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Sechs europäische Dramatiker in Osnabrück

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Sechs europäische Dramatiker in Osnabrück
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Ausweitung der Schreibzone


von Simone Kaempf

Osnabrück, 13. Juni 2009. Eine Frau und ein Mann, die den Bus verpasst haben, kommen ins Gespräch. Zehn Jahre später ist das Paar verheiratet, aber die Ehe ist eine Katastrophe, der Sohn bereitet Probleme, und es gibt, das wird angedeutet, ein dunkles Familiengeheimnis. Die nächste Szene, Szene drei, spielt wenige Stunden, nachdem der Bus verpasst wurde. Ein schnurrbärtiger Polizist verhört das Paar, weil vor der Bushaltestelle auf der Straße ein alter Mann überfahren wurde. Die Frau will den Hund des Verstorbenen in Obhut nehmen, der Mann mag keine Hunde, aber um der Frau zu gefallen, kümmert er sich um das Tier – der Grundstein für das sich anbahnende Drama ist damit gelegt.

In Szene vier wird die Frau schwanger sein. Es gibt wieder einen Zeitsprung, aber keinen Toten mehr, entscheidet der spanische Dramatiker José Manuel Mora. Im Konferenzraum des Theaters Osnabrück erzählt er in gemeinsamer Runde von seiner Szene, die Teil eines Stücktexts ist, der während der sechstägigen Autorenwerkstatt von Tag zu Tag weitererzählt wird. In Szene zwei hat der bulgarische Autor Alek Popov einen Zeitsprung vorgelegt und damit Tempo und Struktur des Stücks bestimmt. Popovs mündliche Erzählung war die Grundlage für Nathan Vecht, der seine Stück-Weiterentwicklung wiederum mündlich an Mora berichtet hat. Ganz zum Schluss dann wird Rebekka Kricheldorf, die zusammen mit Bernhard Studlar die Autorenwerkstatt leitet, die Geschichte in ein Ende hinüberretten und den letzten Teil schreiben.


Spielwiese, aber kein Spiel
Dieser Entstehungsprozess ist eine Spielwiese, aber kein Spiel. Das mündliche Erzählen zur Weitergabe des Inhalts dient den Autoren mit sieben verschiedenen Muttersprachen als notwendiges Experiment, um eine gemeinsame Sprache zu finden. Das Schreiben dieses Stücks ist ein Programmpunkt der Autorenwerkstatt, zu der zweieinhalb Monate vor dem Festival sechs Dramatiker zusammenkommen, die in unterschiedlichen Theaterwelten – Belgien, Niederlande, Spanien, Bulgarien, Serbien, Moldau – leben und arbeiten. Austausch und gegenseitiges Kennenlernen ist erklärtes Ziel. Kommuniziert wird auf Englisch. Nur einer der sechs Dramatiker, Nathan Vecht, beherrscht hinreichend die deutsche Sprache. Aber in der gutgelaunten Runde entpuppt sich gerade die Sprachbarriere als Katalysator für die Auseinandersetzung über Theater, und wie dabei Text, Inszenierung und Tiefenstruktur jeweils ins Verhältnis zu setzen sind.

Am Tag vier der Autorenwerkstatt geht es nicht nur darum, einen Verständigungsweg für ein gemeinsames Theaterstück zu finden, sondern auch um die Frage, was man sieht und versteht, wenn man Theater in einer Sprache schaut, die man nicht beherrscht. Abends besucht die Gruppe die Inszenierung von Dirk Lauckes Stück "zu jung zu alt zu deutsch", das im April in Osnabrück zur Uraufführung kam. Noch im Treppenhaus beim Verlassen des Emma Theaters klären die sechs Dramatiker aus sechs Ländern kurz untereinander ab, wer denn was vom Text verstanden hat. Schlagworte? Ja. Ganze Sätze? Auch ja. Das Handlungsgerüst? Eher nein.

Was ins Auge sticht
Die Inszenierung liefert dennoch genügend Gesprächsstoff. Vor allem zwei Aspekte stechen semiotisch hervor: Der Auftritt eines greisenhaften Mannes in Wehrmachtsuniform, der spätestens klar macht, dass es in dem Stück um den Umgang mit deutscher Geschichte geht. Aber auch die forcierte Intention der Schauspieler, ihren Text zu vermitteln, fällt auf. "Wird die Handlungs- und Sprechweise durch den Inhalt eingelöst?", überlegt der belgische Autor Paul Pourveur. Die Inszenierung von Jens Poth ist ein guter Anstoß, diese Frage allgemeiner zu erörtern. Überhaupt kann man die Grundstimmung der Autoren untereinander als äußerst interessiert und auseinandersetzungsfähig beschreiben: Immer wieder fällt jemandem etwas auf, und das Gespräch hebt wieder an.