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Route 1 des Spieltriebe 3-Festivals – Gott ist Schönheit und zwei Tanzchoreografien

Haltet den Mann – damit ich ihn malen kann!

von Heiko Ostendorf

Osnabrück, 4. September 2009. Warum ein Stück über einen Künstler spielen, den hierzulande – außer vielleicht ein paar Kunsthistorikern – niemand kennt? Diese Frage wird in dem Stück "Gott ist Schönheit" von Kristian Smeds allerdings erst in der Inszenierung von Jan-Christoph Gockel im Rahmen der ersten Route des Spieltriebe-3-Festivals in Osnabrück gestellt. Vilho Lampi heißt der Protagonist, dessen Bilder hier und da an Vincent van Gogh erinnern, dessen außerfinnische Popularität aber zu wünschen übrig lässt. "Keiner von uns hat die Biografie gelesen", lästert Schauspieler Laurenz Leky von der Bühne hinunter. Denn die gibt's nur auf Finnisch.

Warum also? Die Dramaturgen haben sich wohl von Smeds Sprachgewalt fesseln lassen, haben den Ausflug in den sich immer weiter steigenden Wahnsinn eines Künstlers zu schätzen gewusst. Doch genau dieser Lese-Qualität des Textes hat Gockel nicht getraut – wahrscheinlich zu Recht –, und er verteilt die Rolle auf zwei Akteure. Alexander Jaschik mimt zunächst den rationalen Teil Lampis, während Leky tobend, schnaufend und schreiend die akademische Herangehensweise an die Kunst seiner anderen Hälfte ablehnt. Daraus ergeben sich Dialoge, die die sich widersprechenden kunsttheoretischen Positionen für die Zuschauer unterhaltsam nachvollziehbar macht, ohne dass die Intimität des Selbstgesprächs verloren ginge.

Kunsttheoretisches im Kasernenkino
Immer wieder lockert Gockel seine Inszenierung mit glänzend-ironischen Einfällen auf. Wenn Jaschik mit Fingerfarbe ein Lampi-Gemälde nachmalt, kommentiert er das im sanften Ton des amerikanischen Stimmungsmalers Bob Ross, der mit seiner 80er-Jahre-Fernsehshow "The Joy of Painting" auch Laien einreden wollte, künstlerisch begabt zu sein. So trifft Triviales auf Hochkultur und fragt ganz bescheiden nach dem Wert von (echter) Kunst.

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Kunsttheoretischer Disput des Künstlers mit sich selbst: Laurenz Leky und
Alexander Jaschik, Foto: Klaus Fröhlich

Da sich das Spieltriebe-Festival zum größten Teil an theaterfremden Orten ereignet, sollten sich die Regisseure auch mit dem ihnen zur Verfügung gestellten Raum auseinandersetzen oder zumindest arrangieren. Gockel nutzt den leer geräumten Kinosaal einer ehemaligen britischen Kaserne. Die riesige Leinwand ist nicht nur für die beiden Darsteller die eigentliche Herausforderung als Gemäldegrundlage. Sie zeigt auch Videoeinspielungen, wenn Lampi die Herrlichkeit des normalen Lebens entdeckt und beide Schauspieler einen Rasen mähenden Mann verfolgen und verprügeln, damit sie ihn in Ruhe als Gemälde festhalten können. Auch dank der beiden großartig agierenden Akteure funktioniert diese Collage aus Stück, Regie und Klamauk. Schallendes Lachen, Betroffenheit und Nachdenklichkeit wechseln sich sekündlich ab.

Nanine Linning stellt ihre Tänzer im Keller aus
Dann geht es für die Zuschauer auf dieser Route in die dunklen Keller der ehemaligen Militäranlage. Die neue niederländische Choreografin des Theater Osnabrück, Nanine Linning, gibt bei diesem Festival ihren Einstand. In acht kleinen Räumen mit beängstigend niedriger Deckenhöhe hat sie ihre Tänzer unter dem Titel "Tableaux Vivants" in kleinen Szenen und Installationen platziert. Das hat etwas Museales, da die Zuschauer hin und her wandern können, ohne von einer Regie geleitet zu werden. Aber die neu gewonnene Zuschauerfreiheit macht Mut, die einzelnen Stücke alleine zu erkunden.

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Die Lebenden Bilder der Choreografin Nanine Linning, Foto: Klaus Fröhlich

Der Tänzer etwa, der sich unaufhörlich von einer klaren, klebrigen Masse berieseln lässt, fasziniert erst, wenn man mit ihm alleine im Raum ist. Dann nämlich bemerkt man seine sanften Kopfbewegungen, seinen fast leblosen Blick und kann sich in die Situation dieses offensichtlich ausgelieferten Mannes zwar immer noch nicht hineindenken, beginnt aber mit ihm zu fühlen. Die roboterhaften Bewegungen einer Tänzerin im Raum daneben, der von Puppengliedmaßen beherrscht wird, sind dagegen schnell abgehakt. Richtig surreal wird es erst später, als ein Tänzer mit Hilfe von Spiegeln immer nur im Aufflackern des Lichts erscheint. Oder wenn ein Trio die auf die Wand projizierten, verworrenen Menschenkörper nachstellt.

Kindliches und Ekstatisches beim Sprung auf Route 3
Von diesen lebenden Bildern aus reisen die Tänzer schnell zum nächsten Aufführungsort, und wenn man ihnen folgt, gerät man auf die dritte Route. In der Turnhalle einer anderen leer stehenden Kaserne der Stadt zeigen die elf Tänzer "Part one of two, Part two of one". Kontrolle oder Hilfestellung? Das scheint zunächst Thema zu sein. Eine auf allen Vieren kriechende Frau wird von zwei Männern immer wieder einige Meter zurück getragen. Dann halten sie sie so, dass die Dame an der Wand entlanglaufen kann. Später liegt das ganze Ensemble am Boden, und eine Welle geht durch sie hindurch.

Nun zeigt Linning, dass sie als Choreografin auch die große Fläche im Griff hat. Als spiele sie mit Bauklötzen, zieht sie das Ensemble auseinander, lässt kleinere Gruppen entstehen, fügt alles ganz anders wieder zusammen und beginnt wieder von vorne – und das alles mit der Lebendigkeit und Leichtigkeit eines Kindes. Dabei scheut sie selbst scheinbares Chaos nicht, durch das immer noch das Geplante, die Absicht der Bewegungen erkennbar bleibt und stellt die Frage nach der Bedeutung des Menschen in der Gruppe. Die Kontrolle, das Gelenktsein gewinnt schließlich in diesen Ensembleszenen und gönnt dem Publikum einen kurzen Moment der tänzerischen Ekstase.

 

Gott ist Schönheit
von Kristian Smeds
Aus dem Finnischen von Eeva Bergroth und Martina Marti
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne: Anabel Fröhlich, Kostüme: Dominique Muszynski, Dramaturgie: Jürgen Popig. Mit: Alexander Jaschik, Laurenz Leky.

www.theater-osnabrueck.de

Mehr zu Kristian Smeds lesen Sie in unserem biografischen Überblick.

Ein Stückporträt von Katrin Bettina Müller zu Gott ist Schönheit gibt es hier.

Einen Überblick über die Theaterlandschaft Finnland verschafft der Essay von Jukka-Pekka Pajunen.

Biografische Informationen zu Jan-Christoph Gockel und Nanine Linning finden Sie in einem Beitrag über die MacherInnen des Festivals.

Und hier geht es zum Routenplan.

 

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