Sonntag, 22. Juli 2018
 

Podcast Spielstätten

letzte kommentare

dank

| Drucken |

Theaterlandschaft Republik Moldau

Beitragsseiten
Theaterlandschaft Republik Moldau
Seite 2
Alle Seiten

Die Exotik der Gegenwart

von Irina Wolf

Die Republik Moldau, ein Land mit dreieinhalb Millionen Einwohnern, ist ein junger Staat in Südosteuropa, zwischen Rumänien und der Ukraine, hervorgegangen aus dem Zerfall der Sowjetunion. Historisch hat es rumänische Wurzeln. Die zu hundertprozentig staatliche Theaterlandschaft ist hauptsächlich in der Hauptstadt Chişinău konzentriert, mit knapp über siebenhunderttausend Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt des Landes. Etwa zehn Repertoiretheater mit fixem Ensemble, unter anderem die vier wichtigsten Theaterhäuser, zwei Puppentheater und das Nationale Opern- und Balletttheater, alle mit Aufführungen in der Landessprache Rumänisch, sind hier anwesend. Zusätzlich gibt es zwei Theater mit Vorführungen in russischer Sprache sowie ein Kultur- und Kunstzentrum mit dem Namen "Ginte latina": "lateinischen Ursprungs".

Jeweils ein großes Theaterhaus im Norden der Republik Moldau, in Balti, der nach Chişinău zweitgrößten Stadt, und in der Ortschaft Cahul, im Süden, sowie ein russischsprachiges Theater im Osten, in Tiraspol in Transnistrien, vervollständigen die Spielstättenlandschaft des Landes. (Wobei Transnistrien genau genommen nicht zu Moldau zählt: der östliche Landstrich an der Grenze zur Ukraine hat 1992 seine Unabhänigkeit erklärt, wird aber international nicht anerkannt.) Das Kultur- und Tourismusministerium und die jeweiligen Stadtverwaltungen teilen sich die Zuständigkeiten der Landesbühnen.

Montags geöffnet!
Diese starre Theaterstruktur erlaubt wenig Raum für Experimente. So kann man auch heute noch von keiner richtigen, gut artikulierten Theaterbewegung sprechen. Seit der Auflösung der UdSSR 1991 gab es viele vergebliche Versuche, ein unabhängiges Theater zu schaffen. Aus Kostengründen hat keines mehr als zwei Jahre überlebt. Erst soeben wurde, Anfang März 2009, im Keller eines der wichtigsten Schauspielhäuser in Chişinău das überhaupt erste freie Theater eröffnet. Initiator dieses neuen Theaters, genannt "Projekt 513" nach dem gastierenden Club 513, ist Mihai Fusu, Regisseur, Schauspieler und Theaterprofessor.

Die von dem fünfzigjährigen international anerkannten Künstler gewagten Bestrebungen sind durch eine grundsätzliche Offenheit und Neugier dem Neuen gegenüber geprägt. Schon 1996 hatte er einen ersten Versuch eines Ateliers für Gegenwartsdramatik gestartet und 2006 die unabhängige Theatergruppe "Theater eines Schauspielers" gegründet. Die Idee des Projektes 513 ist es, in einer Theaterlandschaft, in der am Montag alle Theater geschlossen haben, das Publikum genau an diesem Tag ins Theater zu locken – sei es durch Vorträge von Gedichten, Lesungen oder Aufführungen (wie z.B. Neil LaButes "Bash" oder "Engelbande").

Menschenhandel und andere Alltagsprobleme
Auch das METT (Mobile European Trailer Theatre) der Jungautorin Nicoleta Esinencu sei hier noch erwähnt, eine unabhängige Künstlergruppe, die 2007 entstand, eher als ein internationales Experiment betrachtet wird und bisher eine einzige Premiere in Chişinău hatte: "Antidot" im November letzten Jahres, eine Produktion im Rahmen des After the Fall-Projektes des Goethe-Instituts, die in der Republik Moldau als einigermaßen exotisch empfunden wurde.

Drama und Theaterleben standen bis 1991 im Zeichen der Tradition. Insbesondere klassische Autoren wie Shakespeare, Molière, Tschechow, Gogol standen auf dem Spielplan moldauischer Theaterhäuser. Erst danach konnten auch jüngere, bis dahin verbotene Autoren inszeniert werden und wendete sich die Theatersprache radikal vom Metaphorischen ab. Nicoleta Esinencu (* 1978) hat den in Westeuropa wohl bekanntesten Name der moldauischen Gegenwartsdramatik. Und das nicht nur, weil ihre Stücke (u.a. "FUCK YOU Eu.ro.Pa!", "Zuckerfrei", "Face control", "Moldova Camping") in den letzten fünf Jahren in Deutschland aufgeführt wurden. Ihre Texte sind stark politisch und sozial orientiert und behandeln Themen wie Diskriminierung oder organisierten Menschenhandel.


Weitere wichtige Vertreter sind Dumitru Crudu, Constantin Cheianu, Val Butnaru, Nicolae Negru, Irina Nechit, zugleich als Schriftsteller, Dichter oder Journalisten tätig.
Dumitru Crudu (* 1967) ist neben Nicoleta Esinencu der erfolgreichste und produktivste moldauische Dramatiker. Zahlreiche seiner Werke wurden auch ins Deutsche übersetzt; u.a. "Das blutige Verbrechen aus Bad Veilchenau", "Die Wahl des Alexandru Sutto", "Das siebte Kafana" (ein Text, der in Zusammenarbeit mit Nicoleta Esinencu und Mihai Fusu entstand), "Niemandsmenschen", "Bratschekonzert für Hunde". Crudus umfangreiches dramatisches Werk ist in der unmittelbaren Realität verankert. Der Autor variiert seine Themen von Stück zu Stück: der kaum kontrollierbare Medieneinfluss, die Migrationsversuche und das damit verbundene Elend, die Flüchtlingskatastrophe u.v.m.

