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Route 2 des Spieltriebe 3-Festivals – A (II) Rh +, Meine Seele anderswo

Die Schrecken des Archaischen

von Wolfgang Behrens

Osnabrück, 4. September 2009. Es wird wohl eher Zufall denn höhere Absicht der Spielplangestaltung gewesen sein. Doch wer sich beim Spieltriebe 3-Festival dafür entschied, der blau gekennzeichneten Route zwei zu folgen, der bekam es mit zwei Autoren des Jahrgangs 1978 zu tun. Autoren einer Generation mithin, bei der – zumindest hierzulande – schon einmal der Vorwurf laut wird, sie bespiegele in ihren Texten vor allem gerne und ausgiebig sich selbst.

So wenig die Stücke der Moldauerin Nicoleta Esinencu und die des Spaniers José Manuel Mora miteinander verbinden mag – von diesem Verdacht der Nabelschau sind sie freizusprechen. Beide greifen in ihren in Osnabrück gezeigten Stücken deutlich über ihre Generation hinaus und zielen auf archetypische Figuren, deren Kraft und deren Schrecken ihren jeweils archaischen und nicht zuletzt patriarchalisch geprägten Gesellschaften entspringen – Blut und Boden sind hier keine Fremdworte. Und so tritt uns bei Esinencu ein mit allen Wassern der Stammtischrhetorik gewaschener Nationalist entgegen und bei Mora eine dumpf im schuldhaften Status quo dahinbrütende Familie.

Rassenwahn, kammermusikalisch unterlaufen
In Nicoleta Esinencus Stück "A(II) Rh +" geht es buchstäblich um die Reinheit des Blutes: Ein rumänischer Rassenfanatiker, der pikanterweise bei einem Blutspendedienst arbeitet, will in "a zwei positiv" die einzig seligmachende Blutgruppe sehen. Esinencus farcenhafter Monolog mit seiner repetitiven Struktur ist dabei von einer hohen rhythmischen Qualität, die in der Umsetzung quasi musikalische Entscheidungen fordert: Der Regisseur Markus Bauer hat dem Naheliegenden widerstanden und sich gegen eine druckvolle, gegen eine "rockige" Variante entschieden und stattdessen einen leisen, einen gleichsam kammermusikalischen Zugang gewählt.

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Dietmar Nieder und Lieko Schulze, Foto: Uwe Lewandowski

Er hat den Monolog auf einen Mann (den tatsächlich und ohne eigene Schuld blonden und blauäugigen Dietmar Nieder) und eine Frau (die – auch das eine schöne Besetzungsidee – Halbjapanerin Lieko Schulze) aufgeteilt, formal versiert überlappen sich die Texte, es gibt Stimme und Gegenstimme, einzelne Zeilen werden geloopt, impressionistische Klavierklänge ertönen aus dem Off. Der Blut- und Rassenwahn wird so in einer geradezu unterkühlten Stimmung als eine Art bürokratischer Normalität vorgeführt – es bedarf keiner pathologisch aufbrausenden Außenseite, um eine faschistoide Ideologie zu verkünden.

Gegen Ende ermöglicht das Temperierte der Inszenierung jedoch auch den plötzlichen Ausbruch – und vielleicht ist das der Clou des Ganzen. Als der Protagonist seine eigene Tochter zu verlieren droht, wendet sich seine Reinheitslehre gegen ihn selbst: "ich spritz kein russenblut in meine tochter", und angesichts dieser Tragödie wird Dietmar Nieder einmal – ein einziges Mal – richtig laut. Die verbohrte Gesinnung mündet in die persönliche Tragödie. Schade nur, dass Markus Bauer und sein Team den imposanten Spielort nicht weiter thematisiert haben – das leergeräumte Offizierskasino der Winkelhausen-Kaserne glänzt zwar auch von sich aus mit seinem in gedecktes Rot getauchten Charme. Außer in den farblich abgestimmten Kostümen tauchen aber keine Reflexe des Raums in der Inszenierung auf.

