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Route 3 des Spieltriebe 3-Festivals – Mission:London, Fragile!, Fahrradfahren für Malawi

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Route 3 des Spieltriebe 3-Festivals – Mission:London, Fragile!, Fahrradfahren für Malawi
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Für einen zusätzlichen Schub Trostlosigkeit sorgt der zynische Ex-Kriegsberichterstatter Erik. Er vögelt und kokst mit Mila und nimmt Reißaus vor der zwanzigjährigen Osteuropäerin Tiasha, seiner ehemaligen Geliebten, die bereits eine längere Leidenszeit als Zwangsprostituierte hinter sich hat. Štivičićs Stück, das mit den Traumata seiner Figuren (Krieg, Missbrauch, Identitätsverlust) nicht lange hinter dem Berg hält, wirkt spätestens ab der Hälfte restlos ausdefiniert. Auch weil es sich mit der Abgegriffenheit des Szenarios selbst etwas unbehaglich zu fühlen scheint: "Oh ja, ich spiel eine russische Nutte. Total gegen das Klischee. Das ist wirklich spannend."

Eisschollenartig verkeilte Laufstege
Štivičić bietet gegen diesen Spannungsverlust eine Reihe Short Cuts und schnelle Parallelszenen auf. Vergleichbare technische Gimmicks versagt sich die Regie von Corinna Sommerhäuser. Abgezirkelte Dialoge platziert sie an verschiedenen Enden einer an sich reizvollen Bühne. Wie Eisschollen hat Bühnenbildner Tobias Flemming Laufstege ineinander gekeilt – der Catwalk als Abrutschrampe. Aber die Schlittergefahr der Figuren, ihr unsentimentales Driften zwischen Balkanidentität und westlichem Glücksversprechen, zwischen Hassliebe zur alten Heimat und Fremdheitsgefühl in der neuen, bleibt im Schauspiel nur Behauptung.

Koksszenen werden umgehend in nüchternen Problemtalk aufgelöst (dabei ist Clemens Dönickes Erik dann eher der Mann an Muttis Rockzipfel denn ein eiskalter Zyniker; Julia Köhns rassige Mila ringt stets um traurige Blicke). Wenn Andrea Casabianchi als Tiasha ihre Prostituiertenvita preisgibt, klingt's wie ein Bericht aus dem Sommerferienlager. Dabei wird weder die Oberfläche cool gepflegt, noch die stets emphatisch behauptete Tiefe und Triftigkeit dieser Krisenbiographien irgendwo freigelegt.

Entdeckung der Schwerelosigkeit
Ästhetisch löst sich die Verspanntheit, die das Schauspiel auf dieser Theaterroute lange prägte, erst mit einer wunderbar leichten, fünfzehnminütigen Tanzperformance "Part one of Two, Part Two of One" von der Choreographin Nanine Linning. Zu Clubsounds winden sich ihre Tänzer wie in Agonie durch eine Turnhalle. Zwei Männer stoßen und werfen eine Frau und stützen sie dann, als sie wie schwerelos eine Wand entlang läuft. Das ist eine wunderbare unvermutete Reprise auf die vorherigen Balkanepisoden: Man gibt sich Halt und tut sich Gewalt an, man drangsaliert und stabilisiert sich. Das ist das Leben mit Widerständen.

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Yasmina Reza grüßt über die Hecke: Julia Köhn, Jan Schreiber, Katharina Quast in
"Fahrradfahren für Malawi", Foto: Klaus Fröhlich

Danach sind wir bereit für die Entdeckung der Schwerelosigkeit – auf einem Hochpodest (wiederum glänzend ersonnen von Tobias Flemming), das gegenüber der erhöhten Zuschauertribüne inmitten eines Weinglasmeeres ebenfalls in einer alten Armee-Turnhalle aufgebaut ist. Ein potentieller Boulevard-Kracher, "Fahrradfahren für Malawi" aus den Niederlanden, steht zu entdecken: Die neuen Leiden der alten Wohlstandsbürger. Yasmina Reza grüßt über die Nachbarschaftshecke, wenn Autor Nathan Vecht seine Posse vom Balkon anrichtet. Passgenaue, teilweise blitzgescheite Dialoge pfeffern sich Julia Köhn (nunmehr völlig befreit aufspielend) als Trude und Jan Schreiber als Hannes um die Ohren, angetrieben von der molligen, psychotischen Nebenmieterin Olga (Katharina Quast).

