Donnerstag, 21. Juni 2018
 

Podcast Spielstätten

letzte kommentare

dank

| Drucken |

Theaterlandschaft Republik Moldau

Beitragsseiten
Theaterlandschaft Republik Moldau
Seite 2
Alle Seiten

Weitere wichtige Vertreter sind Dumitru Crudu, Constantin Cheianu, Val Butnaru, Nicolae Negru, Irina Nechit, zugleich als Schriftsteller, Dichter oder Journalisten tätig.
Dumitru Crudu (* 1967) ist neben Nicoleta Esinencu der erfolgreichste und produktivste moldauische Dramatiker. Zahlreiche seiner Werke wurden auch ins Deutsche übersetzt; u.a. "Das blutige Verbrechen aus Bad Veilchenau", "Die Wahl des Alexandru Sutto", "Das siebte Kafana" (ein Text, der in Zusammenarbeit mit Nicoleta Esinencu und Mihai Fusu entstand), "Niemandsmenschen", "Bratschekonzert für Hunde". Crudus umfangreiches dramatisches Werk ist in der unmittelbaren Realität verankert. Der Autor variiert seine Themen von Stück zu Stück: der kaum kontrollierbare Medieneinfluss, die Migrationsversuche und das damit verbundene Elend, die Flüchtlingskatastrophe u.v.m.

Nach mehr als zehn Werken feiert Constantin Cheianu (* 1959) mit "Im Container" und "Volodea, Volodea (Stück im Rap Stil)" große Erfolge bei Kritik und Publikum. Während im ersten Text die Migration der jungen Generation in den "Erfolg versprechenden" Westen behandelt wird, durchleuchtet der Autor im zweiten Stück das Thema, das mehrere Länder des ehemaligen Ostblocks plagt: die Korruption. Umso erstaunlicher ist es, dass dieses Stück 2009 in der Republik Moldau unter dem Titel "Made in Moldova" und im Nachbarland Rumänien als "Made in Est" aufgeführt wird.

Die Vergangenheit ist tabu
Weniger bekannt im Ausland, jedoch nicht weniger aktiv, ist Val Butnaru (*1955). In den letzten 25 Jahren hat er über zehn Stücke geschrieben. Ähnlich wie bei seinen Kollegen, basieren seine Texte auf wahren Erlebnissen seiner Mitmenschen und sind von lokalen Ereignissen inspiriert. So enthüllt Butnaru in "Fotos mit unsichtbaren Clowns" die Krise der Freiheit und menschlichen Würde in einer Gesellschaft, in der Demut und Kompromisse vorherrschen. Während Nicolae Negru (* 1948) u.a. die Problematik des moldauischen Dorfes thematisiert ("Das Tier"), verstehen sich Irina Nechits (*1962) Texte als Kampfansage an die Veränderungen der Übergangszeit, die die Grundlagen der Gesellschaft erschüttern ("Der Affe im Bad").

Dennoch ist nirgends eine Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit des Landes, der Hungersnot und den Massendeportationen zu finden. Larisa Turea (* 1952), eine Journalistin, Theater- und Filmkritikerin, ist die erste, die mit ihrem "Buch der Hungersnot" einen Schritt in diese Richtung wagte. Die Studie diente als Textvorlage zu einem Hörspiel, das nach einer Lesung in einer der diesjährigen Sitzungen des "Atelier für zeitgenössische Dramatik" (ADC) entstand. Ein waghalsiges Unternehmen in einem Land, das immer wieder durch politische Unruhen Schlagzeilen macht.

Das ADC, das jede Saison im kleinen Saal des Nationaltheaters Mihai Eminescu stattfindet, versteht sich als Plattform zum Austausch von Ideen und Erfahrungen, als ein Raum, in dem versucht wird, durch Lesungen einen direkten Kontakt zwischen Theaterschriftstellern und Entscheidungsträgern zu vermitteln. Dabei wird auch die Zusammenarbeit zwischen Schauspieler und Regisseur in Anwesenheit des Autors verstärkt. Leider kam es während des neunjährigen Bestehens des ADC nie zu einer Inszenierung der im ADC aufgeführten Stücke im Nationaltheater und die anderen Theaterhäuser benötigten manchmal bis zu vier Jahre dafür.

Entwicklung aufgrund des Engagements von Einzelnen
Obwohl die nationale Gegenwartsdramatik durchaus lebendig ist, taucht sie in den Spielplänen der einheimischen Theaterhäuser möglichst selten auf. Die Direktoren, die bei den meisten Stücken größtenteils auch Regie führen, lehnen die neuen Texte aus angeblichem Geldmangel ab oder weil sie keine Garantie für eine Teilnahme an internationalen Festivals böten. Diesen Zustand versuchte das Satiricus Theater, auch "Theater des sozialen Realismus" genannt, zu ändern. Außer national-rumänischsprachiger Klassiker (wie z.B. I.L. Caragiale), hatte sich der Direktor und alleinige Regisseur des Hauses, Alexandru Grecu, zum Ziel gesetzt, Gegenwartsdramatiker aufzuführen. So fand im Dezember 2008 die erste Auflage des Festivals dieses Theaters statt, als Ergebnis eines dreijährigen Projektes, das ausschließlich der moldauischen Dramatik gewidmet war. Sieben Texte von Autoren zwischen vierzig und siebzig Jahren, wurden gezeigt.

Der wahrscheinlich bedeutendste Motor, der die Entwicklung der heutigen moldauischen Theaterszene angetrieben hat, ist Petru Vutcarau. 1991 hat er das Eugène Ionesco Theater, dessen Direktor er auch heute noch ist, ins Leben gerufen. Vutcaraus moderne und provokative Inszenierungen, vor allem der rumänischstämmigen Franzosen wie Ionesco und Visniec, in einer laborähnlichen Atmosphäre, haben zu einer ästhetischen Änderung in der Theaterszene geführt. International anerkannt als Regisseur und Schauspieler, gelang es ihm auch durch die Organisierung des internationalen und äußerst umfangreichen Festivals BITEI, Künstler aus aller Welt nach Chişinău zu locken und somit einen Anschluss der Republik Moldau an die Weltszene zu schaffen. Nicht ohne Grund wurde Petru Vutcaru 2009 als einer der Kandidaten zum "Europa-Preis für das Theater" nominiert.

Hier geht es zu den Texten über Nicoleta Esinencu


Kommentare (1)Add Comment
...
geschrieben von moldauer, 07. November 2009
vielen dank für diesen text. darüber erfährt man in deutschland ja eigentlich nie etwas. ich bin sehr dankbar, dass das hier eine ausnahme ist.

Kommentar schreiben
smaller | bigger

busy