruck aus dem Englischen so ins Deutsche überträgt, dass es nicht wie übersetztes Englisch, sondern wie ein auf Deutsch erfundener Satz klingt.