Sonntag, 19. August 2018
 

Podcast Spielstätten

letzte kommentare

dank

| Drucken |

Theaterlandschaft Belgien

Beitragsseiten
Theaterlandschaft Belgien
Seite 2
Seite 3
Alle Seiten

Die Veranstaltungshäuser sind in drei Kategorien eingeteilt: Es gibt werkplaatsen (Produktion innovativer Kunst), kunstcentra (Produktion und Präsentation innovativer Kunst) und cultureel centra (Präsentationsstätten für ein breites Publikum). Internationale Koproduktionen sind die Regel, und auch die drei großen "städtischen Bühnen" (NTGent, Tonneelhuis Antwerpen und die Koninklijke Vlaamse Schouwburg Brussel/KVS) haben offene Kooperationsformen entwickelt. Lediglich die Oper, einige Museen und das flämische Orchester bestehen als große, autonome Einrichtungen. Ansonsten gibt es nicht nur im Künstlerbiotop Brüssel einen Zustrom internationaler Talente, der Zugang zur staatlich finanzierten Kultur findet. Und da es keine Stadttheaterstruktur gibt, macht es auch keinen Sinn, davon abgrenzend von einer Freien Szene zu sprechen.

Die Mittel für Kultur sind in Flandern seit 1999 verdoppelt worden und inzwischen vergleichsweise hoch: Neben den Kosten für die "großen Einrichtungen" stehen der Kultur in Flandern im kommenden Jahr 98 Millionen Euro zur Verfügung (vgl. die flämische Zeitung De Morgen vom 15.5.2009). Im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen, das dreimal so viele Einwohner hat, sollen es 2010 rund 140 Millionen sein.

In der Wallonie besteht im Prinzip das gleiche Finanzierungssystem. Auch hier werden sogenannte contrats-programme, (Programmverträge) zeitlich befristet geschlossen. Hier geschieht dies allerdings nicht zu einem einheitlichen Zeitpunkt. Außerdem ist die Zahl der kulturellen Akteure höher. Beides trägt zu einer gewissen Unübersichtlichkeit bei.

Undogmatisch postdramatisch
Das Verhältnis von Dramatik und Literatur ist in Flandern anders als in Deutschland. Anfang der achtziger Jahre wurde das politische Text- und Regietheater vertrieben: neue Inszenierungspraktiken zerstückelten Textvorlagen, und Bühnentexte wurden immer häufiger aus Probenmaterial erstellt. Der geschriebene Text war nicht mehr Träger der Inszenierung. Der flämische Schauspieler und Regisseur Jan Decorte "zerstotterte" Klassiker und legte damit den Grundstein für eine flämische Theaterhandschrift: Körperlichkeit, visuelle Poesie und eher ein Ringen um Sprache als textliche Dominanz.

Es gibt überhaupt eine intime Dialektik zwischen Theatertexten und Theaterpraxis. Die "Ten Oorlog"-Trilogie (1997) von Tom Lanoye wäre ohne die Arbeit des Regisseurs Luk Perceval kaum vorstellbar (1999 kam die deutsche Version der Rosenkriege-Adaption unter dem Titel "Schlachten!" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg heraus). Das gilt aber grundsätzlich für fast alle wichtigen flämischen Bühnenautoren: Für Josse de Pauw mit seinem monologischen Inszenierungen, Arne Sierens und seine volksnahen Vorlagen, Willy Thomas' Sprachspiele, Jeroen Olyslaeghers als Vertreter des dramatischen Theaters, Peter Verhalst und Stefan Hertmans mit ihren epischen Dramen, Hugo Claus sowie die philosophischen Fabeln von Pieter de Buysser.

Ihre Texte spielten bei der Selbstfindung der flämischen Kultur (die im politischen Kontext teils als eine extrem rechte Distanzierung gegenüber den frankophonen Nachbarn im eigenen Land praktiziert wurde und wird) den visuellen Arbeiten bloß zu. Die eigentlichen Akteure der flämischen Bühne waren Anne Teresa de Keersmaeker, Wim Vandekeybus, Jan Fabre, die Needcompany von Jan Lauwers sowie Alain Platel und Les Ballets C. de la B.. Das postdramatische Theater war in Flandern Realität, bevor es dogmatisiert wurde.