Nach mehr als zehn Werken feiert Constantin Cheianu (* 1959) mit "Im Container" und "Volodea, Volodea (Stück im Rap Stil)" große Erfolge bei Kritik und Publikum. Während im ersten Text die Migration der jungen Generation in den "Erfolg versprechenden" Westen behandelt wird, durchleuchtet der Autor im zweiten Stück das Thema, das mehrere Länder des ehemaligen Ostblocks plagt: die Korruption. Umso erstaunlicher ist es, dass dieses Stück 2009 in der Republik Moldau unter dem Titel "Made in Moldova" und im Nachbarland Rumänien als "Made in Est" aufgeführt wird.

Die Vergangenheit ist tabu
Weniger bekannt im Ausland, jedoch nicht weniger aktiv, ist Val Butnaru (*1955). In den letzten 25 Jahren hat er über zehn Stücke geschrieben. Ähnlich wie bei seinen Kollegen, basieren seine Texte auf wahren Erlebnissen seiner Mitmenschen und sind von lokalen Ereignissen inspiriert. So enthüllt Butnaru in "Fotos mit unsichtbaren Clowns" die Krise der Freiheit und menschlichen Würde in einer Gesellschaft, in der Demut und Kompromisse vorherrschen. Während Nicolae Negru (* 1948) u.a. die Problematik des moldauischen Dorfes thematisiert ("Das Tier"), verstehen sich Irina Nechits (*1962) Texte als Kampfansage an die Veränderungen der Übergangszeit, die die Grundlagen der Gesellschaft erschüttern ("Der Affe im Bad").

Dennoch ist nirgends eine Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit des Landes, der Hungersnot und den Massendeportationen zu finden. Larisa Turea (* 1952), eine Journalistin, Theater- und Filmkritikerin, ist die erste, die mit ihrem "Buch der Hungersnot" einen Schritt in diese Richtung wagte. Die Studie diente als Textvorlage zu einem Hörspiel, das nach einer Lesung in einer der diesjährigen Sitzungen des "Atelier für zeitgenössische Dramatik" (ADC) entstand. Ein waghalsiges Unternehmen in einem Land, das immer wieder durch politische Unruhen Schlagzeilen macht.

Das ADC, das jede Saison im kleinen Saal des Nationaltheaters Mihai Eminescu stattfindet, versteht sich als Plattform zum Austausch von Ideen und Erfahrungen, als ein Raum, in dem versucht wird, durch Lesungen einen direkten Kontakt zwischen Theaterschriftstellern und Entscheidungsträgern zu vermitteln. Dabei wird auch die Zusammenarbeit zwischen Schauspieler und Regisseur in Anwesenheit des Autors verstärkt. Leider kam es während des neunjährigen Bestehens des ADC nie zu einer Inszenierung der im ADC aufgeführten Stücke im Nationaltheater und die anderen Theaterhäuser benötigten manchmal bis zu vier Jahre dafür.

Entwicklung aufgrund des Engagements von Einzelnen
Obwohl die nationale Gegenwartsdramatik durchaus lebendig ist, taucht sie in den Spielplänen der einheimischen Theaterhäuser möglichst selten auf. Die Direktoren, die bei den meisten Stücken größtenteils auch Regie führen, lehnen die neuen Texte aus angeblichem Geldmangel ab oder weil sie keine Garantie für eine Teilnahme an internationalen Festivals böten. Diesen Zustand versuchte das Satiricus Theater, auch "Theater des sozialen Realismus" genannt, zu ändern. Außer national-rumänischsprachiger Klassiker (wie z.B. I.L. Caragiale), hatte sich der Direktor und alleinige Regisseur des Hauses, Alexandru Grecu, zum Ziel gesetzt, Gegenwartsdramatiker aufzuführen. So fand im Dezember 2008 die erste Auflage des Festivals dieses Theaters statt, als Ergebnis eines dreijährigen Projektes, das ausschließlich der moldauischen Dramatik gewidmet war. Sieben Texte von Autoren zwischen vierzig und siebzig Jahren, wurden gezeigt.

Der wahrscheinlich bedeutendste Motor, der die Entwicklung der heutigen moldauischen Theaterszene angetrieben hat, ist Petru Vutcarau. 1991 hat er das Eugène Ionesco Theater, dessen Direktor er auch heute noch ist, ins Leben gerufen. Vutcaraus moderne und provokative Inszenierungen, vor allem der rumänischstämmigen Franzosen wie Ionesco und Visniec, in einer laborähnlichen Atmosphäre, haben zu einer ästhetischen Änderung in der Theaterszene geführt. International anerkannt als Regisseur und Schauspieler, gelang es ihm auch durch die Organisierung des internationalen und äußerst umfangreichen Festivals BITEI, Künstler aus aller Welt nach Chişinău zu locken und somit einen Anschluss der Republik Moldau an die Weltszene zu schaffen. Nicht ohne Grund wurde Petru Vutcaru 2009 als einer der Kandidaten zum "Europa-Preis für das Theater" nominiert.

Hier geht es zu den Texten über Nicoleta Esinencu


Kommentare (1)Add Comment
...
geschrieben von moldauer, 07. November 2009
vielen dank für diesen text. darüber erfährt man in deutschland ja eigentlich nie etwas. ich bin sehr dankbar, dass das hier eine ausnahme ist.

Kommentar schreiben
smaller | bigger

busy