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Austausch, nicht Repräsentation: Kommentar von Christine Richter-Nilsson

Zur Not mit Wörterbuch und Zeichensprache

22. Oktober 2009. Im Oktober wurde ich auf dem Podium der neuen Theaterübersetzer-Plattform DRAMA PANORAMA im Ballhaus-Ost in Berlin mit Schaefersphilippens Beschreibung des internationalen Theateraustauschs konfrontiert. Sie treffen einen wunden Punkt. Das deutsche Stadttheatersystem macht einen internationalen Austausch von neuer Dramatik tatsächlich nicht leicht, verhindert ihn teilweise sogar. Aber das kann man ändern, wenn man will.

Unser System ist so einmalig, aber auch so exklusiv. Es schließt viele theatrale Formen von vornherein aus, auch im eigenen Land. Ein staatlich subventioniertes flächendeckendes Theatersystem wie in Deutschland gibt es ja sonst nirgendwo. In den meisten Ländern findet Theater ganz anders statt, meist in "freien" - besser gesagt "vogelfreien" - Strukturen. So entstehen andernorts vielerlei neue Theaterformen, die nicht immer übertragbar sind auf deutsche Stadttheater. Nicht zufällig werden viele ausländische Produktionen nur auf den freien Bühnen in Berlin, Hamburg und Düsseldorf präsentiert. Die internationale zeitgenössische Dramatik scheint thematisch und formal relativ untauglich fürs Stadttheater zu sein oder für die großen Nationalbühnen und Staatstheater, die die Hochkultur in verschiedenen Ländern repräsentieren.

Aber nicht nur experimentelle Theater- und Textformen, auch viele "richtige Stücke" werden im Ausland in den freien Szenen entwickelt, bzw. zum ersten Mal produziert. In der amerikanischen Theatermetropole ist das besonders evident. Gerade jenseits des kommerziellen Broadway schreiben junge Autoren derzeit die aufregendsten Theaterstücke. Diese neue Dramatik wird in den 99-Plätze-Spielstätten der New Yorker Off-Off-Szene produziert, weitab vom Broadway um den Times Square. Und aus allen Bundesstaaten pilgern junge Stückeschreiber Downtown Manhattan, um in diesem freien Netzwerk ihr Glück zu versuchen. Nur ein Bruchteil dieser welthaltigen, brandaktuellen und brillant geschriebenen Texte haben ihren Weg über den Teich bereits gefunden. Faktisch findet die zeitgenössische amerikanische Dramatik derzeit im deutschen Theater nicht statt.

Schritte über den großen Teich
Schade, denn gerade diese neuen Stücke sagen mehr über Kultur, Geschichte, Gesellschaft und aktuelle Diskurse eines Landes aus, als jeder amerikanische Broadway-Klassiker, der landauf und landab in deutschen Stadttheatern nachgespielt wird und damit auch veraltete Klischeevorstellungen von der Neuen Welt weiter reproduziert. Nichts gegen Edward Albee oder Tennessee Williams, sie sind sehr stadttheatertauglich und überleben sogar jeden neuen LaBute, der zumindest eine Zeitlang für aktuelle Dramatik aus den USA auf deutschen Bühnen sorgte. Umso krasser und abstoßender wirken dagegen manche Stücke aus dem New Yorker Theateruntergrund.

Als internationale Festivalmacherin auf beiden Seiten des Atlantiks suche ich in diesem Sinne also nach dem vermeintlich "stadttheateruntauglichen" Stück, weil ich überzeugt bin, dass in ihm der höchste Anteil an kultureller Wahrheit steckt. Etwa in den Dramen eines Thomas Bradshaw, der sich zwar als Art-Star in der New Yorker Szene einen Namen gemacht hat und von der New York Times als neuer afroamerikanischer Stern am Dramatikerhimmel gefeiert wird, dessen krasse Dekonstruktion von Rassenstereotypen und Verhaltensklischees dennoch nicht so recht in den politisch korrekten Mainstream der Broadway näheren Off-Bühnen passen will.

Austausch ist möglich
Als idealistische Festivalmacherin möchte ich die Gelegenheit nutzen, Marc Schaefers und Tobias Philippen zu widersprechen: ein enger Austausch ist möglich und muss auch mit chinesischen und bulgarischen Autoren möglich sein, zur Not mit dem Englisch-Wörterbuch und einem Übersetzer des Vertrauens an der Seite. Die Rolle des Übersetzers im internationalen Theateraustausch als Scout und Vermittler ist zentral und weitgehend unterschätzt. Seine Rolle zu stärken ist auch Philosophie und Mission von Drama Panorama, der neuen internationalen Plattform für Theater und seine Übersetzer.

Kontakte zu ausländischen Autoren und Autoren müssen langfristig angelegt werden, zu Arbeitsbeziehungen werden, die einen kontinuierlichen Dialog über die kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen in einem anderen Land ermöglichen. Sonst beschränkt sich der internationale Theateraustausch weiterhin auf die einmalige kurzweilige Präsentation von ausländischen Stücken auf Festivals, kommt es im besten Fall zu einer spannenden deutschsprachigen Erstaufführung in der Provinz, die aber überregional nicht wahrgenommen wird und auch die großen Multiplikatoren-Theater in den Hauptstädten nicht erreicht. Zur zweiten Produktion in einer Hauptstadt kommt es ja fast nie, wenn die DSE oder UA bereits in einem kleineren Stadttheater stattfand - auch ein deutsches Stadttheaterphänomen.

Nachhaltigkeit international notwendig
Der internationale Theateraustausch darf sich nicht nur auf den Import-Export von Kulturprodukten beziehen, sondern muss auch einen Austausch über die Kulturen beinhalten, in denen diese Inszenierungen entstehen. Das schließt auch einen offenen Dialog über andere Sicht- und Arbeitsweisen ein. Und zur Not auch ein Aufwärmekurs in Englisch. Das versucht das Festival VOICES OF CHANGE am Theater Bielefeld, indem es nicht nur die Stücke, sondern auch ihre Schöpfer einlädt, eine Woche lang gemeinsam mit den Regisseuren, Schauspielern und Übersetzern an der Einrichtung der Stücke zu arbeiten und bei einem Herforder oder Heineken auch über Sicht- und Arbeitsweisen zu streiten. Und das Theater Bielefeld lädt auch ein zweites Mal ein. Drei von acht im ersten Festival VOICES FROM UNDERGROUNDZERO im Oktober 2008 vorgestellten Stücke erhalten am kooperierenden Schlosstheater Moers und am Theater Bielefeld ihre Deutschsprachigen Erstaufführungen. So findet in den Städten eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit bestimmten amerikanischen Autoren statt. Internationaler Theateraustausch muss auf Nachhaltigkeit zielen.

Auch hier ist weniger viel mehr. Das gilt auch für den Export von deutschen Stücken ins Ausland. Wir müssen weg von einer Kultur des schnellen Hypes und einmaligen Events hin zu einer langfristigen Bindung von Theatern und Regisseuren an internationale Autoren und Übersetzer, die als Sprachrohre ihrer Kulturen unsere etwas starr gewordenen, zum Teil elitären Stadttheater befruchten. Ich plädiere für Deutschland als Einwanderungsland auch für Theater. Sonst werden wir irgendwann nur noch im eigenen Hochkultursaft verschmoren während der Theaterpunk woanders abgeht.

Christine Richter-Nilsson ist künstlerische Leiterin von VOICES OF CHANGE am Theater Bielefeld


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