Mittwoch, 20. Juni 2018
 

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Stückporträt Meine Seele anderswo

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Stückporträt Meine Seele anderswo
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Das Land gehört der Frau

von Sabine Leucht

Vielleicht ist es das Wissen um die Herkunft des Autors, das einen von der ersten Szene an die Hitze und Trockenheit spüren lässt, die die südlichste Region auf dem spanischen Festland im Sommer prägt. Durch José Manuel Moras knappes Familienporträt "Mi alma en otra parte" (Meine Seele anderswo) weht nicht einmal der Hauch einer erfrischenden Brise, die in Andalusien, wo der Autor 1978 in Sevilla geboren wurde, vom Atlantik oder vom Mittelmeer kommen könnte. Eher ist es der Staub aus dem ebenfalls nahen Afrika, der das Stückpersonal und dessen Gefühle förmlich beschwert. Ganz als seien im Land des Flamenco und des Stierkampfes die Erde, das Blut und der Tod (ge)wichtiger als anderswo. Oder näher.

Die Stimmung ist gedrückt, die Vergänglichkeit allgegenwärtig in jenen sechs kammerspielartigen Szenen, die zwei Schauplätze – ein altes Haus und einen Olivenhain mit Schuppen –, drei Generationen und ein gutes Jahrzehnt umspannen. Darauf jedenfalls kommt der Leser, der rechnet, doch in "Meine Seele anderswo" ist das Verhältnis zur Zeit zumindest eigenwillig. Erzählt wird gleichsam aus der Perspektive der Ewigkeit, in der es auf ein paar Jahre mehr oder weniger nicht ankommt.

Kranke Hunde, bitterer Kaffee
Und auch nicht mehr so sehr auf Details. Die Szenen halten sich nicht lange mit naturalistischen Insignien der Verzweiflung auf: Eine Menge kranker Hunde, schwarzer, bitterer Kaffee – sonst gibt es hier nicht viel. Alles, was diese Menschen sind, tragen sie in sich. Alles von Bedeutung ist in ihrem Leben bereits passiert. Ehen sind ohne Liebe als vermeintliche Auswege aus anderen Sackgassen entstanden und so geht es weiter. Wenn das Schicksal ein Virus ist, ist dieser Clan infiziert.

Das erste Unbehagen bei der Begegnung mit Moras atmosphärisch dichtem Text rührt von dem fatalistischen Grundtenor her, der die Gefühle aller Figuren beständig auf niedriger Flamme köcheln lässt. Bald sehnt sich der Familienmensch im Leser nach dem Ungleichgewicht der Temperamente zuhause und nach dem reinigenden Gewitter des Streits. Doch zumindest gibt es irgenwann eine Träne im Auge eines Sterbenden.

"Mi alma" ist eine für einen 31-Jährigen seltsam abgeklärte Arbeit, die Verletzungen protokolliert – meist nüchtern, manchmal raunend, aber immer präzise –, und dabei von Szene zu Szene Jahre oder Tage verstreichen lässt. Die Bilder dazwischen liefern ausnahmslos Nahaufnahmen, in denen jede der fünf Figuren einmal mit fast jeder anderen alleine ist: Der "ältere Mann" mit der "älteren Frau", mit seinem Sohn, seiner Schwiegertochter, deren Tochter und seinem Lieblingshund, der "junge Mann" mit seiner Frau und seinem Vater, die "junge Frau" mit ihrem Mann, dem "älteren Mann" und ihrer Tochter.

Dein Körper, um zwanzig Jahre älter
Im andeutungsvollen Zwiegespräch, das zuweilen aus parallel geführten Monologen besteht, entblättern sich allmählich die Beziehungen und ihr Geheimnis, das nur auf den ersten Blick dunkel erscheint: Die erotische Beziehung des "älteren Mannes" Antonio mit einem zehnjährigen Mädchen, das später seine Schwiegertochter wird. Sein Sohn ist schauend und für die Zukunft lernend immer mit dabei gewesen – und kommt auch als Ehemann über diese passive Rolle nie hinaus. Aber er muss sich schließlich auch Sachen sagen lassen wie diese: "Ich stelle mir deinen Körper um zwanzig Jahre älter vor, sein Gesicht in deinen gealterten Zügen, und bitte dich, mich im Halbschlaf zu ficken."