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Theaterlandschaft Niederlande

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Wo kein Drama ist, ist auch kein Zynismus

von Simon van den Berg

Wenn man das niederländische Theater kennenlernen möchte – wo könnte man beginnen? Möglicherweise hätte man eine natürliche Neigung – besonders, wenn man aus einer Deutsch sprechenden Region stammt – nach Autoren und Stücken zu fragen. Texte transzendieren im Grunde die vergängliche Natur von Theater, sie können leicht gelesen und übersetzt werden und auf diese Weise Brücken über Kulturen und Epochen schlagen. Allerdings würde man sich, versuchte man sich so dem niederländischen Theater zu nähern, vor einem sehr begrenzten Angebot wiederfinden, und schlimmer noch, das meiste verpassen, was charakteristisch für und aufregend an der zeitgenössischen holländischen Theaterszene ist.

Die Niederländer waren niemals große Dramatiker. Wir haben Vondel (17. Jahrhundert, klassisches Drama) und Heijermans (frühes 20. Jahrhundert, sozialer Realismus), die beide als nationale Kulturschätze anerkannt sind, (obgleich nur widerstrebend – die Niederländer neigen nicht dazu, sich in ihrer eigenen kulturellen Vergangenheit zu ergehen) deren Stücke aber selten gespielt werden. Meistens ließ uns unsere internationale Orientierung das Beste aus den französischen, deutschen und englischen Entwicklungen herauspicken, und Racine, Schiller, Shakespeare, Euripides, Ibsen und Tschechow sind weitaus bekannter als es irgendein niederländischer Dramatiker je sein wird.

Kollektive Performances oder Inspirationen von außerhalb
Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Die 60er und 70er Jahre brachten eine rasche Modernisierung des holländischen Theaters, nicht nur im Hinblick auf den Stil (hin zu einem konzeptionellen Zugriff auf die Inszenierung und einer naturalistischeren und transparenteren Spielweise), sondern vor allem auch im Hinblick auf die Art und Weise der Organisation. Nachdem die Nederlandsche Comedie, das wichtigste Ensemble des Landes, unter ihrem eigenen institutionellen Gewicht 1970 zusammengebrochen war, bildeten sich zahllose kleine experimentelle Gruppen.

Einige, wie das legendäre Werkteater, entwickelten sozialkritische Performances aus kollektiven Improvisationen der Schauspieler heraus. Andere Künstler, wie Lodewijk de Boer und Frans Strijards, schrieben und inszenierten ihre Stücke mit ihrer eigenen kleinen Truppe von Schauspielern. Und mehr und mehr Gruppen begannen, Inspiration aus Quellen außerhalb des Theaters, wie Bücher und Filme, zu ziehen, nicht indem sie eine Textfassung adaptierten, sondern indem sie eine theatrale Übersetzung direkt auf die Bühne versuchten.

Natürlich entwickelten niederländische Regisseure während der 80er und 90er Jahre auch postmoderne Interpretationen klassischer Stücke. Johan Simons, Gerardjan Rijnders und Jan Joris Lamers spielten ihre Rolle bei der Grundsteinlegung dessen, was der deutsche Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann in seinem gleichnamigen Buch später "postdramatisches Theater" nannte.

Trennung zwischen Kompanien und Veranstaltungsorten
Aber das ist eine breitere gesamteuropäische Bewegung. Ich glaube, dass die drei vorher genannten Trends – Emanzipation des Schauspielers als Co-Autor der Aufführung; die Entwicklung einer starken Do-it-yourself-Mentalität bei Theatermachern; ein offener Blick für mögliches Quellenmaterial – spezifisch niederländisch sind (auch wenn die ersten beiden bei unseren nächsten Nachbarn in Belgien Entsprechungen haben) und das niederländische Theater in seiner aktuellen Gestalt formten.


Aber es gibt einen weiteren, eher organisatorischen Faktor zu bedenken. In den Niederlanden gab es historisch gesehen eine verwirrende Trennung zwischen Veranstaltungsorten und Kompanien. Theater (finanziert von der Kommunalverwaltung) gestalten ihr Programm unabhängig, und Theatergruppen (subventioniert von der nationalen Regierung) reisen durch das Land und haben üblicherweise keine eigene Spielstätte. Das führt zu einer fortschreitenden Spannung zwischen der Avantgarde (Kompanien werden wegen ihrer künstlerischen Qualität subventioniert) und konservativen Kräften (Stadträte kümmern sich nicht allzu viel um Kunst und wollen nur, dass ihr Theater im Rahmen des Budgets bleibt).

Eine Konsequenz aus dieser Spannung ist der Aufschwung von so genannten "freien Produktionen": halb-kommerzielle Aufführungen (die also "frei" von Subventionen sind) populärer moderner Stücke – zum Beispiel von Yasmina Reza – oder Adaptionen bekannter Bücher oder Filme mit niederländischen Berühmtheiten in den Hauptrollen. Und weil die Theater auf sich gestellt und daher risikoscheu sind, verdrängen diese freien Produktionen mit ihrer größeren Publikumssicherheit die seriöseren Theater allmählich aus den Spielstätten.

Neue Stücke werden kaum gespielt
Was bedeuten all diese Aspekte für den Gebrauch von Texten im niederländischen Theater? Ich denke, dass die starke Hinwendung zu Filmen und Büchern als Material den Bedarf an modernem Bühnenrepertoire ausfüllt. Neue Stücke, zum Beispiel von Marius von Mayenburg oder Falk Richter werden kaum gespielt.

