Dienstag, 23. Januar 2018
 

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Stückporträt Gott ist Schönheit

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Stückporträt Gott ist Schönheit
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Sehnsucht nach Titanen

von Katrin Bettina Müller

Vier Männer sitzen um einen Tisch, erschöpft schon vom Reden und Trinken. Hinter ihnen steht Jupiter am blanken Firmament, vor ihnen aber, und das hält ihren Blick fest wie eine Vision von der Zukunft, rauschen große, gefiederte Schwingen wie von einem Adler oder gar von einem Gott.

In dieser Tischgesellschaft hat sich der finnische Maler Akseli Gallen-Kallela 1894 selbst porträtiert, zusammen mit den Komponisten Jean Sibelius, Robert Kajanus und dem Freund Oskar Merikanto. Sie waren gemeinsam auf der Suche nach einer finnischen Renaissance, einer neuen Nationalkultur, die das noch als russisches Fürstentum regierte Land in die Unabhängigkeit führen könnte. Ein neuer Mystizismus und eine Begeisterung für die Mythen der Kalevala, denen Akseli Gallen-Kallela bald viele seiner Bilder widmen sollte, unterstützten sie dabei. Die Landschaft Finnlands war einer ihren mentalen Fluchtpunkte, der Okkultismus ein anderer.

Es mag eigenartig sein, das Nachdenken über ein finnisches Theaterstück der Gegenwart, das Kristian Smeds, ein Regisseur, Theaterautor und Theatergründer von Anfang 40, geschrieben hat, mit der Beschreibung eines Bildes vom Ende des 19. Jahrhunderts zu beginnen. Aber durch "Gott ist Schönheit" spuken die Künstlerbilder, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Suche nach einer nationalen Identität nicht nur in Finnland begleiteten, wie mächtige Gespenster. Und ebenso gegenwärtig ist die Suche nach einer Perspektive der Erhabenheit, nach einem romantischen Schauer und kunstreligiöser Ergriffenheit, wenn Smeds' Maler Vilho Lampi die Landschaft anruft.

Das Genie als Henker
Der finnische Maler Vilho Lampi, der Smeds' Künstlerfigur seinen Namen gab, gehörte allerdings einer etwas späteren Zeit an, er lebte von 1898 bis 1936. Die Bilder des wirklichen Vilho Lampi – Stilleben, Porträts von Bauern und Kindern, Ställe, Dorfszenen, Winter- und Sommerlandschaften – tragen schon Züge der Neuen Sachlichkeit und eines verhaltenen Expressionismus. Sie sind aber viel weniger pathetisch, als es Smeds' vor sich hin wütende und um sich schlagende Sprache erwarten ließe.

Da ist zum Beispiel der Künstler als Führer und Prophet, dem auf dem Weg der nationalen Selbstermächtigung vom Volk eine starke Rolle angetragen wird, eine der Optionen, der Smeds' eigenartiger Held im 5. Bild ("Der Henker") seines Stücks begegnet. "Nur als Führer erlangt der Mensch seine volle Größe", räsoniert Lampi, den der Text durch wechselnde Stationen seiner Selbstfindung begleitet. An dieser Stelle schiebt Smeds ein Lied von Kaarlo Kramsu (1855 – 1895) ein, eine hymnische Aufforderung, die Felder Finnlands mit dem Blut der nächsten Generation zu düngen. Und er arbeitet mit direkten Verweisen auf die Zeit des Faschismus, als sich Finnland, dessen Träume eigener Größe erst ein Bürgerkrieg, dann die sowjetische Besetzung verhindert hatte, den deutschen Nationalsozialisten anschloss. Das Konzept vom Künstler als großem Schöpfer und Titan, es steht nationalistischen und rassistischen Ideologien gefährlich nahe. Nicht umsonst ist das Kapitel "Der Henker" überschrieben.

Das Genie als Bauerntölpel
Eine andere Figur der frühen Moderne ist das dem Wahnsinn verfallene Genie, das an dem mangelnden Glauben seiner Mitmenschen leidet, womit sowohl das fehlende Vertrauen in Gott als auch in die Kunst gemeint sein kann. Dieser Topos ist im 6. Bild ("Paris") gegenwärtig. Lampi begegnet dort van Gogh und spiegelt sich in dessen Geschichte: "Ich bin ein Bauernjunge, mein Leben lang habe ich eine Arbeit gemacht, die stinkt, so wie's halt stinkt. Museumswerke interessieren mich nicht. Ich bin ein Bauerntölpel, will nur leben und malen wie ein Landarbeiter." Lampi torkelt wie ein Landei durch die Stadt, bemüht das Gefühl der Unterlegenheit unter Aggressivität zu verbergen.

Der Künstler als der Berufene. Der Künstler als der Auserwählte. Der für die anderen leiden muss. Der von ihnen gemieden und stigmatisiert wird. "Gott ist Schönheit" wimmelt von diesen Vorstellungen, die immer eine große Kluft zwischen dem Künstler und dem anderen Teil der Menschheit nahelegen. Was dagegen nirgendwo auftaucht, ist der Künstler als Unternehmer; sind die Posen der Popkultur; oder jene Konzepte, die seit Dada und Fluxus um eine Verzahnung der Kunst mit den verschiedenen Feldern der Realität bemüht sind.