Montag, 25. September 2017
 

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Theaterlandschaft Republik Moldau

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Die Exotik der Gegenwart

von Irina Wolf

Die Republik Moldau, ein Land mit dreieinhalb Millionen Einwohnern, ist ein junger Staat in Südosteuropa, zwischen Rumänien und der Ukraine, hervorgegangen aus dem Zerfall der Sowjetunion. Historisch hat es rumänische Wurzeln. Die zu hundertprozentig staatliche Theaterlandschaft ist hauptsächlich in der Hauptstadt Chişinău konzentriert, mit knapp über siebenhunderttausend Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt des Landes. Etwa zehn Repertoiretheater mit fixem Ensemble, unter anderem die vier wichtigsten Theaterhäuser, zwei Puppentheater und das Nationale Opern- und Balletttheater, alle mit Aufführungen in der Landessprache Rumänisch, sind hier anwesend. Zusätzlich gibt es zwei Theater mit Vorführungen in russischer Sprache sowie ein Kultur- und Kunstzentrum mit dem Namen "Ginte latina": "lateinischen Ursprungs".

Jeweils ein großes Theaterhaus im Norden der Republik Moldau, in Balti, der nach Chişinău zweitgrößten Stadt, und in der Ortschaft Cahul, im Süden, sowie ein russischsprachiges Theater im Osten, in Tiraspol in Transnistrien, vervollständigen die Spielstättenlandschaft des Landes. (Wobei Transnistrien genau genommen nicht zu Moldau zählt: der östliche Landstrich an der Grenze zur Ukraine hat 1992 seine Unabhänigkeit erklärt, wird aber international nicht anerkannt.) Das Kultur- und Tourismusministerium und die jeweiligen Stadtverwaltungen teilen sich die Zuständigkeiten der Landesbühnen.

Montags geöffnet!
Diese starre Theaterstruktur erlaubt wenig Raum für Experimente. So kann man auch heute noch von keiner richtigen, gut artikulierten Theaterbewegung sprechen. Seit der Auflösung der UdSSR 1991 gab es viele vergebliche Versuche, ein unabhängiges Theater zu schaffen. Aus Kostengründen hat keines mehr als zwei Jahre überlebt. Erst soeben wurde, Anfang März 2009, im Keller eines der wichtigsten Schauspielhäuser in Chişinău das überhaupt erste freie Theater eröffnet. Initiator dieses neuen Theaters, genannt "Projekt 513" nach dem gastierenden Club 513, ist Mihai Fusu, Regisseur, Schauspieler und Theaterprofessor.

Die von dem fünfzigjährigen international anerkannten Künstler gewagten Bestrebungen sind durch eine grundsätzliche Offenheit und Neugier dem Neuen gegenüber geprägt. Schon 1996 hatte er einen ersten Versuch eines Ateliers für Gegenwartsdramatik gestartet und 2006 die unabhängige Theatergruppe "Theater eines Schauspielers" gegründet. Die Idee des Projektes 513 ist es, in einer Theaterlandschaft, in der am Montag alle Theater geschlossen haben, das Publikum genau an diesem Tag ins Theater zu locken – sei es durch Vorträge von Gedichten, Lesungen oder Aufführungen (wie z.B. Neil LaButes "Bash" oder "Engelbande").

Menschenhandel und andere Alltagsprobleme
Auch das METT (Mobile European Trailer Theatre) der Jungautorin Nicoleta Esinencu sei hier noch erwähnt, eine unabhängige Künstlergruppe, die 2007 entstand, eher als ein internationales Experiment betrachtet wird und bisher eine einzige Premiere in Chişinău hatte: "Antidot" im November letzten Jahres, eine Produktion im Rahmen des After the Fall-Projektes des Goethe-Instituts, die in der Republik Moldau als einigermaßen exotisch empfunden wurde.

Drama und Theaterleben standen bis 1991 im Zeichen der Tradition. Insbesondere klassische Autoren wie Shakespeare, Molière, Tschechow, Gogol standen auf dem Spielplan moldauischer Theaterhäuser. Erst danach konnten auch jüngere, bis dahin verbotene Autoren inszeniert werden und wendete sich die Theatersprache radikal vom Metaphorischen ab. Nicoleta Esinencu (* 1978) hat den in Westeuropa wohl bekanntesten Name der moldauischen Gegenwartsdramatik. Und das nicht nur, weil ihre Stücke (u.a. "FUCK YOU Eu.ro.Pa!", "Zuckerfrei", "Face control", "Moldova Camping") in den letzten fünf Jahren in Deutschland aufgeführt wurden. Ihre Texte sind stark politisch und sozial orientiert und behandeln Themen wie Diskriminierung oder organisierten Menschenhandel.