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Route 4 des Spieltriebe 3-Festivals – Die Reise ins Innere des Zimmers, Shakespeare is dead

Die moderne Frage schlechthin

von Christian Rakow

Osnabrück, 5. September 2009. Heute am zweiten Festivaltag habe ich endlich mein offizielles "Europa Starter-Kit" geöffnet (es war fest verschweißt). Darin befindet sich unter anderem eine albanische Spruchweisheit: "Wenn du keinen Gesellschafter hast, ziehe deinen Spazierstock in Erwägung." Dass es so einfach nicht ist, macht gleich das erste Stück meiner heutigen Route klar: "Die Reise ins Innere des Zimmers" vom polnischen Erfolgsautoren Michal Walczak, aufgeführt im Emma-Theater. Diese Reise ist beileibe kein Spaziergang, sondern ein schmerzlicher Trip in die Abgründe einer psychotischen, vereinsamten Seele. Dem thirtysomething Protagonisten Haut ist seine Freundin Elka durchgebrannt, ausgerechnet mit seinem besten Freund Gold. Und das zu einem Zeitpunkt, da der Langzeitstudent mit eben dieser Elka in ein eigenes Appartement in Warschaus Innenstadt ziehen wollte.

Soweit ist der Plot recht auswechselbar auf Dreieckskonflikt mit tragischer Note angelegt. Doch Walczak gewinnt dem vertrauten Schema mehr ab. Während sich Haut in einer mysteriösen, leeren Wohnung verbarrikadiert, verdunkelt sich langsam auch sein Sensorium für die Außenwelt. Das Single-Appartement verwandelt sich zum Bewusstseinszimmer, in dem schon bald unentscheidbar wird, ob die nacheinander auftretenden Gäste (seine Eltern, Elka und Gold, der sinistre Vermieter "von Außen") noch reale Besucher oder doch längst Projektionen sind.

Kaiserkind vor Stehlampe
Es braucht ein wenig Zeit, bis Marie Bues' Inszenierung sich auf die richtige Betriebstemperatur für dieses fiebernde Schizophreniedrama gebracht hat. Kürzungen hätten Not getan, nicht zuletzt in der Rahmengeschichte, in der ein personifizierter Vorhang (mit Mary-Morgan-Look: Verena Fitz) etwas aufdringlich den zugrunde liegenden Theaterbegriff Walczaks verhandelt. Sobald aber die drei glitzernden Kettenvorhänge, zwischen denen gespielt wird, schwinden und den Blick auf einen miefig braunen Polstersessel mit Stehlampe freigeben (Bühne: Lena Sofuoglu), ändern sich die Verhältnisse. Haut, den Dominik Lindhorst mit wachsender Kraft entwickelt, krümmt sich dann, rafft sich wieder auf und gibt im nächsten Moment einen irren Nero, ein Kaiserkind mit störrischem Antlitz und angezogenen Knien.

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Dominik Lindhorst als Haut, Foto: Klaus Fröhlich

Sein einziger Ansprechpartner ist ein fleischgewordenes Hirngespinst: Judas (als fahriger Clownsanwärter mit Afromähne und eng anliegender Freddy Mercury Hose: Oliver Meskendahl). Seine Ex-Freunde, Saskia Boden als Elka und Friedrich Witte als Gold, begegnen ihm wie Marthaler-Figuren, im 70er Jahre Chic. Am Schluss wird er die beiden umbringen. "Auf den Ruinen von Außen bauen wir ein gigantisches Innen", triumphiert Haut ein letztes Mal, ehe er kollabiert.

Schon der Einstieg ein enzyklopädisches Gewitter
Die Ruinen des Innen durchforstet kaum eine Stunde später im stillgelegten Ringlokschuppen auch Paul Pourveurs radikal geschnittenes Sprech- und Erzählstück "Shakespeare is dead – get over it!". Und wie! Die Krise des Selbst, so vermittelt der Flame Pourveur auf der Höhe der postmodernen Theorie, lässt sich nicht denken ohne die Kenntnisnahme der pluralisierten Diskurswelt, der Vielstimmigkeit von Ideologien und Lebensentwürfen. Anna, so erfahren wir, ist Bühnenschauspielerin, verehrt Shakespeare und tritt vornehmlich in seinen 540 Minuten langen Königsdramen auf. William ist Globalisierungsgegner (von Naomi Kleins Gnaden) und liebt Anna. Ihre Liebe könnte etwas ganz eigenes sein, oder ist sie doch nur die Wiederholung einer Liebe, wie sie Shakespeare und Anne Hathaway führten, oder wie man sie in Jean-Luc-Godard-Filmen findet?

Pourveur sucht den breiten Spagat, wenn er seine Figuren permanent mit mehr oder weniger populären Versatzstücken aus politischen, ökonomischen und kulturellen Sphären konfrontiert. Schon der Einstieg ist ein enzyklopädisches Gewitter. Wie kam es, dass Thatcher und Reagan Milton Friedman lasen statt Miltons "Paradise Lost"? Wieso ist mittlerweile der Markt Gott und nicht die Politik? Wieso heißt es nunmehr "Der Preis ist alles" statt "Alles hat seinen Preis"? Binnen Sekunden glüht der Diskursorbit zwischen Attac-Theorie und Dramenhistorie.

Lange gab es keinen so starken Widerstand gegen die Tradition
Von hier aus entwickelt Pourveur dann seine Liebesgeschichte mit der traurigen Melancholie eines Milan Kundera, voller Zeitsprünge, Wiederholungen, subtiler Sinnverschiebungen und viel Humor. "In den Armen einer Frau zu liegen, ist die kostbarste Erfahrung für einen Mann, aber bei dir muss ich diese Erfahrung mit Shakespeare teilen", schleudert William Anna entgegen. "Wie kann ich den kostbarsten Fleck – namentlich deine Brüste – jetzt überleben, mit all der Tradition dazwischen?" Lange hat man jenseits von René Pollesch keinen so starken Widerstand gegen die vermeintliche Überzeitlichkeit von Shakespeares Werk und Person vernommen. Lange wurde die Moderne nicht derart als ein diskontinuierlicher, vom historischen Erbe unbeschreibbarer Prozess angesprochen.