Erdhaufen für Schlafzimmer und Scholle
Vom Offizierskasino geht es dann in das ehemalige Gebäude der Militärpolizei. Hier hat die Bühnenbildnerin Viktoria Strikic einen großen Erdhaufen aufgeschüttet, dessen Mitte ein strahlend weiß bezogenes Bett einnimmt. Und das ist ein seltsam schlagendes Bild, das unvermittelt in die geheimnisvoll archaische Welt des Spaniers José Manuel Mora hineinführt: Schlafzimmer und Scholle.

meine_seele_7426_onIn "Meine Seele anderswo", das in Osnabrück nicht nur erst-, sondern sogar uraufgeführt wird, entwirft Mora in knappen, vieles nur andeutenden Dialogen eine unheilvolle Familienkonstellation: Ein Mann liebt ein zwölfjähriges Mädchen, und es liebt ihn zurück (diesen Tabubruch findet man ähnlich bereits in Ibsens "Baumeister Solness"). Später wird das Mädchen den Sohn des Mannes heiraten und mit ihm eine Tochter haben, die in dem alten Mann, dem Großvater, erneut einiges auslösen wird. Und alle wissen um alles: Der Sohn hat damals den Vater beim Liebesspiel mit dem Mädchen beobachtet; und auch die Frau des Alten ist im Bilde.

Es ist etwas Schwüles um dieses Stück, das einem zu schaffen machen kann. Zumal Mora nicht platt verurteilt. Zwar nimmt sich der Alte am Ende einen Strick, doch tut er das nicht aus einem simplen Schuldeingeständnis heraus. Eher scheint er ein vorgegebenes Muster erfüllen zu wollen: auf dass sich das Schicksal unerbittlich vollziehe. Der (1978 geborene!) isländische Regisseur Thorleifur Arnarsson macht nun genau das Richtige: Er versucht den Stoff nicht als Bizarrerie vorzuführen oder gar zu pädagogisieren, sondern lässt ihn in aller Unaufgeregtheit sein verstörendes Potential entfalten. Es ist nachgerade erstaunlich, wie präzise der Isländer an der Sprache gearbeitet hat – jeder Satz, ja, jedes Wort erhält den ihm zustehenden Raum zum Atmen, ohne dass das Ganze in tröpfelnder Langsamkeit erstarrte. (Im Bild: Verena Fitz und Klaus Fischer, Foto: Klaus Fröhlich.)

Urplötzlich fallen die Generationen ineinander
Und ganz nebenbei inspiriert Arnarsson seine Schauspieler so zu genauen Charakterstudien: Klaus Fischer spielt den Alten mit lauernder Aggression, Clemens Dönicke als Sohn gibt einen irgendwie neben seinem Körper stehenden Schwächling und Verena Fitz seine immer etwas fremd in die Welt blickende Frau. Am tollsten aber ist Katrin Stephan, die zuerst die Frau des Alten spielt, um dann in die Rolle der Enkelin zu schlüpfen. Wie sie, ohne zu chargieren, den naiven Tonfall des Kindes trifft, und wie sie dann jäh im Kind die Greisin durchschimmern lässt – das hat fast etwas Gespenstisches; dann fallen magisch die Generationen ineinander. Und die Nabelschau bleibt ganz weit weg.

 

A (II) Rh+
von Nicoleta Esinencu
Aus dem Rumänischen von Georg Aescht
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Markus Bauer, Bühne und Kostüme: Teresa Hahn. Mit: Dietmar Nieder, Lieko Schulze.

www.theater-osnabrueck.de

Mehr zu Nicoleta Esinencu lesen Sie in unserem biografischen Überblick.

Ein Stückporträt zu A (II) Rh + von Petra Kohse gibt es hier.

Einen Überblick über die Theaterlandschaft Republik Moldau verschafft der Essay von Irina Wolf.


Meine Seele anderswo
von José Manuel Mora
Aus dem Spanischen von Franziska Muche
Uraufführung
Regie: Thorleifur Arnarsson, Bühne und Kostüme: Viktoria Strikic. Mit: Klaus Fischer, Katrin Stephan, Clemens Dönicke, Verena Fitz.

www.theater-osnabrueck.de

Mehr zu José Manuel Mora lesen Sie in unserem biografischen Überblick.

Ein Stückporträt zu Meine Seele anderswo von Sabine Leucht gibt es hier.

Einen Überblick über die Theaterlandschaft Spanien verschafft der Essay von Wilfried Floeck.

Biografische Informationen zu allen RegisseurInnen finden Sie in einem Beitrag über die MacherInnen des Festivals.

Und hier geht es zum Routenplan.

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