Ivo van Hove, künstlerischer Leiter der Toneelgroep Amsterdam, heute die wichtigste Kompanie der Niederlande, führt entweder klassische Werke auf wie Shakespeares Römische Tragödien und "Trauer muss Elektra tragen" von Eugene O'Neill oder Filmadaptionen, kürzlich "Schreie und Flüstern" von Ingmar Bergmann und "Rocco und seine Brüder" von Visconti. Johan Simons, der nun in Belgien und in Deutschland arbeitet, und einer der hellsten Sterne am europäischen Theaterhimmel ist, adaptierte die "Dekalog"-Reihe von Krzystof Kieślowski und "Frau ohne Gewissen" von Billy Wilder für die Bühne. Guy Cassiers schuf sein opus magnum in Rotterdam, als er Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" für einen vierteiligen Bühnenzyklus adaptierte.

Aber die jüngere Generation geht noch weiter, indem sie Texte schreibt, die so kurzlebig sind wie ihre Bühnen. Eric de Vroedt und Marijke Schermer sind Autoren/Regisseure, die in den zahlreichen kleinen Spielstätten arbeiten und Texte für eine Produktion und nur eine Produktion verfassen. Sie schreiben über aktuelle Themen, wie zum Beispiel die niederländische Teilnahme am Afghanistan-Krieg, Populismus in der Politik und – unvermeidlich! – die Probleme, die mit der Integration ethnischer Minderheiten verbunden sind. Ihre Arbeit hat eine hohe Dringlichkeit und ist zugänglich, aber es fehlt ihr (ganz bewusst) an Beständigkeit.

Andere verzichten ganz auf Worte
Es ist nicht überraschend, dass die Arbeiten dieser Autoren bei diesen Themen wenig Vertrauen in die Kraft der Sprache zeigen. Sie verzichten auf Poesie, zitieren dafür aber Klischee-Phrasen von Politikern, Sozialarbeitern oder den Small-Talk zwischen Fremden im Supermarkt. Auch ihre Geschichten sind mehr oder weniger Collagen, die aus den Handlungsfragmenten klassischer Stücke konstruiert werden. De Vroedts "Mightysociety6" über einen niederländischen General, der in Afghanistan verrückt wird, ist zu gleichen Teilen "Apocalypse now", "Antonius und Cleopatra" und "Antigone", gewürzt mit dem Vokabular holländischer Soldaten und Bürokraten, übernommen von den Medien oder aus der Politik.


Andere in ihrer Generation verzichten ganz und gar auf Worte. Junge Theatermacher wie Lotte van den Berg, Jetse Batelaan, Boukje Schweigman und Dries Verhoeven suchen nach spannenden neuen Theaterformen. Sie arbeiten meist außerhalb der Theater und entwickeln ihren Stil bei den beliebten Sommer-Festivals. Diese Festivals vermeiden die Dichotomie zwischen Avantgarde und Konservatismus, indem sie hohe Kunst, ortspezifisches Theater und erschwingliche Preise mit großem Erfolg in ihrem Programm miteinander in Einklang bringen.

Auf vielen Wegen führt diese Generation der heute Dreißigjährigen die Arbeit von Hollandia (Johan Simons' Gruppe in den 80er und 90er Jahren) und der Dogtroep, den Gründungsvätern des niederländischen ortspezifischen Theaters weiter, aber sie fügen ihre eigene Imaginationskraft und außergewöhnliche Innigkeit hinzu.

Hauptthema ist der Akt des Sehens selbst
Schweigman, eine ausgebildete Pantomimin, macht ein Theater trügerisch einfacher Bewegungen, die sich als unerwartet tiefgründig erweisen. Gemeinsam mit ihrem Bühnenbildner Theun Mosk kreiert sie intime Räume, in denen die Aufführenden und das Publikum unverfälschte Begegnungen erwarten können. Verhoeven, ursprünglich ein Bühnenbildner, schafft architektonische Installationsperformances, in denen der Zuschauer fast unmerklich zum Performer wird.

Van den Berg, die radikalste Regisseurin ihrer Generation, konstruierte einen geschlossenen Kasten mit einem Fenster für ihre Performance "Gerucht" (2007), in dem ihr Publikum einen belebten Platz in der Innenstadt betrachten konnte. Alle diese jungen Theaterschaffenden machen den Akt des Sehens selbst zu ihrem Hauptthema. Die alltägliche Natur der einfachen Sprache, die sie benutzen, wird durch die Poesie ihrer Bilder kompensiert. In einer ruhelosen Zeit suchen sie nach Mitteln, um Aufmerksamkeit und Konzentration zu erlangen und Urteil und Interpretation zu umgehen. Sie unterlaufen den Zynismus der Gesellschaft, indem sie bewusst naiv sind. Sie wollen sich nicht mit einem Randplatz in der Avantgarde begnügen und haben eine fundamental internationale Ausrichtung.

Vielleicht also braucht das niederländische Theater gar keine Stücke, um die Kluft zwischen verschiedenen Bühnenkulturen zu überbrücken. Die Aufführungen der derzeitigen Generation können das ganz von alleine.

(Aus dem Englischen von Dorit Schleissing)

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