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Dark Crossing / The Game is Over von Mark-Anthony Turnage

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Dark Crossing / The Game is Over von Mark-Anthony Turnage
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Junger Wilder vor Seelandschaft

von Wolfgang Behrens

Über Mark-Anthony Turnage kursiert eine hübsche Anekdote, und wenn sie nicht wahr ist, dann ist sie gut erfunden. Ihr zufolge wurde der britische Komponist einmal in einem Interview gefragt: "Was ist Ihre Ästhetik?" Und Turnage antwortete mit einem einzigen Wort: "Tja …". Es steckt viel in diesem "Tja", eine gewisse Ratlosigkeit, aber auch Trotz, und sogar ein wenig Spottlust. Denn ästhetisch hat es sich Turnage zwischen allen Stühlen bequem gemacht: Er war nie daran interessiert, sich irgendeiner Theorie oder Ideologie zu beugen. Und zum Begriff "Avantgarde" kann er vermelden: "Ich weiß, was er bedeutet, aber die Sache berührt mich nicht."


Eine gesunde Portion Unbekümmertheit steht hinter solchen Äußerungen: Es kommt hier wohl ein spezifisch britisches Naturell zum Ausdruck, dem – zu seinem Glück – so einige kontinentaleuropäische Zwänge fremd bleiben. Während man in Deutschland oder Frankreich noch heute – immerhin 60 Jahre, nachdem sich die Neue Musik (mit dem emphatischen großen N) in Zentren wie Darmstadt oder Donaueschingen in Stellung brachte – über Kategorien der Avantgarde wie Radikalität, Negation, Fortschritt oder Innovation trefflich zu streiten versteht, haben die Inseleuropäer das von jeher etwas gelassener gesehen. Die großen englischen Komponisten des 20. Jahrhunderts – Benjamin Britten oder Michael Tippett – positionierten sich eher abseits der "offiziellen" Strömungen der Neuen Musik, und Turnage folgt ihnen hierin bewusst nach.


Ist Jazz zu laut?

Einen quasi-avantgardistischen Traditionsbruch hat sich Mark-Anthony Turnage dann aber doch zuschulden kommen lassen; denn er hat von Anfang an in seine Musik etwas hineingelassen, das in den Zirkeln der Neuen-Musik-Szene lange Zeit verpönt war: Klänge und Rhythmen des Jazz, mitunter gar diejenigen des Rock. Turnage hatte nämlich herausgefunden, dass "Weltklasse-Leute wie Thelonious Monk, John Coltrane, Miles Davis, die aus der Musikgeschichte ausgeklammert wurden, in den 50er Jahren Sachen gemacht haben, die interessanter waren als zum Beispiel Boulez' 'Pli selon pli'". Diese Ansicht teilte natürlich nicht jeder – als Turnage 1979 am Londoner Royal College of Music mit einigen Kommilitonen eine Art Jazz-Workshop einrichtete, wurde dies von der Leitung des College unterbunden – mit der recht fragwürdigen Begründung, das Ganze sei zu laut!


Nicht immer indes war das Laute von Schaden: Mit den als roh und ungeschlacht wahrgenommenen, perkussiven Klängen seiner Oper "Greek" vermochte Turnage 1988 das Publikum der Münchner Opernbiennale in Aufregung zu versetzen – und avancierte so zum Star. Spätestens mit diesem Werk, das auf dem gleichnamigen Drama von Steven Berkoff beruht und das aggressiv-düstere Bild einer modernen Großstadt entwirft, hat sich Turnage den ihm hartnäckig anhaftenden Ruf eines "angry young man" erworben.


Dark Crossing

Die beim Osnabrücker Festival Spieltriebe 3 zur deutschen Erstaufführung kommenden Stücke "Dark Crossing" und "The Game is Over" zeigen Turnage jedoch von einer anderen Seite, weniger als "Jungen Wilden" denn als düster gestimmten Lyriker. Für die drei Sätze des Kammerorchesterwerks "Dark Crossing" (2001 von der London Sinfonietta unter Oliver Knussen in Basel uraufgeführt) streitet Turnage zwar – trotz des anscheinend programmatischen Titels – eine konkrete außermusikalische Inspiration ab, räumt im Gegenzug aber ein, dass sie eine gewisse Verwandtschaft mit der Bildgattung des Seestücks [seascape] aufweisen. Entsprechend sind die einzelnen, von Turnage als Etüden bezeichneten Sätze durchaus geeignet, beim Zuhörer bildhafte Assoziationen aufkommen zu lassen: Die dreimal aus der Tiefe anhebende Klangchiffre des Anfangs etwa, die im Verlaufe des ersten Satzes noch weitere Male wiederkehrt, beschwört wie von selbst eine nächtlich verschattete Meeresstimmung herauf.