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Route 5 des Spieltriebe 3-Festivals – Orangenhaut, Ophelias: Death by water singing

Puppen in Hautfarbe und Sumpfgrün

von Wolfgang Behrens

Osnabrück, 5. September 2009. "I don't believe in happy faces." Diese Antwort gab die junge serbische Dramatikerin Maja Pelevic vormittags beim Autorengespräch auf die Frage, welcher Impuls denn von Osnabrück als der angeblich lebenswertesten, als der glücklichsten Stadt Deutschlands auf sie ausgehe. Danach allerdings durch die Stadt zu laufen und in den Gesichtern der freundlichen Osnabrücker Menschen nach Anzeichen ihres Unglücks zu suchen, ist ein ziemlich sinnloses Unterfangen. Abends aber, wenn man sich zufällig auf der fünften und grünen Route des Spieltriebe 3-Festivals befindet, fällt einem der Satz wieder ein, und nun wird man seiner umfassenderen Bedeutung inne: Nicht eigentlich die fröhlich dreinschauenden Osnabrücker sind gemeint; Pelevics Misstrauen trifft eine ganze Gesellschaft.

Denn in Mirja Biels Inszenierung der deutschsprachigen Erstaufführung von Pelevics Stück "Orangenhaut" sind sie auf einmal da, die "happy faces". Drei Schauspielerinnen (Nicole Averkamp, Britta Firmer, Sophie Lutz) lächeln und lächeln, sie sind vergnügt, weil sie ihre Haut zu Markte tragen dürfen. Und wer da nicht lächelt und vergnügt ist, dessen, nein: deren Marktwert fällt rapide. Pretty happy sollte frau schon sein, und am besten pretty und happy.

Wilde Jagd im Hamsterrad
Mit "Orangenhaut" hat Maja Pelevic eine so rasante wie ätzend komische, dabei formal völlig offene Szenenfolge geschrieben, in der eine junge Frau mit allen Mitteln versucht, vorgegebenen Bildern von Weiblichkeit zu entsprechen: vom verruchten Partygirl über die aufopferungsvolle Mustergattin bis zur alleinerziehenden Mutter. Doch die wilde Jagd der Protagonistin erweist sich als Hamsterrad: Erfolg ist bei dieser Identitätssuche nicht vorgesehen, da die Kriterien für den Erfolg selbst im Fluss der gesellschaftlichen Erwartungen ständiger Veränderung unterworfen sind.

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Frauen ohne Eigenschaften: Sophie Lutz, Nicole Averkamp, Britta Firmer,
Foto: Klaus Fröhlich

Man darf es so sagen: Mirja Biel hat den Text kongenial umgesetzt. Zumeist in hautfarbener Unterwäsche hetzen, tollen und albern ihre drei Schauspielerinnen durch ein Arrangement ebenso hautfarbener Schaufensterpuppen – Frauen ohne Eigenschaften. Von Clubsounds auf Tempo gebracht, treiben sie sich gegenseitig an, sie messen sich an auf die Rückwand projizierten Schönheitsidealen von Nofretete bis Lady Di, sie kommentieren und begutachten einander mit herrlich synchronisierten Gesten und punktgenauen Ping-Pong-Dialogen. Die stolze Männlichkeit jedoch glänzt durch komplette Abwesenheit – als männlicher Widerpart dient ein von je zwei der Schauspielerinnen geführter, wunderbar alberner Pappkamerad.

Der schlimmste Feind der Frau ist die Frau
Und so scheint in dieser Inszenierung der schlimmste Feind der Frau die Frau zu sein: Den Weiblichkeitsdruck machen sich die Frauen längst selbst – da bedarf es erst gar keiner Männer. Was ein "happy face" ist, das bestimmt heute Heidi Klum – und dass auch ein Baby dazu gehört, ist eh klar. Die Heldin bei Pelevic entschließt sich übrigens irgendwann zum radikalen Anderssein, indem sie sich zu ihrer Orangenhaut als einem Symbol der Weiblichkeit bekennt (bei Mirja Biel stopft sich Britta Firmer orangefarbene Kugeln in die Strumpfhose: ein grandioses Bild). Doch auch in dieser Entscheidung wirkt sie unfrei, da naturgemäß auch die Negation weiter von der Setzung des Ideals abhängt. Und das Ideal ist und bleibt vorerst das Model(l)leben.

Der Sprung, der den Zuschauern der grünen Route nun zugemutet wird, könnte ästhetisch kaum größer sein – inhaltlich indes ist es nur ein kleiner Hüpfer. In ihrer Oper "Ophelias: Death by water singing" erzählen der norwegische Komponist Henrik Hellstenius und seine Librettistin Cecilie Løveid Shakespeares "Hamlet" aus der Sicht Ophelias, und siehe da: Ophelia erweist sich – ganz wie die Frauen bei Pelevic – als unfähig, eine weibliche Identität zu finden und zu leben. Die Botschaft bei Hellstenius und Løveid ist allerdings eine seit Jahrhunderten geläufige: die Frau als Opfer einer von mächtigen Männern und Schwiegermüttern geprägten Welt.

