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Route 3 des Spieltriebe 3-Festivals – Mission:London, Fragile!, Fahrradfahren für Malawi

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Route 3 des Spieltriebe 3-Festivals – Mission:London, Fragile!, Fahrradfahren für Malawi
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Zwischen Identität und Glücksversprechen

von Christian Rakow

Osnabrück, 4. September 2009. "Kommen Sie von weiter her?", fragt mich meine Sitznachbarin vor dem letzten Stück des Abends. "Ja, doch." "Und wie finden Sie die Route?" Mein Zögern, die professionelle Bedachtsamkeit des Kritikers, motiviert sie: "Also wir Osnabrücker haben das Gefühl, dass hier richtig was los ist." Das Gefühl trügt nicht. Das Event, das das Osnabrücker Theater zu seinem einhundertsten Jubiläum angesetzt hat, ist makellos. Entspannt bewegt man sich zwischen der Innenstadt und den Spielstätten auf dem alten britischen Kasernengelände, stets freundlich angeleitet von einem ganzen Team von Ordnern.

Theatervolk ist zuhauf gekommen; viele holländische Stimmen vernimmt man. Die internationale Ausrichtung hat dem Festival ganz offensichtlich noch einmal einen Schub an Aufmerksamkeit und Publikumszuspruch verliehen gegenüber den Spieltrieben 2 (dem Zweitaufführungsfestival 2007). Das Fest beginnt für alle fünf Routen um 17 Uhr im Großen Haus des Theaters am Domplatz mit "Mission:London". Und es beginnt mit einer Überraschung. Vor dem geschlossenen eisernen Vorhang spricht Dietmar Nieder in der Rolle eines verkrampften Angestellten schweißgetrieben den Prosatext des Mannes im Fahrstuhl aus Heiner Müllers "Der Auftrag" von 1980. Ein solch eherner Prolog für diese eher federgewichtige Farce über die bulgarische Botschaft in London?

Prostitution auf allen Ebenen
Es ist eine Besinnung auf die postkommunistische Situation, mit der dieser Abend beginnt. Wir hören noch einmal die Geschichte vom Mann, der einen Auftrag von "Nummer Eins" erwartet, und dann auf seiner Fahrstuhlfahrt nicht nur das richtige Stockwerk, sondern gewissermaßen den gesamten Ostblock hinter sich lässt. Bei Müller gelangt der Mann ins peruanische Hochland, in die Einöde. Er erblickt bastelnde Kinder und erwartet bei ihnen das Erwachen des "Anderen", desjenigen, der den Zentraleuropäer ablösen könnte, um die Menschheitsgeschichte in die nächste Runde zu treiben.

In dieses Auflösungsszenario hinein will Regisseur Sebastian Hirn also seine mit Dramaturg Jürgen Popig erstellte Bühnenfassung von Alek Popovs Roman "Mission:London" platzieren. Unter Umgehung der Hochlandsavanne, versteht sich. Denn die Steppe ist längst bei uns angelangt, inmitten der Finanzmetropolen. Genauer: Sie befindet sich in der bulgarischen Botschaft in London, wo der neu eingetroffene Botschafter (Dietmar Nieder) einen wahren Saustall managen muss: Sein Koch (Steffen Gangloff) dealt illegal mit Flugenten; seine Putzfrau (Sophie Lutz) prostituiert sich nach Feierabend in einem Escort-Service als Doppelgängerin von Lady Di.

Als der Botschafter Kontakte zur britischen Oberschicht herstellen will, um die offizielle bulgarische Selbstvermarktung anzukurbeln, gerät er fälschlicherweise an eben diesen Doppelgänger-Service, der ihm einen Auftritt von Queen Elisabeth für den Festakt avisiert. Merke: Im Kapitalismus herrscht Prostitution auf allen Ebenen. Das ganze Arrangement könnte für turbulent überbordenden Schwachsinn in der Tradition britischer Fernsehcomedies herhalten, selbst wenn die Dialoge im Detail weit hinter den schrägen Ploteinfällen zurückbleiben.

Vom Erdgeschoss des Hauses Europa ins Souterrain
Doch Regisseur Sebastian Hirn will es im Geiste Heiner Müllers eine bis zwei Nummern ernster. In einer von ihm selbst eingerichteten Bühne, die mit Holzumtäfelung und Tischen wie eine ausgenüchterte Version von Marthaler/Viebrock-Räumen wirkt, choreographiert er behäbig. Nur ab und an schießen Slapstickandeutungen hinein (Beischlafeskapaden), und Laurenz Leky, der Hochdruckschauspieler des Ensembles, darf ein paar Turboeinlagen an der Rampe hinlegen und eine gerupfte Ente ins Publikum schießen.

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"Fragile" von Tena Stivicic, Foto: Klaus Fröhlich

Wenn es schließlich zur Party kommt, sorgt Thomas Schneider als torkelnde und grummelnde Queen of England für Belebung. Dann folgt Budenzauber: Aus dichtem Bühnennebel heraus peitscht Nicole Averkamp noch etwas Agitprop hinterher: "Wir haben den Sozialismus kompromittiert. Und jetzt sind wir eure Sklaven und müssen für einen Euro unsere Fotze zeigen." Diese Botschaft könnte ebenso gut Motto und Rauswerfer für Tena Štivičićs Drama "Fragile!" abgeben, das anschließend in einer Kasernenhalle gespielt wird. Wenn "Mission:London" gewissermaßen im Erdgeschoss des Hauses Europa angesiedelt war, gelangen wir hier ins Souterrain.

Der Blick in die höheren Stockwerke ist vollends verdunkelt. "Traumtänzer kann ich nicht gebrauchen", lässt der bulgarische Nachtclubbesitzer Michi (Johannes Bussler) wissen. Eher braucht er Animierdamen wie die Kroatin Mila oder Barkeeper wie den Serben Marko (Steffen Gangloff). Sie wird ins Softporno-Business abrutschen, er leistet sich kriminelle Verstrickungen.