Ein Stück für jedes Sommerprogramm
Alles ist angeschrägt, dick aufgetragen, von Obertönen durchwirkt – und doch wird es nicht zu ranschmeißerisch. Regisseurin Julia Heinrichs inszeniert elegant und spielerisch ein Stück für jedes Sommerprogramm. Probleme wehen da allenfalls wie Schäfchenwolken herein. So vertreibt sich Trude ihre Zeit mit allerlei Entwicklungshilfeprojekten, weil sie eigentlich von ihrem schürzenjägerischen Mann vernachlässigt wird. Der will zwar auch gleich Olga an die Wäsche. Aber die obligatorische Eskalation wird hier, anders als bei Reza, umgehend abgefedert.

Eher zärtlich denn mit Boshaftigkeit rechnen sich die Figuren ihre Fehler auf, erinnern sich ihrer längst vergangenen glücklichen Jahre, dulden sich. Inmitten aller Screwball-Kapriolen hat sie eine stille Weisheit ergriffen, dass das Leben manchmal eben auch nur auszuhalten ist, am besten gemeinsam. Denn wer fragt schon nach dem Optimum? "Wünsche gehen nicht in Erfüllung", sagt Trude, "sonst hießen sie Bestellungen."

Mission:London
von Alek Popov
Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Sebastian Hirn, Bühne: Sebastian Hirn, Kostüme: Dirk Traufelder, Dramaturgie: Jürgen Popig. Mit: Nicole Averkamp, Johannes Bussler, Rosemarie Fischer, Steffen Gangloff, Laurenz Leky, Dominik Lindhorst, Sophie Lutz, Dietmar Nieder, Thomas Schneider.

www.theater-osnabrueck.de

Mehr zu Alek Popov lesen Sie in unserem biografischen Überblick.

Ein Stückporträt zu Mission:London von Stefan Bläske gibt es hier.

Einen Überblick über die Theaterlandschaft Bulgarien vermittelt der Essay von Violeta Detcheva.


Fragile!
von Tena Štivičić
Aus dem Englischen von Karen Witthuhn
Deutschsprachige Erstaufführung dieser Fassung
Regie: Corinna Sommerhäuser, Bühne: Tobias Flemming, Kostüme: Aisa Senen, Dramaturgie: Patricia Nickel-Dönicke. Mit: Andrea Casabianchi, Clemens Dönicke, Steffen Gangloff, Julia Köhn, Katharina Quast, Johannes Bussler, Christel Leuner.

www.theater-osnabrueck.de

Mehr zu Tena Štivičić lesen Sie in unserem biografischen Überblick.

Ein Stückporträt zu Fragile! von Tomo Mirko Pavlovic gibt es hier.

Einen Überblick über die Theaterlandschaft Kroatien vermittelt der Essay von Gordana Vnuk.


Fahrradfahren für Malawi
von Nathan Vecht
Aus dem Niederländischen von Petra Serwe
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Julia Heinrichs, Bühnenbild: Tobias Flemming, Kostüme: Floor Savelkoul, Dramaturgie: Annika Trentzsch. Mit: Julia Köhn, Jan Schreiber, Katharina Quast.

www.theater-osnabrueck.de

Mehr zu Nathan Vecht lesen Sie in unserem biografischen Überblick.

Ein Stückporträt zu Fahrradfahren für Malawi von Simone Kaempf gibt es hier.

Einen Überblick über die Theaterlandschaft Niederlande vermittelt der Essay von Simon van den Berg.

Biografische Informationen zu allen RegisseurInnen finden Sie in einem Beitrag über die MacherInnen des Festivals.

Und hier geht es zum Routenplan.

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