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Europatrioten? – Diskussion über Probleme und Strategien eines europäischen Austauschs im Theater

Mal sehen, was diese Verbrecher so schreiben

von Wolfgang Behrens

Osnabrück, 6. September 2009. Kein Festival ohne nächtliche Partys mit triefenden Grillsteaks und alkoholischer Zusatznahrung. Und kein Festival ohne Podiumsdiskussion: Da letztere beim Spieltriebe 3-Festival auf den Sonntagvormittag terminiert war, muss man dem Publikum (mit einem allerdings hohen professionellen Anteil) ein fettes Lob spenden, dass es so kurz nach dem Ende der zweiten Party dann doch die Teilnehmerzahl des Podiums sehr deutlich übertraf.

Und das, obwohl der Zündstoff, den das Thema der Diskussion birgt, vielleicht gar nicht sooo groß ist: "Europatrioten? Europäische Stücke im deutschen Theater". Sicher, es gibt einige Punkte, die auf dem europäischen Theatermarkt kritisch zu hinterfragen sind, und der Osnabrücker Intendant Holger Schultze und sein Dramaturg Jürgen Popig haben diese ja im nachtkritik-Interview im Vorfeld auch benannt.

Wenn aber Detlev Baur, Redakteur der Zeitschrift Die Deutsche Bühne, am Anfang der Runde mit den Statistiken des Deutschen Bühnenvereins herausrückt, dann ist die Brisanz des Ganzen doch sehr abhängig von der Interpretation der Zahlen: Im Verlauf der letzten 20 Jahre nämlich ist die Zahl der jährlichen Inszenierungen insgesamt um ein Drittel gestiegen (gut!), die Zahl der Uraufführungen hat sich verdoppelt (seeeehr gut!), die Zahl der deutschsprachigen Erstaufführungen aber ist bei leichtem Rücklauf weitgehend konstant geblieben (hmm …).

Wo ist die Neugier geblieben?
"So what?" möchte man fragen: dass zwei Kennzahlen steigen, sollte uns freuen; und dass die dritte zumindest nicht einbricht – nun, die Kultur ist ja nicht wie die Wirtschaft nur auf stetige Zuwachsraten aus, oder? Die andere Lesart der Zahlen freilich besagt, dass das Interesse an den ausländischen Stücken wenigstens proportional dramatisch abgenommen hat – und das, obwohl es doch nach dem Zusammenbruch des Sozialismus bald so etwas wie eine "Euroaufbruchsfantasie" gegeben hat, wie Michael Laages, Journalist und Moderator des Podiums, feststellt. Wo ist denn die Neugier auf Europa, auf die europäischen Stücke geblieben?

Die Antworten hierauf fallen naturgemäß verschieden aus: Andreas Beck, künstlerischer Leiter des Schauspielhauses Wien, betont, dass – bei aller Lust, die Welt zu umarmen – Theater lokal sei, geografisch sowohl als auch von den ästhetischen Voraussetzungen fest verankert. Auch wenn die Slowakei ein Nachbarland Österreichs sei, müsse deshalb in Wien ein slowakisches Stück noch keine Relevanz besitzen. Und Mirjana Wittmann, Übersetzerin aus dem Serbischen (bei Spieltriebe 3 mit Maja Pelevics "Orangenhaut" eingeladen), zeigt durchaus überraschend auf, wann die Neugier auf das Ausland eben doch einsetze: wenn in einem Land Krieg herrscht.

Die Verlage folgen der Politik
Mitte der 90er Jahre habe die Literatur aus den ex-jugoslawischen Ländern Hochkonjunktur gehabt – frei nach dem Motto: "Mal sehen, was diese serbischen Verbrecher so schreiben können!" Kurz: die Verlage als Vermittler der Stücke folgen der Politik. Überhaupt könnten ja die Verlage die Hauptschuldigen an unserer mangelnden Kenntnis ausländischer Stücke sein: Verlage aber – der Verleger Marc Schäfers weist zu Recht darauf hin – sind Privatunternehmen, und da die Übersetzung eines ausländischen Stücks eine Investition und somit ein finanzielles Risiko darstellt, ist die Eingangsschwelle hier ungleich höher als bei deutschsprachigen Stücken.

