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Henrik Hellstenius und seine Oper Ophelias: Death by water singing

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Henrik Hellstenius und seine Oper Ophelias: Death by water singing
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Theater der Träume

von Verena Großkreutz

In der symbolischen, schwer verständlichen Sprache des Traumes hat die Psychoanalyse schon früh Analogien zu jener der alten Mythen und Märchen entdeckt: Einer Sprache, "die eine andere Logik hat als unsere Alltagssprache, eine Logik, in der nicht Zeit und Raum die dominierenden Kategorien sind, sondern Intensität und Assoziation", so formulierte es 1951 der Psychoanalytiker Erich Fromm. Ähnlich der individuellen Traumarbeit übersetzen Märchen und Mythen allgemein Menschliches in eine bildhafte Sprache, die tiefe Einblicke in die psychische Innenwelt des menschlichen Kollektivs zulässt: in sein Verhältnis zwischen den Geschlechtern ebenso wie in seinen Umgang mit Trieben, Unglück und Tod oder in sein Verständnis von Gut und Böse.

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass bestimmte Mythenstoffe für die Begründer der Gattung Oper zu so etwas wie einer "Bibel" wurden, galt es doch zunächst einmal, das gesungene Wort auf der Bühne zu rechtfertigen. So avancierte der thrakische Singer-Songwriter Orpheus dank der überlieferten rätselhaften Macht seines Gesanges zu einer Art Schutzheiligen. Die traumnahe Sphäre des Mythos und die mit der Ratio nicht fassbare emotionale Wirkung von Musik gingen fortan in der Oper eine treue Ehe ein, die bis heute gehalten hat.

Der einzigartige Raum Oper
Auch der 1963 im norwegischen Bærum geborene Komponist Henrik Hellstenius erkennt in der Gattung Oper vor allem die Charakteristika eines Traumspiels: "Eine Opernproduktion zu sehen, ist wie das Theater der Träume zu erfahren; man betritt einen Raum, in dem Bewegung, Musik, Text und Bühne ineinander verwoben sind. Es ist dieses Geflecht, was das Einzigartige der Oper ausmacht – und nicht die Tatsache, dass eine Geschichte erzählt wird, dass da jemand singt oder sich auf der Bühne bewegt. Es ist die einzigartige Kraft, die entsteht, wenn alle diese Elemente verschmelzen. Das macht Oper zu einem ganz besonderen Erlebnis." Musik beruhe auf eigenen Gesetzen, aber sie sei bedeutungslos, wenn sie in einem theatralen Vakuum erklinge, so der Komponist.

In seiner 2005 im norwegischen Sandnes uraufgeführten Kammeroper "Ophelias: Death by water singing" griffen der Komponist und seine Librettistin, die norwegische Schriftstellerin Cecilie Løveid, auf William Shakespeares Drama "Hamlet" und die darin verarbeitete dänische Chronik des angelsächsischen Mythos von Amled zurück. Aber nicht der Held Hamlet, der den Tod seines Vaters rächen will, steht in Hellstenius' Oper im Mittelpunkt. Erzählt wird aus weiblicher Sicht – aus Ophelias Bewusstsein heraus, von Hamlet benutzt und betrogen worden zu sein:

"Die junge Ophelia wird an einen verfaulten, zerfallenden Königshof gebracht, um einen labilen Hamlet zu heiraten. Hamlet verliebt sich, Ophelia verliebt sich. Beide treffen sich im Wald und schlafen miteinander. Danach bleibt Ophelia schwanger und von Hamlet verlassen zurück. Der tötet den König. Ophelia wird wahnsinnig, als sie begreift, dass ihr Hamlet ein Mörder und Verräter ist. Sie ertränkt sich im Fluss", so Hellstenius. Die Handlung wird entsprechend der Logik des Traumes nicht linear erzählt: Sie führt durch 13 traumartige Bilder, in denen das Zeitgefüge in der Schwebe gehalten wird und sich Reales mit Irrealem vermischt. Für die Librettistin Cecilie Løveid, die in ihren Werken stets vom Interesse an weiblichen Versuchen, den Instinkten zu folgen, geleitet wird, ging es auch bei der Ausarbeitung der Charaktere der Oper "Ophelias" um die Macht der Motive hinter den Dingen.