Freitag, 24. November 2017
 

Podcast Spielstätten

letzte kommentare

dank

| Drucken |

Presserundschau vom 10. September 2009

10. September 2009. "Entspannt und beschädigt" lautet der Titel des Berichts von Stefan Keim (Frankfurter Rundschau, 10.9.) über das Spieltriebe 3 Festival. "Texte und Kompositionen werden in rauen Mengen ausprobiert", und weil das Publikum auf jeder der fünf Routen mindestens drei Aufführungen pro Abend bekomme, "lastet wenig Druck auf der einzelnen Produktion". Die "Spieltriebe" seien noch mehr als frühere Ausgaben ein Entdeckerfestival, so Keim. "Ein Großteil der Stücke beschäftigt sich mit politischen Gegenwartsthemen. Mit filmischem Realismus beschreibe etwa die Kroatin Tena Stivicic Migrantenschicksale in London (...) Sie habe dabei einen ebenso mitfühlenden wie unkitschigen Blick und ein echtes Interesse an Menschen mit problematischen Biographien." Der Niederländer Nathan Vecht wiederum habe eine "geistblitzende Boulevardkomödie mit tollen Dialogen geschrieben. Genau solche unterhaltenden, durchaus schmerzhaften Stücke fehlten dem Theater." Nanine Linning, Leiterin des Osnabrücker Tanztheaters, zeige mit zwei atmosphärisch stimmigen, kraftvollen Choreographien, dass von ihr einiges zu erwarten ist. "Leider aber ist die Hauptinszenierung, die alle sehen, bevor sie in Gruppen zu ihren Routen aufbrechen, der größte Flop. Regisseur Sebastian Hirn wollte Alek Popovs satirischen Roman 'Mission:London' zu einem existenziellen Abgesang auf die Mechanismen der Macht aufblasen. Deshalb stellt er der Literaturadaption Heiner Müllers berühmten Monolog des Manns im Fahrstuhl aus 'Der Auftrag' voraus. Damit verschafft er der Aufführung eine Fallhöhe, die der Abend nie erreicht."

Die "Spieltriebe" in stillgelegten Kasernen spielen zu lassen, besitze, im Sinne eines geeinten Europas, eine große Symbolkraft resümiert Christine Adam in der Osnabrücker Zeitung (7.9.). "Der alte neue Rassismus, wie ihn Nicoleta Esinencu aus der Republik Moldau in 'A(II) Rh+' formuliert, oder Kriegstraumata, die die Figuren in 'Fragile!' der Kroatin Tena Stivicic lähmen, erhalten in einem Offizierskasino oder einer Maschinenhalle makabren Nachdruck." Keine der Inszenierungen und keines der europäischen Stücke sei schwach gewesen, immer ließen sich Pro und Contra mit wenig Frust und viel Lust diskutieren. Selbst Stücke wie das eigenwillige Künstlerdrama "Gott ist Schönheit" würden deutlich machen: Dramatische Fantasie und Energie speisen sich aus anderen Quellen als unsere deutsche – welche Bereicherung für uns.
Fazit: "Was wird bleiben von dieser 'Edition Europa'? Vermutlich die Neugier von Theatermachern, Übersetzern, Zuschauern und Kritikern, welches Stück die Festival-Autoren als nächstes schreiben werden – und ob man es zu sehen bekommt. Neugier sprengt eben Grenzen."

"Ausprobieren!" sei der Rat gewesen, der bei der Podiumsdiskussion "Europatrioten? Europäische Stücke im deutschen Theater" mit auf den Weg gegeben wurde, schreibt Christine Adam (Osnabrücker Zeitung, 7.9.). Modelle, wie europäische Stücke an deutschen Stadttheatern verankert werden könnten, "gibt es offenbar nicht". Fehlenden Übersetzern könne man dieses Phänomen wohl nicht allein anlasten, "die Sprachbarriere sei nicht das einzige Problem, so Andreas Beck, Intendant vom Schauspielhaus Wien. Seine These: Stadttheater müsse auch lokal ausgerichtet sein und fremdsprachiges Theater mit seinen hauseigenen Möglichkeiten integrieren." Mit leicht bitterem Humor habe die Übersetzerin Mirjana Wittmann, gebürtige Serbin, von politisch motivierten Wellenbewegungen berichtet: "Nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien boomten serbische Stücke in Deutschland, weil sie vom Krieg handelten, danach flaute das Interesse an Serbien merklich ab, Afghanistan, Irak oder Iran waren gefragt."

Und Daniel Benedict hat in der Osnabrücker Zeitung (7.9.) mit den beiden Festivalmacherinnen über ihre Bilanz der Spieltriebe gesprochen. "Doch auch wenn der Blick durch hiesige Künstler gefiltert war, ist Schroeder sich sicher: 'Irgendwas kommt durch.' Und das soll gar nicht landeskundliches Lexikonwissen sein. Die Festivalleiterin hatte es nicht auf den didaktischen Mehrwert abgesehen; sie wollte ganz einfach starke Dramatik präsentieren. So reicht es ihr schon, wenn das Publikum nur die eine Lehre aus den Spieltrieben zieht: Auch Finnen schreiben gute Stücke."

 

Kommentare (0)Add Comment

Kommentar schreiben
smaller | bigger

busy