Das Hauptproblem allerdings, und hierum kreist die Diskussion immer wieder, besteht im kulturellen Transfer mit all seinen Untiefen. Andreas Beck etwa gibt zu bedenken, dass viele französische Stücke im deutschsprachigen Raum keine Chance hätten, da man hierzulande die spezifische Kunst des monologisierenden Schauspielers nicht mehr schätze. Stattdessen glaube jeder in Deutschland, für englische Stücke besonders qualifiziert zu sein, denn erstens kann ja jeder Englisch, und zweitens können die Deutschen auch noch viel besser inszenieren als die Briten.

Auch fremde Ästhethiken müssen ausgehalten werden
Nicht allein die Übersetzung also ist es, die eine Hürde für ausländische Stücke darstellt. Oft gehen mit den Texten eben auch andere Spielweisen einher, die zuerst einmal Fremdheit transportieren, vielleicht auch Berührungsängste und Unverständnis auslösen können. Fast einmütig nickt daher die Runde die Idee ab, fremde Ästhetiken punktuell auch in die heimische Arbeit zu integrieren – sei es durch Gastspiele, sei es durch multinationale Ensembles – wie sie im Tanztheater schon lange Alltag sind –, sei es durch einen Schauspieleraustausch, wie ihn beispielsweise das Theater Osnabrück gerade mit einem bulgarischen Theater in Russe betreibt.

Die Frage, was mit einem Stück eigentlich passiert, wie es sich im neuen Kontext verändert, wenn es nicht nur übersetzt, sondern dann auch gespielt wird, ist tatsächlich hochinteressant. Schon eine mit Schauspielern eines anderen Landes erarbeitete, strukturell ansonsten aber gleiche Inszenierung ändert ja ihr Gesicht frappierend – wer das bei Aufführungen von Peter Stein, Dimiter Gotscheff oder andern erlebt hat, wird es bestätigen können. Wie viel mehr gilt das für einen bloßen Text. Das wäre doch – entschuldigen Sie den Vorstoß, Herr Schultze – ein Konzept für ein viertes Spieltriebe-Festival: Produktionen neuer Stücke von europäischen Stadttheatern in der Originalsprache einzuladen (mithin also auch in der "originalen" Spielweise) und  dieselben Stücke mit dem eigenen Ensemble zu inszenieren.

P.S. Detlev Baur, der Mann mit der Statistik, hat das Problem der (vielleicht) zu langsamen Migration der europäischen Theaterstücke übrigens gegen Ende der Veranstaltung selbst relativiert: Shakespeare habe ja auch ein paar Jahrhunderte gebraucht, bis er in Deutschland Fuß gefasst habe und zu "dem" deutschen Bühnenautor geworden sei. Na dann...

 

Europatrioten?
Europäische Stücke im deutschen Theater
Podiumsdiskussion
Mit: Michael Laages (Moderation), Mirjana Wittmann (Übersetzerin), Andreas Beck (Theaterleiter Schauspielhaus Wien), Detlev Baur (Redakteur Die deutsche Bühne), Jürgen Popig (Dramaturg Theater Osnabrück), Paul Pourveur (belgischer Autor), Marc Schäfers (Verleger), Bernhard Studlar (Autor und Leiter der wiener wortstaetten).

 

Kommentare (1)Add Comment
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geschrieben von fremdling, 07. September 2009
danke! mal ein gescheiter beitrag zu diesem thema. liest man selten. überhaupt eine schöne seite. aber die filme kann ich nicht gucken, sie laufen bei mir nicht. muss man da was einstellen? bezahlen? anmelden? oder ist meine technik zu schlecht? erklärt das doch mal!

Antwort der Redaktion:
Nein, nichts bezahlen, man braucht nur Flashplayer und Javascript. Laufen denn die Lesungen der Autoren die Sie bei sechs der Beteiligten in der Dramatikerleiste links finden? Viele Grüße, Petra Kohse

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