Sonnabend, 20. Oktober 2018
 

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Stückporträt Fragile!

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Stückporträt Fragile!
von Tomo Mirko Pavlovic
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Das alte Herz der Finsternis

von Tomo Mirko Pavlovic

Der Balkan bleibt für Europas Westen das, was für König Blaubarts junge Braut das siebte Zimmer war: eine unheimliche Versuchung. Neugierig blickt jemand auf eine verschlossene Tür, hinter der sich mutmaßlich ein grausam schönes Geheimnis verbirgt. Der goldene Schlüssel offenbart schließlich eine entsetzliche, blutverschmierte Kammer, einen fensterlosen Alptraum bar jeder Logik, ohne Vergangenheit und Zukunft. Was hier geschah, kann niemand erklären. Wer diesen verbotenen anderen Raum je betritt, ist verloren, gezeichnet fürs ganze Leben. Und wenn doch einer wider Erwarten zurückkehren sollte ans Licht, werden ihn Schatten verfolgen, bleibt er befleckt wie der Schlüssel, mit dem er diese Welt zu entschlüsseln versuchte.

Nicht zufällig wählt Tena Štivičić für ihre erste Szene in "Fragile!" das verruchte Dunkel, einen unterirdischen Raum, "eine von den Kellerbars, die nie richtig gelüftet werden", wie es in der Regieanweisung heißt. Michi, der bulgarische Inhaber dieser muffigen Spelunke, wollte einst das Etablissement mitten in London "zum Bauchnabel der wandernden osteuropäischen Seele" werden lassen.

In Michis Schicksalszone
Doch inzwischen ist Michis Klub, der andere Raum, ein seelenloser Treff der gescheiterten Exilanten, wo zu vorgerückter Stunde, wenn der Balkanblues die Herzen bersten lässt, zerbrechliche Gläser, Spiegel und Frauen strapazierfähig sein müssen. Gutaussehende Frauen wie Mila etwa, die ihren Traum vom Musicalstar träumt, während sie als Animierdame dem halben Osten ihren wohlgeformten Po ins tumbe Gastarbeitergesicht streckt. Oder Marko, der sich eine Karriere als Komiker ausgemalt hat und bis auf weiteres bei Michi Bloody Marys mixt.

Irgendwann wird auch die Neuseeländerin Gayle hier auftauchen, eine talentierte Feierabendkünstlerin und vermeintliche Gutmenschin kurz vor dem kreativen Durchbruch, die auf der Suche nach authentischen Lebenswelten und Inspirationsquellen am liebsten mit traumatisierten Flüchtlingen wie Tiasha arbeitet. Tiasha hat sich verirrt, taumelt als sprachverkorkstes bosnisches Vergewaltigungsopfer durch Europas Bordelle, um schließlich in London Erik wiederzufinden, den norwegischen Kriegsreporter, mit dem sie vor Jahren im Krieg eine Liaison hatte. Der aber erinnert sich ungern an die Zeiten, als er noch etwas fühlen konnte; inzwischen lebt er als zynische Medienmaschine für das Prinzip Geld und schläft und kokst gern mit Mila. Der Kreis schließt sich in Michis Schicksalszone.

Dunkel lockender Balkan
Als die kroatische Autorin Tena Štivičić vor zwei Jahren für ihr "Fragile!" beim Heidelberger Stückemarkt gleich zwei Preise entgegennahm, gratulierte die Jurorin Sabina Dhein, Intendantin am Theater Erlangen, mit den Worten: "Es ist ein anderer, ein erschreckend neuer Blick auf die jüngste Geschichte Europas, das plötzlich so klein, eng und überschaubar wird und in dem sich die Nationalitäten auflösen. (…) In der Auseinandersetzung mit dem anderen suchen sie sich zu finden, sich zu spüren – egal, welchen Pass er in der Tasche trägt. 'Fragile' erzählt vom Fremdsein, von der Suche nach Heimat in einer fremden Stadt (…)."

Dem ist nur wenig hinzuzufügen, vielleicht das: Man kann "Fragile!" durchaus aus dem inzwischen doch altbekannten eurozentristischen Blickwinkel begutachten, überall kleine, Wärme suchende Ostmenschenopfer erspüren, wohlwollend die Nationalitäten wie die vielfältigen Illusionen der Immigranten verpuffen sehen und den Kurztrip auf den dunkel lockenden Balkan (Michis Kellerloch) eben als einen schauerlichen Ausflug in König Blaubarts siebtes Zimmer interpretieren.