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Theaterlandschaft Belgien

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Die Sprache der Anderen

von Georg Weinand

Es ist ein mehrsprachiges Erlebnis, sich in Brüssel eine Hollywood-Produktion im Kino zu gönnen. Alle amerikanischen Filme laufen im Original und sind zudem doppelt untertitelt: in Französisch und Niederländisch. Die belgische Hauptstadt ist bi-kulturell, zwei-gemeinschaftlich, weil die beiden großen Kulturgemeinschaften des Landes in Brüssel zugegen sind: die französisch-romanische Kultur der Wallonen und die niederländisch-germanische Kultur der Flamen.

Wegen der doppelten Untertitelung ändert sich der Text schnell, was dem visuell geschulten belgischen (Film-)Theaterbesucher allerdings keine Probleme bereitet: Die (gesprochene) Sprache ist auch auf Belgiens Bühnen immer nur ein Mittel unter vielen (mitunter ein politisches). So selbstverständlich wie andernorts Shakespeare, Goldoni oder Schiller als kulturelle Referenzen gelten, ist man hier mit visuellen Künstlern wie den Malerbrüdern Van Eyck, dem Comiczeichner Hergé und René Magritte vertraut.

"Belgisch" gibt es nicht
Belgien wurde 1830 je nach Quelle als Folge einer Opernaufführung mit anschließendem "Volksaufstand" oder kalkulierter Europapolitik gegründet: Es sollte ein geographischer Puffer zwischen den rivalisierenden Großmächten entstehen. Bis heute gilt: Belgien ist ein Staat ohne eine einheitliche Sprache. "Belgisch" gibt es nicht.

Die Bewohner der drei Kulturgemeinschaften (Flandern mit rund 6 Millionen Einwohner, Wallonien mit 4,5 Millionen und die kleine deutschsprachige Gemeinschaft im Osten des Landes mit nur 70.000 Bewohnern) sprechen Niederländisch, Französisch und Deutsch. Das belgische Staatsgefüge ist deshalb so kompliziert, weil das Land nach Sprachen in drei Kulturgemeinschaften geteilt ist, gleichzeitig aber auch geographisch in Regionen: die Flämische Region, die Wallonische Region und die Region Brüssel ("Regionen", "Gemeinschaften" und der Nationalstaat haben jeweils eigene Parlamente mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen; nur Flandern hat pragmatisch "Region" und "Gemeinschaft" offiziell fusioniert). Die politische Allianz unterschiedlicher Kulturgruppen mutierte aufgrund anhaltender schwelender Konflikte zum institutionalisierten Wirrwarr. Besonders sichtbar wird das in Brüssel, das zu über 80 Prozent frankophon ist, aber inmitten flämischen Gebiets liegt...

Bei allem, was weiter als das 19. Jahrhundert zurückreicht, haben die Bewohner des Königreiches unterschiedliche Wurzeln. In den Schulen des Landes ist die erste offizielle Fremdsprache mittlerweile Englisch und nicht mehr eine der Sprachen der Landesgenossen. Regelmäßig wird das Fernsehen der Nachbarländer gesehen. Das erklärt, warum die Politik die Kultur für eine Angelegenheit hält, in die es sich zu investieren lohnt. Die 'flämische Welle' der achtziger und neunziger Jahre mit innovativem Tanz und anderen dramatischen Mischformen ist eine Folge davon.

Offene Kooperationsformen
Im Zuge mehrerer Staatsreformen wurde die Zuständigkeit für 'personengebundene Lebensbereiche' (unter anderem Ausbildung und Kultur) seit 1975 an die Kulturgemeinschaften Flandern, Wallonien und die kleine deutschsprachige Gemeinschaft direkt übertragen. In Flandern etwa beurteilen verschiedene Fachkommissionen regelmäßig die Pläne der Künstler und kulturellen Einrichtungen des Sektors und geben Empfehlungen an den Minister ab, der die Höhe der Zuschüsse projektgebunden, für zwei Jahre oder vier Jahre festlegt. Dieses Vorgehen basiert auf dem niederländischen Vorbild, wobei dort inzwischen auch die Mittelvergabe dezentralisiert wurde.