Milchige Planen wehen im Wind
Das klingt nicht so wahnsinnig spannend und ist es vielleicht auch nicht: Und doch wird wohl kaum jemand, der dabei war, die Osnabrücker Aufführung von "Death by water singing" vergessen können. Was zuallererst ein Verdienst des Raumes ist, der einem wahrlich den Atem verschlägt: im Alten Güterbahnhof sitzen die Zuschauer am Kopfende einer gigantischen, überdachten Gleisanlage (was, um Himmels willen, war das früher? ein Depot?).

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Wie in einem industriell verfremdeten prä-raffaelitischen Gemälde: Tadeusz Jedras,
Chihiro Meier-Tejima, Miyuki Nishino, Heike Hollenberg, Foto: Klaus Fröhlich

Durch starke Scheinwerfer, die teilweise in Hunderten von Metern Entfernung angebracht wurden, und im Wind wehende milchige Planen ist die Szenerie in ein surreales Licht getaucht; das Grün, das mittlerweile im Gleisbett wuchert, wurde von der Bühnenbildnerin Johanna Fritz durch einen Strauch hie, eine Efeuranke da noch pittoresk angereichert – und da Ophelia (die stimmlich kraftvolle, aber darstellerisch manchmal etwas ungelenke Lydia Ackermann) wiederum ganz klassisch bleichwangig mit blonden Strähnen und weißem Kleid daherkommt, wähnt man sich in ein industriell verfremdetes präraffaelitisches Gemälde versetzt.

Wispernde, grummelnde, flackernde Musik
Das Unheimliche des Settings findet in der wispernden, grummelnden, flackernden, zum Teil geräuschhaft durchsetzten, zum Teil betörend klangschönen Musik für Kammerensemble von Hellstenius einen spannungsvollen Widerhall. Wer wollte sich da länger als nötig beklagen, dass die Regie Solvejg Frankes neben einigen gelungenen Bildern auch einige recht überflüssig wirkende hermetische Einfälle auffährt (etwa goldene Plastikflaschen, die über die Gleise fliegen)? Immerhin: die Geschichte gerät nicht aus dem Blick – alle und vor allem die Schicksal spielenden Waldnymphen zerren an Ophelia herum, die Schwiegermutter in spe Gertrud (enorm präsent: Eva Schneidereit), die unterm sumpfgrünen Kleid ein Dominakostüm verbirgt, schnürt sie in ein Korsett, und Hamlet läuft als schwertschwingender Popanz herum und wird zur Liebesnacht per Plastikfolie mit Ophelia zwangsverbunden.

Am Ende verliert sich Ophelia puppenhaft winkend in den unendlichen Tiefen der Gleisanlagen. Jaja, man versteht: Sie ist als Frau desillusioniert und entfernt sich jetzt von der Gesellschaft. Das betrifft einen freilich schon lange nicht mehr: Stattdessen blickt und hört man staunend in die kolossale Installation aus Raum und Klang – und das ist doch schon viel.

 

Orangenhaut
von Maja Pelevic
Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Mirja Biel, Bühne: Majorie Voorhuis, Kostüme: Vera Nabbefeld. Mit: Nicole Averkamp, Britta Firmer, Sophie Lutz.

www.theater-osnabrueck.de

Mehr zu Maja Pelevic lesen Sie in unserem biografischen Überblick.

Ein Stückporträt zu Orangenhaut gibt es hier.

Einen Überblick über die Theaterlandschaft Serbien vermittelt der Essay von Jovan Ćirilov.

Ophelias: Death by water singing
Oper in 13 Szenen von Henrik Hellstenius
Text von Cecilie Løveid
Erstaufführung im deutschsprachigen Raum (in englischer Sprache)
Musikalische Leitung: Till Drömann, Regie: Solvejg Franke, Bühne: Johanna
Fritz, Kostüme Elif Zeynef Ceren Korkmaz.
Mit: Lydia Ackermann, Tadeusz Jedras, Eva Schneidereit, Heike Hollenberg,
Chihiro Meier-Tejima, Miyuki Nishino; Mitglieder des Osnabrücker
Symphonierorchesters: Annika Wahlström, Kaori Yoshida, Lisa Kläger, Sabine
Szycknys, Marian Ghisa, Günter Helms, Henry Leo Koch, Hans-Christoph
Bünger.

www.theater-osnabrueck.de

Mehr zu Henrik Hellstenius lesen Sie in unserem biografischen Überblick.

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit Ophelias: Death by water singing vermittelt ein Beitrag von Verena Großkreutz.

Hier geht es zum Routenplan.

 

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