Montag, 25. September 2017
 

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Theaterlandschaft Niederlande

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Wo kein Drama ist, ist auch kein Zynismus

von Simon van den Berg

Wenn man das niederländische Theater kennenlernen möchte – wo könnte man beginnen? Möglicherweise hätte man eine natürliche Neigung – besonders, wenn man aus einer Deutsch sprechenden Region stammt – nach Autoren und Stücken zu fragen. Texte transzendieren im Grunde die vergängliche Natur von Theater, sie können leicht gelesen und übersetzt werden und auf diese Weise Brücken über Kulturen und Epochen schlagen. Allerdings würde man sich, versuchte man sich so dem niederländischen Theater zu nähern, vor einem sehr begrenzten Angebot wiederfinden, und schlimmer noch, das meiste verpassen, was charakteristisch für und aufregend an der zeitgenössischen holländischen Theaterszene ist.

Die Niederländer waren niemals große Dramatiker. Wir haben Vondel (17. Jahrhundert, klassisches Drama) und Heijermans (frühes 20. Jahrhundert, sozialer Realismus), die beide als nationale Kulturschätze anerkannt sind, (obgleich nur widerstrebend – die Niederländer neigen nicht dazu, sich in ihrer eigenen kulturellen Vergangenheit zu ergehen) deren Stücke aber selten gespielt werden. Meistens ließ uns unsere internationale Orientierung das Beste aus den französischen, deutschen und englischen Entwicklungen herauspicken, und Racine, Schiller, Shakespeare, Euripides, Ibsen und Tschechow sind weitaus bekannter als es irgendein niederländischer Dramatiker je sein wird.

Kollektive Performances oder Inspirationen von außerhalb
Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Die 60er und 70er Jahre brachten eine rasche Modernisierung des holländischen Theaters, nicht nur im Hinblick auf den Stil (hin zu einem konzeptionellen Zugriff auf die Inszenierung und einer naturalistischeren und transparenteren Spielweise), sondern vor allem auch im Hinblick auf die Art und Weise der Organisation. Nachdem die Nederlandsche Comedie, das wichtigste Ensemble des Landes, unter ihrem eigenen institutionellen Gewicht 1970 zusammengebrochen war, bildeten sich zahllose kleine experimentelle Gruppen.

Einige, wie das legendäre Werkteater, entwickelten sozialkritische Performances aus kollektiven Improvisationen der Schauspieler heraus. Andere Künstler, wie Lodewijk de Boer und Frans Strijards, schrieben und inszenierten ihre Stücke mit ihrer eigenen kleinen Truppe von Schauspielern. Und mehr und mehr Gruppen begannen, Inspiration aus Quellen außerhalb des Theaters, wie Bücher und Filme, zu ziehen, nicht indem sie eine Textfassung adaptierten, sondern indem sie eine theatrale Übersetzung direkt auf die Bühne versuchten.

Natürlich entwickelten niederländische Regisseure während der 80er und 90er Jahre auch postmoderne Interpretationen klassischer Stücke. Johan Simons, Gerardjan Rijnders und Jan Joris Lamers spielten ihre Rolle bei der Grundsteinlegung dessen, was der deutsche Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann in seinem gleichnamigen Buch später "postdramatisches Theater" nannte.

Trennung zwischen Kompanien und Veranstaltungsorten
Aber das ist eine breitere gesamteuropäische Bewegung. Ich glaube, dass die drei vorher genannten Trends – Emanzipation des Schauspielers als Co-Autor der Aufführung; die Entwicklung einer starken Do-it-yourself-Mentalität bei Theatermachern; ein offener Blick für mögliches Quellenmaterial – spezifisch niederländisch sind (auch wenn die ersten beiden bei unseren nächsten Nachbarn in Belgien Entsprechungen haben) und das niederländische Theater in seiner aktuellen Gestalt formten.