Mittwoch, 15. August 2018
 

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Theaterlandschaft Niederlande

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Aber es gibt einen weiteren, eher organisatorischen Faktor zu bedenken. In den Niederlanden gab es historisch gesehen eine verwirrende Trennung zwischen Veranstaltungsorten und Kompanien. Theater (finanziert von der Kommunalverwaltung) gestalten ihr Programm unabhängig, und Theatergruppen (subventioniert von der nationalen Regierung) reisen durch das Land und haben üblicherweise keine eigene Spielstätte. Das führt zu einer fortschreitenden Spannung zwischen der Avantgarde (Kompanien werden wegen ihrer künstlerischen Qualität subventioniert) und konservativen Kräften (Stadträte kümmern sich nicht allzu viel um Kunst und wollen nur, dass ihr Theater im Rahmen des Budgets bleibt).

Eine Konsequenz aus dieser Spannung ist der Aufschwung von so genannten "freien Produktionen": halb-kommerzielle Aufführungen (die also "frei" von Subventionen sind) populärer moderner Stücke – zum Beispiel von Yasmina Reza – oder Adaptionen bekannter Bücher oder Filme mit niederländischen Berühmtheiten in den Hauptrollen. Und weil die Theater auf sich gestellt und daher risikoscheu sind, verdrängen diese freien Produktionen mit ihrer größeren Publikumssicherheit die seriöseren Theater allmählich aus den Spielstätten.

Neue Stücke werden kaum gespielt
Was bedeuten all diese Aspekte für den Gebrauch von Texten im niederländischen Theater? Ich denke, dass die starke Hinwendung zu Filmen und Büchern als Material den Bedarf an modernem Bühnenrepertoire ausfüllt. Neue Stücke, zum Beispiel von Marius von Mayenburg oder Falk Richter werden kaum gespielt.

Ivo van Hove, künstlerischer Leiter der Toneelgroep Amsterdam, heute die wichtigste Kompanie der Niederlande, führt entweder klassische Werke auf wie Shakespeares Römische Tragödien und "Trauer muss Elektra tragen" von Eugene O'Neill oder Filmadaptionen, kürzlich "Schreie und Flüstern" von Ingmar Bergmann und "Rocco und seine Brüder" von Visconti. Johan Simons, der nun in Belgien und in Deutschland arbeitet, und einer der hellsten Sterne am europäischen Theaterhimmel ist, adaptierte die "Dekalog"-Reihe von Krzystof Kieślowski und "Frau ohne Gewissen" von Billy Wilder für die Bühne. Guy Cassiers schuf sein opus magnum in Rotterdam, als er Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" für einen vierteiligen Bühnenzyklus adaptierte.

Aber die jüngere Generation geht noch weiter, indem sie Texte schreibt, die so kurzlebig sind wie ihre Bühnen. Eric de Vroedt und Marijke Schermer sind Autoren/Regisseure, die in den zahlreichen kleinen Spielstätten arbeiten und Texte für eine Produktion und nur eine Produktion verfassen. Sie schreiben über aktuelle Themen, wie zum Beispiel die niederländische Teilnahme am Afghanistan-Krieg, Populismus in der Politik und – unvermeidlich! – die Probleme, die mit der Integration ethnischer Minderheiten verbunden sind. Ihre Arbeit hat eine hohe Dringlichkeit und ist zugänglich, aber es fehlt ihr (ganz bewusst) an Beständigkeit.

Andere verzichten ganz auf Worte
Es ist nicht überraschend, dass die Arbeiten dieser Autoren bei diesen Themen wenig Vertrauen in die Kraft der Sprache zeigen. Sie verzichten auf Poesie, zitieren dafür aber Klischee-Phrasen von Politikern, Sozialarbeitern oder den Small-Talk zwischen Fremden im Supermarkt. Auch ihre Geschichten sind mehr oder weniger Collagen, die aus den Handlungsfragmenten klassischer Stücke konstruiert werden. De Vroedts "Mightysociety6" über einen niederländischen General, der in Afghanistan verrückt wird, ist zu gleichen Teilen "Apocalypse now", "Antonius und Cleopatra" und "Antigone", gewürzt mit dem Vokabular holländischer Soldaten und Bürokraten, übernommen von den Medien oder aus der Politik.