Freitag, 17. August 2018
 

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Stückporträt A (II) RH +

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Stückporträt A (II) RH +
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Sie ist eine Kamera

von Petra Kohse

heute/ schmeißt du die einkaufsliste weg/ die dir deine frau in die tasche steckt/ jede woche//
du machst dir eine neue liste/ ipod/ englisch/ hanteln/ stilles wasser/ proteine//
du sagst zu deiner frau/ wir sind das größte volk der erde
/ich weiß es/ wir wissen es/ alle welt weiß es!

Die Theatertexte von Nicoleta Esinencu liest man nicht einfach so geräuschlos weg. Sie wollen laut gesprochen werden, mehrfach, immer wieder. Schon mit den ersten Worten von "A (II) RH +" (sprich: A zwei Rhesus positiv, deutsch von Georg Aescht) ist der Sound da: Der Rhythmus. Die Direktheit, mit der man in ein fremdes Leben hineingeschubst wird, als ginge es einen tatsächlich etwas an. Und die unpathetische Dringlichkeit, die sich aus der Mischung von Alltäglichem mit Unerhörtem ergibt.

Du bist 10/ und die Lehrerin wiederholt ständig, dass du/ eine dumme Kuh bist/ weil du wieder deine Hausaufgaben nicht gemacht hast/ und sie schlägt dir mit dem Lineal auf die Finger/ und sagt dir, dass du bestraft wirst//
vor dir hast du ein Blatt Papier liegen/ auf das du wieder schreiben wirst/ einen Friedensbrief (...).

Identitätskrisengeschüttelt, kriegserfahren und bettelarm
Das ist der Anfang von "Gegenmittel" (Antidot, 2008, deutsch von Maria Neacsu), ein Text über den Transnistrienkonflikt, der die moldauische Bevölkerung in den Jahren nach dem Mauerfall ungleich mehr berührte als jener und dafür gesorgt hat, dass noch heute russisches Militär in der Region ist. Oder "Fuck you, Eu.ro.Pa!", Nicoleta Esinencus bekanntestes Stück (2005, deutsch von Helga Kopp), das formal spielerischer, aber inhaltlich umso schneidender mit den Worten beginnt: "Papa, ich muss dir etwas sagen". Und dann folgen Schlag auf Schlag 30 Krankheitsnamen: von A wie Adipsie (Durstlosigkeit) bis V wie Verkalkung – pathologisierende Pfosten, auf denen sich die Erzählung vom Erwachsenwerden in der obszönen Leere einer Umbruchsgesellschaft erhebt: irgendwie nicht mehr sowjetisch, aber im Grunde auch nichts anderes.

Heute. Du. Papa. Raffiniert harmlos beginnt Nicoleta Esinencu ihre suggestiv rhythmisierten Suaden, mit denen sie die Wirklichkeit so perfide beschreibt, wie sie sie erfährt. Nicoleta Esinencu, das ist: Eine Dramatikerin aus der Republik Moldau, 1978 in der Hauptstadt Chişinău geboren und dort auch immer noch oder besser immer wieder lebend, obwohl sie da wenig Arbeitsmöglichkeiten hat. Und die sogenannte Wirklichkeit ist hier: eine postsowjetische, gleichwohl kommunistisch regierte, randeuropäische, vielfach identitätskrisengeschüttelte, kriegserfahrene und bettelarme.

Markante Botin vom explosiven Rand
Man kann dies, wenn die Vor-Ort-Erfahrung fehlt, in Büchern nachlesen, etwa im Moldau-Kapitel des 2008 erschienenen Geopolitik-Bandes Die Europäische Union, Russland und Eurasien. Oder in Chişinău – eine Stadt der Kopfschmerzen!, ein Beitrag, den Nicoleta Esinencu 2006 für eine Publikation des Projekts Relations verfasste. Es steht aber eben auch unmissverständlich in ihren Texten fürs Theater.

Und deren formbewusste Avanciertheit bei bestürzendem Wirklichkeitsgehalt ist es wohl, die dazu geführt hat, dass die rumänischsprachige Dramatikerin mit den braunen Locken und der freundlichen rauhen Stimme in Westeuropa als markante Botin vom explosiven Rand geradezu gierig aufgenommen und seit 2003 in Deutschland und Frankreich mit zahlreichen Stipendien und Projektaufenthalten bedacht wurde.

Wobei "Fuck you, Eu.ro.Pa!" auch in mehreren Städten der Republik Moldau gezeigt worden ist und dort selbst nach parlamentarischen Protesten weiterhin gezeigt werden darf, wenngleich unter dem Titel "Stopp Europa" und nur für Besucher ab 16 Jahren. Es ist also nicht so, dass Nicoleta Esinencu in ihrem eigenen Land komplett unterdrückt würde. Vielmehr spielen, wie sie im Gespräch sagt, "Künstler in Moldau einfach keine Rolle". Über "Gegenmittel" etwa, eine Auftragsarbeit für das After the Fall-Projekt des Goethe-Instituts, die im November letzten Jahres in Chişinău herauskam, wurde vor Ort einfach nicht geschrieben.