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Kaugummihunde (Chewing Gum Dogs) – Beim Festivalbrunch im Theater am Domplatz wurde das gemeinsame Stück vorgestellt

Pimp my life!

von Christian Rakow

Osnabrück, 5. September 2009. Keine Atempause, Theater wird gemacht, es geht voran. Der Festivalmotor schnurrt bei mittlerer Drehzahl reibungslos auch an diesem Samstagmorgen. Wir treffen ein beim traditionellen Brunch mit den Autoren im Theaterfoyer. Noch vor dem Run auf das große Buffet haben die Organisatoren eine Extrarunde Neudramatik anberaumt. Zu Kaffee und Croissant-Appetizern gibt es also die szenische Lesung eines Gemeinschaftstextes, den acht internationale Dramatiker unter Leitung von Bernhard Studlar und Rebekka Kricheldorf auf einem Osnabrücker Workshop im Juni verfasst haben.

Es ist eine lose gestrickte Geschichte um ein Osnabrücker Ehepaar, Heide und Dolf, die in mehreren Zeitsprüngen zwischen dem Kennenlernen an einer Bushaltestelle und einem deprimierenden Eheszenario 20 Jahre später oszilliert. In einer Art Staffelstabdramatik haben sich die Autoren Szenen weitergereicht und anscheinend auch die Überbietungsmaschine angeworfen. Von einer eher unauffälligen Exposition an der Osnabrücker Haltestelle "Heger Tor" (von Studlar geschrieben) startet die Rakete dieses Stückes steil durch in den schwerelosen Orbit der Ironie.

Sex and Crime
Dolf, so erfahren wir aus den stufenweisen Anreicherungen, ist Neonazi, Bürgermeister, zudem impotent und hat mit seinen Glatzenfreunden ein Kind im Wald umgebracht. Seine Frau wird zunehmend als nymphomane Schlampe entworfen, die ihren schwulen/bisexuellen/cybersexsüchtigen Sohn Bruno beim Train Sex mit einem Busfahrer, einem Polizisten und mit Dolf zeugte. "We need more sex", hat sich Paul Porveur für seine Gang Bang Szene vorgenommen. "I want to kill a character", lautete die Maxime von Nicoleta Esinencu. Es ist ihnen gelungen.

Das fragwürdige Unterfangen dieses Projekts (warum schickt man gestandene Autoren in eine Schreibwerkstatt zur Fingerübung?) wäre kaum der Rede wert. Wenn es nicht eine schöne Lektion über Realismus und Drastik abgeben würde. Da gibt es also den Schreibauftrag irgendwas mit Osnabrück anzustellen und Studlar kommt mit dieser gänzlich alltäglichen und unverfänglichen Szene an der Bushaltestelle raus. Und damit legt er nicht allein eine Figuren- und Dialogdramatik an (einige Autoren weichen hier in Erzählpassagen oder – wie Maja Pelevic – freie Verse aus). Das Stück verpflichtet sich vor allem auf ein Repräsentationsverhältnis: Es will Leben auf die Bühne bringen.

Verklärung durch Drastik
Für solch ein Unterfangen gibt es gemeinhin mindestens zwei Wege. Einmal den Dokumentarismus, der akribisch in die Situation, hier also Osnabrücks und seiner Menschen, hineinarbeitet und durch Detailbeobachtungen künstlerisch wirkt. Diese Option fiel natürlich schon wegen der kurzen Workshopzeit (eine Woche) aus. Außerdem ist Osnabrück als statistisch "lebenswerteste Stadt Deutschlands" vielleicht etwas zu langweilig (Maja Pelevic: "I don't believe in happy faces.") Also bleibt nur ein zweiter Weg übrig: der Weg in die Verklärung.

"Verklärung" hieß das jedenfalls im klassischen Realismus nach 1850, als man seine alltäglichen Figuren bevorzugt mit biblischen Konnotationen anreicherte (Prototyp "Zwischen Himmel und Erde" von Otto Ludwig) oder mit literargeschichtlichem Höhenkamm (Prototyp: "Romeo und Julia auf dem Dorfe" von Gottfried Keller). Heute ist es natürlich nicht mehr die erhabene Verklärung, denn die riecht mittlerweile zu muffig nach Hauspantoffel. Das Prinzip der konnotativen Anreicherung ist nichtsdestotrotz intakt. Es kommt heute als Drastik daher. Drastik garantiert noch jedem Alltagsszenario, dass es nicht bloß "super modern", sondern vor allem wesentlich und triftig, ja menschlich allzumenschlich wirkt.

Kunst beginnt mit dem Verblüffenden
Redundante Fickszenen, Kindermord (aus der Schreibe von Rebekka Kricheldorf), Vergewaltigungen und kinky Teenagesex (beigesteuert von José Manuel Mora) und überhaupt Exzentrizität sind heute Mittel der Verwesentlichung. Sie sagen: "Da schau her, hier geht's um was, hier wird es – bei aller Komik – existenziell". Leider kann diese Behauptung nur aufrecht erhalten werden, wenn das Drastische im Rahmen des Wahrscheinlichen verharrt. Okay, der Deutsche ist irgendwie Nazi und alle Spießer sind sexuell frustriert und so. Wenige Andeutungen reichen aus, weil das Klischee im Hintergrund der Anspielung völlig stabil ist. In der Konsequenz erleben wir eine Dramatik aus dem Geiste des Wikipedia-Links. Kindermord im Wald? Lesen Sie weiter bei "Das Versprechen"/"Es geschah am helligten Tag" (Stichwort: Gert Fröbe).

Wo der drastische Einfall nur Bekanntes abholt, macht sich bald Langeweile breit. Wie viel stärker wirkt eine Drastik, die auf metaphorische Prozesse, auf Kollisionen von Zeichenkontexten, setzt! Man denke nur an "Inglorious Basterds" von Quentin Tarantino, das gerade in den Kinos läuft. Juden, die Nazis massakrieren und ihnen nach Indianerart den Skalp abziehen – das ist ein Clash der Kontexte, der nicht nur am Vertrauten zapft. Da geht's zur Sache.

Man soll die Messlatte ja nicht zu hoch hängen. Aber manchmal machen gerade diese zackigen kleinen Spielformen, diese flüchtigen Dramolette zum Frühstück, klar, woran es in der Gegenwartsdramatik so oft hapert. Nur dem Bekannten hinterher hecheln und dazu ein wenig die Schraube überdrehen reicht eben nicht. Kunst beginnt mit dem Verblüffenden.

PS: Das Stück heißt, gemäß einem Zuschauervotum, jetzt "Kaugummihunde" (Chewing Gum Dogs). Schließlich taucht als Running Gag in nahezu allen Szenen ein Kaugummi auf. Er verklebt Dolf immer mal wieder seine Hosen und manchmal auch mehr: "Der Kaugummi hat die ganze Welt verklebt."

Das Stück (noch ohne Titel) lesen Sie hier.

Mehr über die Entstehung des Stücks lesen Sie in der Reportage von Simone Kaempf über die Autorenwerkstatt, die im Juni in Osnabrück stattgefunden hat.

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