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Versatzstücke aus politischen und anderen Sphären, Foto: Klaus Fröhlich

Pourveurs Stück birgt sicherlich genügend Risiken für eine Inszenierung, einerseits in braves Aufsagetheater abzustürzen, andererseits in emotionale Wogen hochzutreiben. Regisseurin Nina Mattenklotz (die 2008 den Hamburger Nachwuchs-Regie-Preis gewann) und das fabelhaft aufgelegte Osnabrücker Ensemble (Saskia Boden, Andrea Casabianchi, Britta Firmer, Oliver Meskendahl, Friedrich Witte) aber umschiffen Scylla und Charybdis. Mal locker wie auf einer Durchsprechprobe, dann wieder voller Biss und Physis erschaffen sie das postmoderne Partnerschaftsmosaik. Aufwändiger illustriert oder gespielt wird nur selten (grandios etwa, wenn sich William und Alexis, ein Regisseur und Rivale um die Gunst Annas, vermittels eines Schlagsahnefressens duellieren).

An ihren Plattensammlungen sollt ihr sie erkennen
Ein "Asynchronismus", heißt es wiederholt, bestimme das unglückliche Schicksal dieses ungleichen Paares, das sich zwischen Shakespeare und Antiglobalisierungsdemos aufreibt und schließlich getrennt stirbt. Es ist ein "Asynchronismus" der Diskurse und ihrer mentalen Effekte. Wer wie William Stratford-upon-Avon auf einer Urlaubsreise nurmehr als Marketingmekka anschaut, der taugt nicht unbedingt für romantische Spaziergänge. Entsprechend kühl ist die Bühne gehalten: eine weiße, verengt zulaufende Holzgasse, auf deren Wänden Slogans wie "Natur hat mir die Selbstliebe gegeben" gekritzelt sind (Bühne: Juli Zippel/Anabel Fröhlich). An zentraler Stelle löst Regisseurin Mattenklotz den Druck dieses Raumes in einem Lied auf: "Where is my mind", schrammeln die Pixies (und die Schauspieler mit ihnen). Es ist die Kernfrage dieser Festivalroute, die moderne Frage schlechthin.

By the way, an ihren Plattensammlungen sollt ihr sie erkennen! "It's only when I lose myself in someone else, then I find myself", besingen Depeche Mode den Asynchronismus der Liebenden, "Für immer und dich" steuert Rio Reiser bei. Das ist so cool wie intensiv wie klug gedacht. Mattenklotz versprüht sich nicht in ihren Mitteln, aber sie sucht den populären Kommentar, wo er erhellend wirkt. Und wem es gelingt, Chris de Burghs "Lady in Red" in einer Panflötenversion (!) würdevoll dem Bühnengeschehen unterzumischen, dem dürfte künftig einiges offenstehen.


Die Reise ins Innere des Zimmers
von Michal Walczak
Aus dem Polnischen von Doreen Daume
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Marie Bues, Bühne: Lena Sofuoglu, Kostüme: Floor Savelkoul, Dramaturgie: Tobias Vogt. Mit: Dominik Lindhorst, Friedrich Witte, Saskia Boden, Verena Fitz, Oliver Meskendahl, Jan Schreiber, Thomas Schneider

www.theater-osnabrueck.de

Mehr zu Michal Walczak lesen Sie in unserem biografischen Überblick.

Ein Stückporträt zu Die Reise ins Innere des Zimmers gibt es hier.

Einen Überblick über die Theaterlandschaft Polen vermittelt der Essay von Thomas Irmer.

 

Shakespeare is dead – get over it!
von Paul Pourveur
Aus dem Flämischen von Uwe Dethier
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Nina Mattenklotz, Bühne:Juli Zippel, Kostüm: Annika Kerstin Träger, Dramaturgie: Armin Breidenbach. Mit: Saskia Boden, Andrea Casabianchi, Britta Firmer, Oliver Meskendahl, Friedrich Witte

www.theater-osnabrueck.de

Mehr zu Paul Pourveur lesen Sie in unserem biografischen Überblick.

Ein Stückporträt zu Shakespeare is dead – get over it gibt es hier.

Einen Überblick über die Theaterlandschaft Belgien vermittelt der Essay von Georg Weinand.

Hier geht es zum Routenplan.

 

Kommentare (1)Add Comment
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geschrieben von Louisa, Quackenbrück, 08. September 2009
Ich habe diese Seite erst kürzlich entdeckt, weil mich Freunde, mit denen ich seit Jahren ins Theater gehe, darauf aufmerksam gemacht haben.
Ich bin wirklich beeindruckt von der geballten Kompetenz, die mir hier entgegenblickt und fühlte mich super begleitet. Habe die gleichen Stücke wie Herr Rakow gesehen und finde auch, dass er das toll hier beschreibt. Aber auch die ganzen Länderübersichten und Autorenporträts - da fühlt man sich bei uns auf dem platten Land, sonst bloßdurchs Fernsehen oder den Mittellandkanal mit der Welt verbunden, direkt im Zentrum des Geschehens und an die europäische Kulturlandschaft angeschlossen. Danke!

Hinweis der Redaktion:
Entschuldigen Sie, Louisa, dass die Veröffentlichung etwas gedauert hat – wir sind noch etwas müde vom Festival... normalerweise geht das schneller!
Viele Grüße,
die Redaktion

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